Neue Finanzmarkt-Regeln Die nackten Banker

Ein Jahr nach der Lehman-Pleite haben die G20-Staaten noch immer keine verbindlichen Regeln für das Finanzsystem umgesetzt. Das Vorhaben droht zu versanden.

Im Zentrum des Zorns: Der frühere Chef der gescheiterten Investmentbank Lehman Brothers, Richard Fuld, zieht die Wut der Anleger auf sich

Im Zentrum des Zorns: Der frühere Chef der gescheiterten Investmentbank Lehman Brothers, Richard Fuld, zieht die Wut der Anleger auf sich

Peer Steinbrück verbreitete Zuversicht. Die Regierungen der G-20-Gruppe zögen in Sachen Regulierung und Überwachung der Finanzmärkte "doch sehr an einem Strang", sagte der Bundesfinanzminister am Samstag vergangener Woche nach dem jüngsten Treffen mit seinen Kollegen aus den 20 wirtschaftlich führenden Industrie- und Schwellenländern. Das Signal, versicherte Steinbrück, sei klar: Es werde "keine Rückkehr zum Business as usual" wie vor der Krise geben.

Das klingt gut, doch die Zusicherung des SPD-Politikers ist bisher nicht gedeckt. Denn auch ein Jahr nach der weltweiten Schockwelle infolge der Pleite der New Yorker Investmentbank Lehman Brothers gibt es für die zentralen Elemente der vielfach versprochenen Reform des globalen Finanzsystems keine verbindlichen Vereinbarungen.

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So sind sich die G-20-Regierungen schon seit dem ersten Krisengipfel in Washington darüber einig, dass künftig Unternehmen für alle Arten von Finanzgeschäften mehr Eigenkapital vorhalten sollen, um für Krisenzeiten besser gerüstet zu sein. Nach Ausbruch der Krise hatte sich gezeigt, dass viele Geldhäuser ihre Gewinne dadurch in die Höhe getrieben hatten, dass sie ihren Kapitaleinsatz mittels hoher Kredite vervielfachten. Zugleich hatten sie mit allerlei Bilanztricks und Gesellschaften in Steueroasen die weltweit geltenden Vorschriften für die Mindestausstattung mit eigenem (Aktien-)Kapital unterlaufen.

Die Deutsche Bank zum Beispiel betreibt bis heute ihre Geschäfte mit 50 Mal mehr geliehenem Geld, als sie an Eigenkapital ausweisen kann. Nur so erreicht die Bank ihre umstrittene hohe Eigenkapitalrendite, vorausgesetzt die Zinskosten für das geliehene Geld sind geringer als die Gewinne aus den damit finanzierten Anlagen. Dumm nur, dass dieser sogenannte Kredithebel in beide Richtungen wirkt. Genauso, wie er die möglichen Gewinne vervielfacht, multipliziert er auch die Verluste. Darum verloren viele Banken im Gefolge der US-Hypothekenkrise binnen weniger Monate fast ihr gesamtes Eigenkapital und konnten nur noch mit Staatshilfen überleben – oder wie es Deutsche-Bank- Chef Josef Ackermann ausdrückte: "Wir haben uns fast nackt ausgezogen, und dann hatten wir keine Reserven."

Doch so einig sich alle Beteiligten bei der Diagnose dieser Schwäche sind, so umstritten sind die nötigen Gegenmaßnahmen. Dabei forderte jüngst US-Finanzminister Timothy Geithner sogar eine pauschale Begrenzung des Kredithebels ("leverage ratio"). Anders als bisher würde das benötigte Eigenkapital sich dann nicht mehr nach den – von den Banken selbst berechneten – Risiken richten, sondern es würde eine absolute Obergrenze für das Verhältnis von Eigen- und Fremdkapital geben. Dagegen laufen jedoch Banklobbyisten auf beiden Seiten des Atlantiks Sturm, weil dies die Gewinnchancen dauerhaft begrenzen würde. Die Entwicklung der Kredithebel sollte allenfalls Anlass für die Aufsichtsbehörden sein, "eine Bank genauer zu untersuchen", fordert etwa Bernd Brabänder, Geschäftsführer beim Bundesverband deutscher Banken. Keinesfalls solle es eine pauschale Obergrenze geben. Minister Steinbrücks Sprecher mochte zur Frage, ob die Bundesregierung Geithners Vorschlag unterstützt, denn auch lieber gar nichts sagen. Und beim Basler Ausschuss für Bankenregulierung, in dem die Notenbanker der G-20-Staaten die Details der angestrebten Regeln aushandeln sollen, hieß es brav, die Einführung einer Kredithebel-Grenze werde lediglich "erwogen".

Hinzu kommt, dass die meisten Banken wegen der Verluste infolge der Rezession derzeit ohnehin kapitalschwach sind. Angesichts der drohenden Kreditklemme sei die Forderung nach mehr Eigenkapital kontraproduktiv, beschwerte sich darum der Zentrale Kreditausschuss, dem alle deutschen Banken und Sparkassen angehören, in einem Brief an Minister Steinbrück.

