Kölner Oberbürgermeisterin Reker räumt Fehler ein und bezeichnet ihren "Armlängen"-Satz als "unglücklich"

Die Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker hält ihren umstrittenen Ratschlag an Frauen, eine Armlänge Abstand zu Fremden zu halten um Übergriffe zu verhindern, rückblickend für "unglücklich". Er sei vor dem Hintergrund ihrer eigenen Erfahrung entstanden, so Reker, die am 17. Oktober 2015 selbst Opfer einer Messerattacke geworden war: "Wenn man selbst so eine Erfahrung gemacht hat, dann erhält man sich gerne eine Illusion der Wehrhaftigkeit aufrecht", erklärt Reker im ZEITmagazin. Mit Blick auf die Ausschreitungen und massenhaften sexuellen Übergriffe, die sich in der Silvesternacht rund um den Kölner Hauptbahnhof ereignet haben, sagt Reker, der Kölner Polizei fehle es "schon seit Jahren" an Personal: "Ich bin überzeugt, dass dies das größte Problem an Silvester war: Es waren schlicht zu wenig Einsatzkräfte vor Ort."

Ihr eigenes öffentliches Auftreten nach Silvester sieht die Kölner Bürgermeisterin selbstkritisch: "Vielleicht habe ich den Frauen, den Opfern, zu wenig Trost gespendet", räumt sie ein. "Aber meine Aufgabe ist es, dass diese Stadt funktioniert, ich bin nicht die oberste Hirtin. Mir geht es um die Sicherheit in der Stadt."

Mit dem Wissen, über das man im Vorhinein verfügt habe, so der nordrhein-westfälische Innenminister Ralf Jäger (SPD), "hätte man die Übergriffe nicht verhindern können". In der Nacht selbst seien dann Fehler gemacht worden: "In der Silvesternacht wussten viele etwas, aber keiner alles." Jäger zufolge sei es ein zentraler Fehler gewesen, dass der Einsatz der Polizei von der Kölner Polizeiinspektion Mitte geführt wurde.

Jäger kritisiert außerdem, dass sich die marokkanische Regierung bei Abschiebungen in das Land wenig hilfreich zeige. Seit Neujahr habe Nordrhein-Westfalen erst elf Marokkaner nach Marokko abschieben können. "Wenn das in dem Tempo weitergeht, dann ziehen sich die anstehenden Abschiebungen noch 25 Jahre hin", so Jäger.

Am Donnerstag, 23.06.2016, dem Erscheinungstag des ZEITmagazins, findet um 19 Uhr die Veranstaltung "Nach dem Exzess" zu den Rechercheergebnissen im Kölner Gloria-Theater statt. In Kooperation mit Instituten der Universität Köln versuchen unter anderem die Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker, die Anwältin Seyran Ateş und ZEITmagazin-Redakteur Mohamed Amjahid eine Bestandsaufnahme der Ereignisse.