ZEIT ONLINE: Die Ökonomie wird ja schon ein mal als "trostlose Wissenschaft" bezeichnet, ihre Forschungsergebnisse wecken hingegen große Hoffnungen. Menschen können offenbar viel erfolgreicher miteinander kooperieren als bislang angenommen. Bekommen wir doch noch die großen Menschheitsfragen in den Griff, allen voran das Klimaproblem?

Elinor Ostrom (lacht): Wir werden es wohl müssen ...

ZEIT ONLINE: Bislang haben Ökonomen und Politikwissenschaftler auf solche Fragen Antworten gegeben, denen ein recht pessimistisches Menschenbild zugrunde liegt: Öffentliche Güter sollte man privatisieren oder staatlich beaufsichtigen. Alles andere seien Fantasien von Latzhosenträgern.

Ostrom: Die Wirtschafts- und Politikwissenschaftler sind mit diesem Glauben nicht allein. Der Schlüsselartikel von der Tragedy of the Commons ...

ZEIT ONLINE: ... der zu dem Schluss kam, gemeinsam genutzte Güter würden am Ende stets ausgebeutet und zerstört ...

Ostrom: ... wurde von Garrett Hardin geschrieben, einem Biologen. Es ist wichtig, diesen Pessimismus infrage zu stellen. Falsch ist allerdings auch, dass solche Probleme ganz von alleine verschwinden würden. Erfahrungsgemäß lösen sich vieler solcher Dilemmata  – und viele tun es nicht.

ZEIT ONLINE: Mit anderen Worten, die Wirklichkeit ist kompliziert. Das klingt erst mal unbefriedigend.

Ostrom: Einige Aussagen kann man schon treffen. In Systemen, wo die Nutzer langfristige Ernte- oder Nutzungsrechte genießen, und wo sie sich selber organisieren dürfen, werden das viele Gruppen auch erfolgreich tun und die gemeinschaftliche Nutzung in den Griff bekommen. Ein einfaches Modell können Sie hieraus allerdings nicht ableiten.

ZEIT ONLINE: Ökonomen mögen einfache Modelle.

Ostrom: Ich habe nichts gegen die Erstellung von Modellen. Ich habe einige Zeit an der Universität Bielefeld verbracht, an der seinerzeit auch der spätere Nobelpreisträger Reinhard Selten forschte. Die Spieltheorie hat meine Arbeit stark beeinflusst. Einige meiner Fragestellungen kann man durchaus in Modellen abbilden.

ZEIT ONLINE: Das reicht Ihnen aber nicht.

Ostrom: Wir haben auf der ganzen Welt Systeme empirisch untersucht. Die Regeln, die die Organisation dieser Systeme zu einem Erfolg machen, sind sehr verschieden. Wenn Sie also etwas Verallgemeinerndes hören wollen, dann sage ich: Wer versucht, eine einheitliche Regel über ein Fischereigebiet in einer großen Region zu stülpen, wird scheitern.