Ähnliche Warnungen erhob die Finanzbranche auch in anderen G-20-Staaten. Folgsam versprachen die Minister daraufhin, die angestrebten Reformen erst umzusetzen, "wenn die Erholung sicher ist". Weil das vermutlich nicht in allen Staaten gleichzeitig eintreten wird, droht das gesamte Vorhaben im alten Standortwettbewerb der Staaten hängen zu bleiben.

Leser-Kommentare
    • fanta4
    • 12.09.2009 um 18:49 Uhr

    Die (angeblich) regierenden sind nicht in der Lage das Monster zu bändigen. War ja klar.

    Das Regierungsviertel von Deutschland ist in Frankfurt. Nach Berlin kommt man zum Geburtstag feiern.

    Und da wundert sich noch jemand über den Zulauf für die Linken hierzulande? Es müssen noch viel mehr die Linke wählen!

    • Kometa
    • 12.09.2009 um 19:40 Uhr

    Bei Brehm zu lesen:
    "Der Siamang (Hylobates syndactylus), wegen der am Grunde verwachsenen Zeige- und Mittelzehe auch wohl als Vertreter einer besonderen Untergattung betrachtet, ist der größte aller Langarmaffen und auch dadurch ausgezeichnet, daß seine Arme verhältnismäßig weniger lang als die der anderen Arten erscheinen. 'Seine Gestalt nackt gedacht', sagt Duvaucel, 'würde eine häßliche sein, besonders deshalb, weil die niedrige Stirn bis auf die Augenbrauenbogen verkümmert ist, die Augen tief in ihren Höhlen liegen, die Nase breit und platt erscheint, die seitlichen Nasenlöcher aber sehr groß sind und das Maul sich fast bis auf den Grund der Kinnladen öffnet. Gedenkt man sonst noch des großen nackten Kehlsackes, welcher schmierig und schlaff wie ein Kropf am Vorderhalse herabhängt und sich beim Schreien ausdehnt, der gekrümmten, einwärts gekehrten Gliedmaßen, welche stets gebogen getragen werden, der untervorstehenden Höckern eingesenkten Wangen und des verkümmerten Kinnes, so wird man sich sagen müssen, daß unser Affe nicht zu den schönsten seiner Ordnung gehört."

    Expressis verbis:

    Aus: Alfred Brehm: Die Menschenaffen. Aus: Brehms Thierleben. Bd. 13. Leipzig und Wien: Bibliographisches Institut 1911-1918)

    • keox
    • 12.09.2009 um 19:55 Uhr

    ist de facto und vom Selbstverständnis her der politische Arm einer mörderischen Wirtschaftsverfassung.

    Allein daher bezieht er seine 'Existenzberechtigung', auf Lappalien wie eine demokratische Legitimation ist er schon längst nicht mehr angewiesen.

    Es war also nur konsequent, daß das Parlament sich selbst kastrierte, als die Retter von Banken und ihren Großanlegern zur Tat schritten.

    Demnächst wird wieder ein Parlament gewählt, und auch wenn die Wahlbeteiligung auf 15% sinken sollte, auch diese so genannte Volksvertretung wird jede Sauerei im Namen des Volkes abnicken.

    Und genau diese Art von Demokratie sucht der Westen mit Militärgewalt in alle Länder dieser Welt zu exportieren.

    Schlafen Sie gut

  1. 4. Agonie

    Sich in Agonie zu befinden, darf vor allem nicht den Kredit von Finanzinstituten erhöhen. Dass Agonien dennoch momentan den Kredit steigern, drückt aus, dass Finanzmärkte gegenwärtig völlig enthebelt sind. Geithner plädiert deshalb dafür, diese Enthebelung sich brechen zu lassen.

  2. Monströse Projekte brauchen monströse Banken. Der Mensch hat jegliches Mass verloren. Der Grössenwahn regiert. Wir können nur hoffen dass die irgendwann wieder auf dem Boden der Tatsachen landen und ihren geistigen Höhenflug beenden. Ackermann ein Jahr auf Hartz gesetzt und die Sache ist in Ordnung.

  3. Wie sollte es anders sein?

    Die Analyse der Ursachen für den Zusammenbruch des Finanzsystems ist letztlich nicht über eine Symptombeschreibung hinausgegangen. Wer Finanzkrisen in Zukunft verhindern will, kann letztlich für nichts anderes plädieren als die Auflösung des Zinswesens selbst, d.h. die Auflösung des Renditegeldes. Dieses System zwingt der Wirtschaft einen Wachstumsdruck auf, den keine Wirtschaft standhalten kann; deshalb sind Zusammenbrüche auch in Zukunft vorprogrammiert. Die Zeitintervalle zwischen den Crashs werden immer kürzer werden.

    Diese Forderung in einer kapitalistisch orientierten Gesellschaft ist allerdings so abwegig wie einem Christen die Auferstehung bzw. dem Muslim den Prophetenstatus Mohammeds auszureden. Dabei ist der Glaube der Theisten glaubwürdiger und vor allem nachhaltiger als derjenige der Kapitalisten. Diese glauben schließlich an das Funktionieren eines Kettenbriefsystems. Traurig aber wahr!

