"Die haben gewonnen, wir aber auch", lautet das Motto der Party. Die Gastgeber sind Lobbyisten und die feiern standesgemäß in der Austernbar im Berliner Hauptbahnhof – mit Blick auf Bundeskanzleramt und Bundestag. Der Ort verspricht neben der netten Aussicht auch gutes Essen. Die einladenden Interessensvertreter sorgen für einige wichtige Businesskontakte. Einer der ältesten Lobby-Clubs ist darunter – der 30er Multiplikatorenclub – andere sind beispielsweise die British Chamber of Commerce, die Deutsche Gesellschaft für Politikberatung (DeGePol) oder der schwedische Energiekonzern Vattenfall.

Gut besucht ist die Party aber nur am frühen Abend. Die Prognosen gehen von einem deutlichen schwarz-gelben Sieg aus und nicht wenige ziehen später lieber zu den Partys der Union und der FDP weiter. Zur SPD möchte keiner.

Aber erst einmal warten sie ab. Über die Flachbildfernseher in der Bar flimmern die Wahlergebnisse, dann gibt es kein Halten mehr. Lauter Jubel, Applaus, Klirren von Proseccogläser. "Wenn Möllemann das noch erlebt hätte!", sagt einer voller Pathos und hält sich am Stehtisch fest. Er meint diesen Satz sehr ernst, erinnert an den 18-Prozent-Wahlkampf und Möllemanns Verdienste für die FDP. Seine Augen glänzen wässrig. "Zumindest ist Tiefensee jetzt weg!", fügt er dann grinsend hinzu. Seinen Namen möchte er lieber nicht sagen, aber er erzählt, dass er als Bundesbeamter im Ministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung arbeite. Und jetzt ist er heilfroh. FDP-Mitglied sei er nicht, aber Sympathisant und Wähler. "Jetzt wird alles besser. Wir Beamten konnten Tiefensee nicht leiden", erzählt er.

Als FDP-Chef Guido Westerwelle vor die Kamera tritt, leert sich die Austernbar sehr rasch. Wer kennt wen, der jetzt was werden könnte? Einige Mitglieder im Verband der Jungen Unternehmer (BJU) wollen jetzt lieber schnell zur FDP-Party. Sie sind Anfang 30, tragen schnittige, perfekt sitzende Anzüge und süßliches Eau de Toilette. Was wollen sie denn bei der FDP? Na, gratulieren, gucken, wer noch so da ist, mit "ein paar Leuten sprechen", erklärt einer. Er habe eine Beraterfirma, erzählt er. Ihr Vorstandsvorsitzender Dirk Martin ist auf einer Veranstaltung der Bundeszentrale für politische Bildung und äußert sich nun im ZDF. Dass der Markt entfesselt werden solle, das wünschen sich die jungen Unternehmer. "Wir brauchen dringend ein klares Bekenntnis zu einer konsequenten Wachstumspolitik", sagt der junge Berater.

Die Wirtschaftskrise ist für sie an diesem Abend ganz weit weg. "Wir sind die Leistungsträger dieser Gesellschaft und wir möchten, dass sich unsere Leistung auszahlt!", sagt der junge Unternehmer in der Austernbar noch und zieht dann seine blonde, sehr junge, sehr schlanke Freundin hinter sich her. Husch, husch, zum Taxi.

Gegen halb neun ist auf der Lobby-Party fast schon niemand mehr da. Auch das Büffet ist völlig abgegrast. "Es war eh nicht sehr reichhaltig. Vattenfall war für die Bewirtung zuständig", feixt ein PR-Berater mit halblangen, blonden, zurückgegelten Haaren. Auch die Getränke kosten. Vier Euro für ein Glas Prosecco. Wer noch etwas essen möchte, zahlt ebenfalls selbst. Bei der CDU gebe es jetzt noch Bratwürstchen mit Parteilogo, bei der FDP Grillhähnchen und Champagner. Bei den Lobbyisten halten nur noch einige junge Mitarbeiter einer Online-Agentur die Partyfahne hoch und bestellen  eine Runde Bier. Das Servicepersonal ist müde und möchte gerne nach Hause.

Während die Elefantenrunde über die Bildschirme flimmert, fragt einer: "Hätten Sie das Ergebnis so vorausgesehen?". Der Mittdreißiger wartet gar nicht auf Antwort, sondern redet gleich weiter. Dabei umklammert er sein Bier. Er wirkt so, als wüsste er nicht so recht, ob er gehen oder bleiben soll. Oder ob er überhaupt auf der richtigen Party ist. Eigentlich ist er Sozialdemokrat, erzählt er, als Schüler und Student habe er mit den Jusos Revolution machen wollen. Damals half er mit bei den Schröder-Wahlkämpfen und hoffte mit dem rot-grünen Regierungswechsel auf eine sozialere Welt. Die ist nicht gekommen. Rot-Grün ist längst Geschichte. Dafür ist jetzt Wirtschaftskrise, aber die mache ihm nicht so viel aus. Er ist Lobbyist und Politikberater. Tief in ihm schlägt das Herz noch links. "Der Sozialdemokrat in mir trauert", sagt er halb ironisch und blickt in sein Bier. "Ich bin immer noch SPD-Mitglied." Wird er es bleiben? Der Politikberater zuckt mit den Achseln. "Keine Ahnung. Vielleicht geht es ja irgendwann wieder bergauf?".