Türkischer Chefredakteur Can Dündar: Erdoğans Ideal ist nie die Demokratie gewesen

Can Dündar, Chefredakteur der linksliberalen türkischen Zeitung "Cumhuriyet", schreibt in der Wochenzeitung DIE ZEIT über die aktuellen Ereignisse in der Türkei. Das wahre Ideal des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan sei nie die Demokratie gewesen, sondern immer der Islam, kommentiert Dündar. "Die Demokratie sollte nur das Vehikel sein, das zum Ziel führte, ein Transportmittel, aus dem man am Ende aussteigen kann."

Um seine Rolle als muslimischer Demokrat aufrechtzuerhalten, habe Erdoğan das laizistische Militär und den Westen gleichzeitig beruhigen müssen: "Er präsentierte seine AKP als Projekt gegen die zunehmende Radikalisierung des Islams. Er inszenierte sich selbst als ‚gemäßigten Muslim‘." Lange sei seine autoritäre Art des Regierens dabei von Angela Merkel und anderen Staatsoberhäuptern ignoriert worden.

Der gescheiterte Putsch werde nun "tatsächlich zum ‚Gottesgeschenk‘ für den Präsidenten: ein Vorwand, um die Anhänger Gülens vollends aus Staatsstrukturen zu vertreiben und die Opposition weiter einzuschüchtern". Der Präsident sei aus dem Demokratie-Zug ausgestiegen, "aber wir Türken sitzen noch drin, nur leider ohne Zugführer".

Dündar, der in der Vergangenheit Waffenlieferungen des türkischen Geheimdienstes an radikale Islamisten aufgedeckt hat, wurde dafür von Erdoğan persönlich verklagt. Er sollte lebenslänglich in Haft. Kürzlich erging gegen ihn ein Urteil von fünf Jahren und zehn Monaten Haft. Dündar legte Widerspruch ein.