    Demnach ist es nicht verwunderlich, dass die Kapitalisten ihre "10 Gebote" nicht neu schreiben werden... Sie können es gar nicht!!!

  4. Nachdem das ungeregelte neoliberale Weltfinanzsystem in der Weltwirtschaft beinahe eine „Kernschmelze des Weltfinanzsystems“ verursacht hat, den Steuerzahlern und Sparern für Reparaturarbeiten tief in die Taschen greift und ganz viele Arbeitsplätze vernichtet und bedroht, wird es Zeit, dass die von der Globalmarshallplan Initiative seit 2003 erhobene Forderung nach einer globalen Geldsteuer zur weltinnenpolitischen Steuerung des ungeregelten Weltfinanzsystems in Richtung auf eine weltweite ökosoziale Marktwirtschaft auf die Agenda zukünftiger Weltverträge kommt.

    Entscheidend wird sein, ob die Politik – national und global – sich aus der liebevollen Umarmung der Profiteure das Kasino Kapitalismus´ durch weltinnenpolitische Regelungen zu befreien und eine Therapie gegen das „Komasaufen“ an den Finanzmärkten einzuleiten vermag.

    Das Unwesen der angeblich so „hochkomplexen mathematischen Finanzprodukte“, die das Desaster durch Verschleierung verursacht haben, könnte mithilfe von ehrbaren, nicht nach Boni schielenden Finanz-„Dienstleistern“ abgeschafft werden.

    Die Medien müssen den Politikern – vor allem auch nach den Wahlen - immer wieder helfen, sich aus der „liebevollen Umarmung“ der Finanzmanager zu befreien und für die Wähler in Richtung eines „Weltfinanzsystems in Balance“ mit einer gerechten Verteilung des von allen erwirtschafteten Vermögens durch eine Ökosoziale Marktwirtschaft zu kämpfen.

    Harald Schumacher ist da ein großes Vorbild! Herzlichen Dank !

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    Die Medien müssen den Politikern – vor allem auch nach den Wahlen - immer wieder helfen, sich aus der „liebevollen Umarmung“ der Finanzmanager zu befreien und für die Wähler in Richtung eines „Weltfinanzsystems in Balance“ mit einer gerechten Verteilung des von allen erwirtschafteten Vermögens durch eine Ökosoziale Marktwirtschaft zu kämpfen.

    Welche Medien? Meinen Sie etwa die von den sechs (6) großen Verlagshäusern in Deutschland oder dem Murdock-Imperium oder denen in den USA, die auch nur einer handvoll gehören?

    Die sind doch Teil des Problems und werden mit Sicherheit nicht an einer solchen Lösung mitarbeiten.

    Die Abschaffung von FED, WTO und IWF (und diversen anderen in sich und mit anderen verknüpften Organisationen) wäre ein großer Schritt in die richtige Richtung - aber dann werden wohl wieder Präsidenten sterben. Präsident Wilson hat 1913 die USA an die Banken "verkauft", was er schnell als schlimmen Fehler erkannte.

    Die Medien müssen den Politikern – vor allem auch nach den Wahlen - immer wieder helfen, sich aus der „liebevollen Umarmung“ der Finanzmanager zu befreien und für die Wähler in Richtung eines „Weltfinanzsystems in Balance“ mit einer gerechten Verteilung des von allen erwirtschafteten Vermögens durch eine Ökosoziale Marktwirtschaft zu kämpfen.

    Welche Medien? Meinen Sie etwa die von den sechs (6) großen Verlagshäusern in Deutschland oder dem Murdock-Imperium oder denen in den USA, die auch nur einer handvoll gehören?

    Die sind doch Teil des Problems und werden mit Sicherheit nicht an einer solchen Lösung mitarbeiten.

    Die Abschaffung von FED, WTO und IWF (und diversen anderen in sich und mit anderen verknüpften Organisationen) wäre ein großer Schritt in die richtige Richtung - aber dann werden wohl wieder Präsidenten sterben. Präsident Wilson hat 1913 die USA an die Banken "verkauft", was er schnell als schlimmen Fehler erkannte.

  5. Die Medien müssen den Politikern – vor allem auch nach den Wahlen - immer wieder helfen, sich aus der „liebevollen Umarmung“ der Finanzmanager zu befreien und für die Wähler in Richtung eines „Weltfinanzsystems in Balance“ mit einer gerechten Verteilung des von allen erwirtschafteten Vermögens durch eine Ökosoziale Marktwirtschaft zu kämpfen.

    Welche Medien? Meinen Sie etwa die von den sechs (6) großen Verlagshäusern in Deutschland oder dem Murdock-Imperium oder denen in den USA, die auch nur einer handvoll gehören?

    Die sind doch Teil des Problems und werden mit Sicherheit nicht an einer solchen Lösung mitarbeiten.

    Die Abschaffung von FED, WTO und IWF (und diversen anderen in sich und mit anderen verknüpften Organisationen) wäre ein großer Schritt in die richtige Richtung - aber dann werden wohl wieder Präsidenten sterben. Präsident Wilson hat 1913 die USA an die Banken "verkauft", was er schnell als schlimmen Fehler erkannte.

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