ZEIT ONLINE: Sie sind als Wirtschaftsethiker nicht nur gegen überhöhte Banker-Boni, sondern halten Leistungsanreize in Unternehmen generell für schädlich. Warum?

Ulrich Thielemann: Ethisch ist es höchst fragwürdig, Personen durch materielle Versprechen steuern zu wollen. Dahinter steckt ein verdinglichendes Denken: Es degradiert andere Menschen zu Objekten. Das ist der Generalvorbehalt gegenüber Anreizsteuerungen – obgleich manche sich sehr gerne zu Objekten degradieren lassen, weil das sehr lukrativ ist. Mitarbeiter, die Boni erhalten, lassen sich dadurch häufig ihre Professionalität und Integrität abkaufen.

ZEIT ONLINE: Ist es – unabhängig von den Exzessen der Banken – nicht professionell, durch die eigene Arbeit zum Gewinn des Unternehmens beizutragen?

Thielemann: Das Streben nach Gewinnen ist selbstverständlich legitim. Dies gilt aber nicht für die ausschließliche Ausrichtung von Unternehmen und Mitarbeitern am Gewinn.

ZEIT ONLINE: Wie würde professionelles Arbeiten aus Ihrer Sicht aussehen?

Thielemann: Jeder Beruf hat seine eigenen Qualitätsstandards. Diese definieren, was eine gute Berufsausübung ist. In der Praxis stehen diese Standards jedoch häufig in einem Spannungsverhältnis zur Profitabilität einer Arbeit. Eine Firma allein nach ihrer Rendite zu beurteilen, steht daher im Gegensatz zu den Prinzipien guter Unternehmensführung.

ZEIT ONLINE: Was heißt das konkret, beispielsweise für die Banken?

Thielemann: Sie sollten sich eine Mission geben, die gesellschaftlich Sinn macht. Und Kunden, Mitarbeiter und weitere Beteiligte und Betroffene fair behandeln. Dies ist nur möglich, wenn die Geschäftstätigkeit nicht auf eine einzige Maßgabe ausgerichtet wird, den Shareholder Value. Dass es auch ohne ökonomische Radikalität geht, zeigt ja ein Hinweis, der sich häufig in Geschäftsberichten findet. Dort bekundet das Management, dass man von nun an das Unternehmen "konsequent" auf Profitabilität und sonst gar nichts ausrichten möchte. Vorher spielten also durchaus auch andere Relevanzen eine Rolle.

In den USA gab es Banker, die die Vergabe von sogenannten Ninja-Hypotheken an Kunden ohne Einkommen, Job und Vermögen hassten. Ihre Bedenken wurden im Bonusregen ertränkt. Das Perfide an solchen Anreizen ist ja, dass sie die Angestellten oberflächlich betrachtet zu nichts zwingen. Wer ihnen nicht folgt, wird nicht unbedingt entlassen. Aber er findet sich auf der Verliererstraße gegenüber Kollegen, denen Skrupel fremd sind. Dass diese Praktiken mit professionellen Standards nicht vereinbar sind, zeigt auch das berühmte E-Mail zwischen Analysten: "Lass uns hoffen, dass wir alle reich und pensioniert sind, wenn dieses Kartenhaus zusammenbricht." (Zu finden z.B. in diesem pdf-Dokument der US-Börsenaufsicht SEC, Fußnote 8 auf Seite 12, Anm. d. Red.)

ZEIT ONLINE: Sie fordern Integrität und Professionalität des Einzelnen. Aber der steckt oft selbst in der Zwickmühle. Manager wollen möglichst hohe Gewinne erzielen, damit ihre Unternehmen nicht zu Übernahmekandidaten werden. Hinter den institutionellen Anlegern, die ebenfalls auf der Suche nach hohen Renditen sind, stecken häufig Arbeitnehmer, die für ihre Rente sparen oder für den Fall von Arbeitslosigkeit vorsorgen. Wie ist das Dilemma zu lösen?

