Eine Quizfrage: Wie hoch muss die Gehaltserhöhung für einen Durchschnittsverdiener ausfallen, damit er sich Benzin im Warenwert von zehn Euro (Netto-Tankstellenpreis) leisten kann? Antwort: Es sind 78 Euro. Denn unglaubliche 68 Euro versickern in zehn verschiedenen Töpfen von Steuern und Sozialversicherungen. Hätten Sie das gewusst? Viele ahnen zwar, dass der Staat besonders die Normalverdiener abzockt, aber das wahre Ausmaß dieses Lohnraubs erstaunt dennoch.

Man wünscht sich, die Politik wäre bei der Lösung drängender Probleme genauso kreativ wie bei den raffinierten Methoden, mit denen sie Arbeitnehmern ins Portemonnaie greift. Von jedem zusätzlichen Euro bleibt einem Durchschnittsverdiener nur ein Drittel – den Löwenanteil teilen Finanzamt und Sozialversicherungen unter sich auf. Merkwürdig, dass selbst die Gewerkschaften dieses massive, strukturelle Gerechtigkeitsproblem ignorieren. Die Gewerkschaften regen sich eher – zu recht - darüber auf, dass Deutschland Europas Schlusslicht bei der Lohnentwicklung ist.

Einer Studie der Hans-Böckler-Stiftung zufolge sind Löhne und Gehälter zwischen 2000 und 2007 sogar inflationsbereinigt geschrumpft, während es beispielsweise in Frankreich zweistellige Zuwachsraten gab. Was die Gewerkschaften nicht beachten ist, dass es manch einem Arbeitnehmer mittlerweile sowieso egal ist. Getreu dem Motto "es bleibt von der Erhöhung ja nichts hängen".

Das Ausmaß der Enteignung der Normalverdiener bestätigt alljährlich die OECD: Egal ob Single, Alleinerziehende/r oder Familie, die Abgaben in Deutschland liegen stets um etwa ein Drittel über dem OECD-Durchschnitt. Die Kombination aus unterdurchschnittlicher Lohnentwicklung und überdurchschnittlicher Abgabenbelastung, ist für die Mittelschicht finanziell tödlich.

Kein Wunder, dass nirgendwo in Europa weniger Menschen Immobilieneigentum haben als in Deutschland. Die Wohnung zur Miete, das Auto finanziert, Liquidität nicht vorhanden: Immer mehr Menschen, auch aus der klassischen Mittelschicht, haben kein Nettovermögen. Ein Armutszeugnis für die Politik. Die Mittelschicht jammert keineswegs grundlos und schon gar nicht auf hohem Niveau. Viele Jobs, die früher einen stetigen Vermögensaufbau ermöglichten, reichen heute gerade fürs Überleben.

In den Fünfziger Jahren zahlten nur Spitzenverdiener die Spitzensteuer

Die erste Ursache für das kümmerliche Netto ist das deutsche Steuerwesen. Von Steuer-“Recht“ kann da schon lange keine Rede mehr sein. Das zeigt sich schon bei der Dreistigkeit der so genannten "Kalten Progression". Die deutsche Steuertabelle ist nämlich wohl weltweit die einzige "Preisliste", die seit 1958 die Inflation ignoriert. Logisch, dass damals die Spitzensteuer auch nur wirkliche Spitzenverdiener zahlten, denn dazu war das zwanzigfache Durchschnittseinkommen erforderlich.