"Den BMW-Kombi taste ich nicht an." Thomas Fischer, 43 Jahre, Berlin, Wirtschaftsinformatiker in der IT-Branche

Ich verdiene nicht schlecht, 60.000 Euro brutto im Jahr. Wir entwickeln eine Plattform, mit denen Banken und Versicherungen Bausparverträge und Finanzdienstleistungen über das Internet verkaufen. Auch meine Frau arbeitet ganztags, und dennoch führen wir kein Leben wie sich andere vielleicht das Leben der Doppelverdiener vorstellen.

In diesem Jahr haben wir keinen Urlaub gemacht, keine Möbel gekauft, kein Auto. Und es blieb fast nichts übrig, was wir hätten auf die hohe Kante legen können.
Wir suchen gerade nach einer etwas größeren Wohnung, weil der Kleinste jetzt doch mehr Platz braucht. Wir haben eine schöne Wohnung gesehen, nette Gegend, Dachgeschoss, zwei Bäder, was gut wäre, weil der älteste in die Pubertät kommt und ein bisschen schwierig wird. 400 Euro hätte sie mehr gekostet als die alte Wohnung, 200 Euro für mich, 200 Euro für meine Frau.

Wir haben gerechnet. Wir werden die Wohnung nicht nehmen. Gut, ich könnte am Auto sparen, rund 200 Euro kostet mich mein BMW-Kombi im Monat. Aber das will ich nicht. Das ist das einzige, wo ich sage: Es muss absolut so sein, wie ich das möchte.

In den letzten sieben Jahren habe ich sechs Mal den Job gewechselt. Die Firma, bei der ich zuvor war, wurde mit Geldern aus der Private Equity finanziert. Und irgendwann fehlte dieses Geld. Insolvenz. Plötzlich, am 26. September 2007, kam kein Lohn mehr und ich wusste nicht, wovon ich die Miete zahlen würde. Ich blieb ganz ruhig in diesem Moment, ganz klar, obwohl ich niemanden kannte in meinem Freundeskreis, zu dem ich hätte gehen können: Leih mir mal bitte 6000 Euro für die nächsten zwei Monate. Angst vor dem Abstieg habe ich schon immer, das kriegst du nicht weg. Ein bisschen ruhiger bin ich geworden, sagt meine Frau.

Die im Vorstand dieser Firma wussten damals schon früher, dass die Insolvenz kommt. Und so haben sie noch einmal schnell Laptops gekauft, Spesen gemacht, Winterreifen für die Autos. Summen waren das, mit denen man uns noch ein halbes Jahr hätte weiter bezahlen können. Heute arbeiten die in Vorstandspositionen in anderen großen Firmen. An denen bleibt nie was hängen.

Die Schulden von damals sind zwar längst bezahlt, aber die Schufa hat sie bis heute nicht vergessen.

Ich habe mich gleich nach dem Studium selbständig gemacht, Gründerkredit, das war alles kein Problem. Aber dann lief es nicht so gut, die Zahlungsmoral der Kunden war auch nicht besonders – schon war ich pleite und hatte Schulden. Das prägt, das steckt dir in den Knochen. Bislang denke ich noch: Wenn ich den Job verliere, finde ich eben einen neuen. Aber in sieben Jahren bin ich 50. Und ob es dann noch so einfach klappt?

Früher habe ich immer FDP gewählt. Erst als Schröder kam, habe ich für die SPD gestimmt. Er lag mir einfach. Heute wäre Steinbrück mein perfekter Kanzler. Er heuchelt nicht. Er sagt, dass wir das Geld, das wir für die Banken brauchten, auch wieder zurückzahlen müssen. Klar, das werden wir sein. Wer denn sonst? Ich habe mir vor dem Gespräch eine Statistik angeschaut. Wir Festangestellten werden doch immer weniger. Man muss es ja von uns holen. Ich habe meinen Job noch, weil die Banken gerettet wurden. Was soll ich mich da beklagen?

Die FDP, meine alte Partei, würde ich heute niemals mehr wählen. Ein FDP-Finanzminister, der an die heilsamen Kräfte der freien Finanzmärkte glaubt, das wäre mein Alptraum. Das würde die Mittelschicht noch mehr schrumpfen lassen.

Letztens habe ich meiner Frau gesagt: Weißt du, dass wir in den letzten vier Jahren 55.000 Euro Miete gezahlt haben? Sie war richtig ärgerlich und sagte: Warum sagst du mir das? Seither wäre sie sehr fürs Kaufen. Für einen halbwegs vernünftigen Kredit bräuchten wir 60.000 Euro Erspartes. Geld, das wir nicht haben. Und außerdem würde genau die Software, die ich entwickle, ein rotes Licht zeigen, wenn sie meinen Kredit durchrechnet: Die Schulden von damals sind zwar längst bezahlt, aber die Schufa hat sie bis heute nicht vergessen. Genau wie ich.