Thielemann: Wer hat denn nicht den Anspruch, dass sein Handeln von Integrität und Professionalität getragen ist? Aber die Einsicht des Einzelnen ist in der Regel zu schwach und führt zu Überforderungen. Darum muss die Individualethik durch ordnungsethisch bestimmte Rahmenbedingungen gestützt werden.

 Forderungen an die Politik

ZEIT ONLINE: Aber häufig fehlt den Einzelnen doch auch die Einsicht. Sie verfolgen eben ihre eigenen Interessen.

Thielemann: Als Wirtschaftsethiker gehe ich von der Annahme aus, dass die Akteure für ihr Handeln eine ethische Rechtfertigung im Hinterkopf haben. Etwa die, dass man sich sagt: "Wir sind erfolgreich, wir schaffen doch Werte. Und das ist doch letztlich gut für alle." Dies ist der Ökonomismus. Oder mit Max Frisch gesprochen: "Vernünftig ist, was rentiert." Das ist auch eine ethische Konzeption. Nur eben leider eine falsche.

ZEIT ONLINE: Zu warten, bis die Ethik der Banker sich wandelt, ist auch keine Lösung.

Thielemann: Zum einen ist es ja nicht einfach ein Warten. Mir geht es darum, jene, die dem Ökonomismus, der Marktgläubigkeit, anhängen, durch Argumente herauszufordern. Zum anderen ist die Legitimität und Verantwortbarkeit des Wirtschaftens nie allein auf einer Ebene – etwa die der einzelnen Banker – zu gewährleisten, sondern auf mehreren Ebenen zugleich: Durch den Einzelnen, durch ein Unternehmen, durch eine ethisch gut fundierte Rahmenordnung.

ZEIT ONLINE: Stichwort Rahmenordnung: Tut die Politik das Richtige, wenn sie die Managergehälter begrenzen will wie gerade US-Präsident Obama?

Thielemann: Im Prinzip ja. Dabei geht es auch darum, den Einfluss des Kapitals auf die Unternehmensführung zu begrenzen. Das hat auch eine volkswirtschaftliche Dimension. Die Realwirtschaft ist nämlich gar nicht in der Lage, die Renditen zu erwirtschaften, die von einem gigantisch angewachsenen Kapital gefordert werden. Das sollte sie auch gar nicht sein.

Bislang wurde das Kapital ja regelrecht hofiert. Viele Ökonomen meinten, das müsse so sein, um Arbeitsplätze zu schaffen. Aber das ist eine vollkommen naive Vorstellung und vernachlässigt die zerstörerische Kraft, die vom Kapital ausgeht. Statt das Kapital steuerpolitisch zu privilegieren, ginge es heute global darum, es wieder gleichmäßig zu besteuern, auch um Renditedruck aus dem System zu nehmen.

ZEIT ONLINE:Und die Boni?

Thielemann: Mir scheint die Reduktion des Anteils variabler Vergütungen unverzichtbar. Der verbleibende Anteil sollte nicht als "Anreiz" ausgerichtet werden, sondern eher als eine nachträgliche Belohnung für gute Arbeit. "Gut" ist die Arbeit natürlich nicht nur dann, wenn sie dem Shareholder Value dient, sondern wenn sie professionellen Standards genügt und von Integrität getragen ist. Damit lassen sich durchaus Markterfolge und Renditen erzielen, allerdings keine maximalen.

Ulrich Thielemann ist Vizedirektor am Institut für Wirtschaftsethik der Universität St. Gallen. Er erforscht das Verhältnis zwischen Markt, Wettbewerb, Freiheit und Gerechtigkeit. Seine zentrale These: Ein alles bestimmender Markt führt zu Unfreiheit, darum ist er in eine gesellschaftliche Werte- und Rechtsordnung einzubetten. Darüber schrieb er in seinem jüngsten Buch "System Error", erschienen im September 2009 im Westend Verlag

Die Fragen stellte Alexandra Endres