Wahlkampfzeit ist Märchenzeit. Im Kampf um die meisten Stimmen versprechen die Parteien viel und reden die Bilanz ihrer bisherigen Regierungszeit schön. ZEIT ONLINE hat deswegen den Lügendetektor ausgepackt. In den kommenden Wochen bis zur Wahl nehmen wir uns regelmäßig zentrale Aussagen der Parteien vor und prüfen sie auf ihren Wahrheitsgehalt. Im achten Teil unserer Serie untersucht Marlies Uken die Behauptung der Union, Deutschland sei auf Kernkraft angewiesen.

"Die Kernenergie ist vorerst unverzichtbarer Teil in einem ausgewogenen Energiemix." (CDU-Wahlprogramm)

Sie ist sanfter geworden, die Union. Seit einigen Jahren geht sie das Thema Kernkraft auffällig zurückhaltend an eine Reaktion auf die Sicherheitsdiskussion, die zuletzt durch die erneute Abschaltung des Vattenfall-Meilers Krümmel und die neuen Erkenntnisse über das Atomlager Asse neue Nahrung erhielt.

In ihrem aktuellen Programm betont die Partei, dass sie einen Neubau von Atomkraftwerken ausdrücklich ablehnt. 2005 war eine solche Passage noch nicht im Wahlprogramm zu finden. Unionsvorsitzende Angela Merkel plädiert allerdings dafür, die Laufzeiten der "sicheren deutschen Anlagen" zu verlängern also für einen Ausstieg aus dem Atomausstieg. Diese Linie wird von der CSU mitgetragen, auch wenn der bayerische Umweltminister Markus Söder (CSU) angekündigt hat, dass er im Falle einer Laufzeitverlängerung Gegenleistungen von den Konzernen erwartet, darunter einen Beitrag zur milliardenschweren Sanierung des Atommüllzwischenlagers Asse.

Der Standpunkt des möglichen Koalitionspartners FDP ist ähnlich. Käme es nach der Bundestagswahl aber erneut zu einer Großen Koalition, wäre der Konflikt zwischen den Regierungsparteien programmiert. Geht es nach der SPD und den Grünen, darf am Atomausstieg auf keinen Fall gerüttelt werden. Erst im TV-Duell am Wochenende warnte SPD-Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier, dass sonst nötige Investitionen in erneuerbare Energien ausblieben.

Welche Bedeutung hat also die Kernenergie in Deutschland und brauchen wir sie tatsächlich als Übergangstechnologie? Zunächst erst einmal ein paar Fakten zum Energiemix: Er ist mit Strom aus Kohle, Gas, Kernkraft, Wind, Wasserkraft und Biomasse schon heute ganz schön bunt. Der wichtigste Energielieferant ist die Braunkohle, dicht gefolgt von der Kernenergie. Die 17 Atommeiler, die in Deutschland derzeit laufen, lieferten im vergangenen Jahr rund 23,3 Prozent des Stroms.

Die Bedeutung der Atomkraft sinkt allerdings. Das zeigen die Zahlen der AG Energiebilanzen, in der sich Verbände der Elektrizitätswirtschaft und Forschungsinstitute zusammengeschlossen haben also durchaus ein branchenfreundlicher Verein. Vor fünf Jahren lag der Atomstromanteil noch bei 33,8 Prozent. Drei Jahre später, im Jahr 2007, waren es nur noch 27,9 Prozent.

Obwohl die Bedeutung der Kernkraft also sinkt, kann Deutschland sogar Strom exportieren. Seit fünf Jahren verkaufen die deutschen Versorger ihre Überschüsse ins Ausland. Im Jahr 2008 waren das 22,4 Milliarden Kilowattstunden. Das ist sogar noch mehr als im Jahr 2007 (19,1 Mrd. Kwh). Deutschland konnte die Produktion von Atomstrom sogar steigern, obwohl im vergangenen Jahr diverse Atomkraftwerke nicht am Netz waren.

Unter anderem fielen die beiden Vattenfall-Kraftwerke Brunsbüttel und Krümmel komplett aus. Auch das RWE-Kraftwerk Biblis lief nicht das ganze Jahr durch. Greenpeace kommt in einer Studie zu dem Schluss, dass sich die sieben ältesten Meiler in Deutschland problemlos abschalten ließen, ohne dass die deutsche Industrie und Privathaushalte mit Beeinträchtigungen rechnen müssten.