Herbert Brücker vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung: Flüchtlinge werden Deutsche kaum Arbeitsplätze kosten

Der Wirtschaftsökonom Herbert Brücker glaubt nicht an die Verdrängung deutscher Arbeitnehmer durch Flüchtlinge: "Auf lange Sicht nein. Deutsche ziehen sich aus den niedrig qualifizierten Jobs immer mehr zurück", so Brücker vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung in der Wochenzeitung DIE ZEIT. Das betreffe etwa Reinigungs- und Pflegedienste oder die Landwirtschaft. "Unser Spargel wird heute in der Regel von ausländischen Erntehelfern gestochen. Ohne Migranten gäbe es weniger Landwirtschafts- betriebe in Deutschland. Solche Jobs wollen die meisten Deutschen nicht machen. Und viele Langzeitarbeitslose können sie nicht machen, weil sie zu alt sind oder körperliche Probleme haben."

Allerdings müssten Migranten, die schon in Deutschland leben, mit Konkurrenz durch Flüchtlinge rechnen: "Bei ihnen könnte die Arbeitslosenquote leicht steigen. Flüchtlinge konkurrieren vor allem mit anderen Ausländern, weniger mit deutschen Arbeitnehmern", so Brücker.

Erste Berechnungen aus nicht repräsentativen Daten über die Bildung der Flüchtlinge deuteten auf große Unterschiede hin, so Brücker: "36 Prozent haben in ihrer Heimat ein Gymnasium oder eine Hochschule besucht. Unter Flüchtlingen, die gute Chancen haben, in Deutschland zu bleiben, sind es sogar 46 Prozent. Auf der anderen Seite haben rund 30 Prozent gar keine Schule oder nur eine Grundschule besucht. Die Mitte des Qualifikationsspektrums ist dagegen dünn besetzt. Das ist ein eher ungünstiger Befund."

Nur bedingt realistisch sei deshalb "das Bild vom Vorzeige-Syrer im Blaumann, der in einem mittelständischen Unternehmen seine Lehre macht und an der Fräsmaschine steht", erklärt Brücker: "Flüchtlinge, die nur eine Grundschule besucht haben, bringen nicht die Voraussetzung für eine Ausbildung in Deutschland mit. Und die, die an der Uni waren, werden vermutlich eher ihr Studium fortsetzen wollen."

Von den Flüchtlingen, die in den neunziger Jahren vor allem vom Balkan und aus dem Nahen Osten gekommen seien, hätten ein Jahr nach der Ankunft knapp zehn Prozent einen Job gehabt. "Nach fünf Jahren waren es 50 Prozent. Nach 15 Jahren 70 Prozent – das entspricht ungefähr dem Bevölkerungsdurchschnitt in Deutschland. Die Flüchtlinge finden also Arbeit. Aber das braucht viel Zeit", so Brücker.