Nobelpreisträgerin Ostrom
"Wir dürfen uns nicht nur auf Klimaabkommen verlassen"
Wirtschaftsnobelpreisträgerin Elinor Ostrom kritisiert in ihrem ersten Interview in Deutschland Untätigkeit in der Klimapolitik - und fordert mehr lokales Engagement.
© J. Lokrantz/dpa

Elinor Ostrom, die diesjährige Trägerin des Nobelpreises für Ökonomie
ZEIT ONLINE: Die Ökonomie wird ja schon ein mal als "trostlose Wissenschaft" bezeichnet, ihre Forschungsergebnisse wecken hingegen große Hoffnungen. Menschen können offenbar viel erfolgreicher miteinander kooperieren als bislang angenommen. Bekommen wir doch noch die großen Menschheitsfragen in den Griff, allen voran das Klimaproblem?
Elinor Ostrom (lacht): Wir werden es wohl müssen ...
ZEIT ONLINE: Bislang haben Ökonomen und Politikwissenschaftler auf solche Fragen Antworten gegeben, denen ein recht pessimistisches Menschenbild zugrunde liegt: Öffentliche Güter sollte man privatisieren oder staatlich beaufsichtigen. Alles andere seien Fantasien von Latzhosenträgern.
Ostrom: Die Wirtschafts- und Politikwissenschaftler sind mit diesem Glauben nicht allein. Der Schlüsselartikel von der Tragedy of the Commons ...
ZEIT ONLINE: ... der zu dem Schluss kam, gemeinsam genutzte Güter würden am Ende stets ausgebeutet und zerstört ...
Ostrom: ... wurde von Garrett Hardin geschrieben, einem Biologen. Es ist wichtig, diesen Pessimismus infrage zu stellen. Falsch ist allerdings auch, dass solche Probleme ganz von alleine verschwinden würden. Erfahrungsgemäß lösen sich vieler solcher Dilemmata – und viele tun es nicht.
- Person
Elinor Ostrom lehrt Politikwissenschaft an der Indiana University in Bloomington. In diesem Jahr bekam sie als erste Frau den Wirtschaftsnobelpreis zugesprochen. Die heute 76-Jährige studierte in den 50er Jahren in Los Angeles Politikwissenschaft. Später promovierte sie über die Frage, wie öffentliche Unternehmen die Salzwasserkontamamination des Grundwasser in Los Angeles verringern können. Die gute Verwaltung öffentlicher Güter sollte sie ihr Leben lang beschäftigen. Immer wieder kam sie dabei auch nach Deutschland. Anfang der 80er Jahre besuchte sie ein Forschungsseminar des Spieltheoretikers Reinhard Selten, der später wie Ostrom den Nobelpreis gewann. Selten sagt heute über Ostrom: "Sie ist eine Pionierin. Elinor hat uns einen ganz neuen Blick auf die Dinge eröffnet".
- Forschung
Ostroms Themen lauten Wasserversorgung, Fischerei, Holzeinschlag, die Nutzung von Weideland oder Jagdrevieren. Dabei ist sie eine Grenzgängerin: Ostrom arbeitet an der Schnittstelle zwischen Sozial- und Wirtschaftswissenschaft - und bereichert so beide Disziplinen. Ihr Schlüsselwerk ist die 1990 veröffentlichte Studie Governing the Commons. The Evolution of Institutions for Collective Action.
Darin analysiert Ostrom das Zusammenleben in Gemeinden wie Törbel im Schweizer Kanton Wallis. 1483 verabschiedeten die rund 600 Einwohner von Törbel eine Satzung, die die Nutzung der umliegenden Almen und Wälder regelt. Einmal im Jahr treffen sich seither alle Viehbesitzer des Ortes, um einen Bevollmächtigten zu wählen, der Sanktionen bei Überbeanspruchung der Viehweiden verhängt, sich um die Instandsetzung von Wegen und Wetterschutzhütten kümmert. Jeder Bauer muss mithelfen. Das klappt seit mehr als 500 Jahren vorzüglich.
Ostrom wollte wissen warum. Ihr Antwort: Mit ausgeklügelten Mechanismen schaffen es die Menschen, die Erträge nachhaltig und fair zu verwenden – nämlich so, dass für jeden genug da ist und auch in Zukunft genug da sein wird. Ostroms Forschung zeigt etwa, dass Ernteflächen den besten Ertrag bringen, wenn weder der Staat noch Konzerne die Bearbeitung diktieren, sondern sie als Gemeineigentum geführt und von den Bewohnern in eigener Regie gemeinwirtschaftlich genutzt werden.
ZEIT ONLINE: Mit anderen Worten, die Wirklichkeit ist kompliziert. Das klingt erst mal unbefriedigend.
Ostrom: Einige Aussagen kann man schon treffen. In Systemen, wo die Nutzer langfristige Ernte- oder Nutzungsrechte genießen, und wo sie sich selber organisieren dürfen, werden das viele Gruppen auch erfolgreich tun und die gemeinschaftliche Nutzung in den Griff bekommen. Ein einfaches Modell können Sie hieraus allerdings nicht ableiten.
ZEIT ONLINE: Ökonomen mögen einfache Modelle.
Ostrom: Ich habe nichts gegen die Erstellung von Modellen. Ich habe einige Zeit an der Universität Bielefeld verbracht, an der seinerzeit auch der spätere Nobelpreisträger Reinhard Selten forschte. Die Spieltheorie hat meine Arbeit stark beeinflusst. Einige meiner Fragestellungen kann man durchaus in Modellen abbilden.
ZEIT ONLINE: Das reicht Ihnen aber nicht.
Ostrom: Wir haben auf der ganzen Welt Systeme empirisch untersucht. Die Regeln, die die Organisation dieser Systeme zu einem Erfolg machen, sind sehr verschieden. Wenn Sie also etwas Verallgemeinerndes hören wollen, dann sage ich: Wer versucht, eine einheitliche Regel über ein Fischereigebiet in einer großen Region zu stülpen, wird scheitern.
Übersicht zu diesem Artikel:
- Seite 1 "Wir dürfen uns nicht nur auf Klimaabkommen verlassen"
- Seite 2 "Wenn wir in der Klimafrage rumsitzen und warten ist es vielleicht zu spät"
- Seite 3 "Wir müssen lernen, als Wissenschaftler zusammenzuarbeiten"
- Datum 14.10.2009 - 11:24 Uhr
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Fischermann: Bekommen wir doch noch die großen Menschheitsfragen in den Griff, allen voran das Klimaproblem?
Elinor Ostrom (lacht): Wir werden es wohl müssen ...
*** Lacht sie ihn aus? Lacht sie über so viel Unkenntnis beim Interviewer? ***
Fischermann: (Der Schlüsselartikel von der Tragedy of the Commons) ... der zu dem Schluss kam, gemeinsam genutzte Güter würden am Ende stets ausgebeutet und zerstört ...
Ostrom: ... wurde von Garrett Hardin geschrieben, einem Biologen. Es ist wichtig, diesen Pessimismus infrage zu stellen. Falsch ist allerdings auch, dass solche Probleme ganz von alleine verschwinden würden. Erfahrungsgemäß lösen sich vieler solcher Dilemmata – und viele tun es nicht.
*** Da bleibt dann dioch wenigstens die Erkenntnis, dass man auch den Klimapessimismus des Interviewers in Frage stellen sollte. ***
Ostrom: Wenn wir einige der großen Umweltprobleme lösen wollen, müssen wir viel enger mit den Umweltwissenschaftlern zusammenarbeiten. Wir müssen die ökologische Seite genauso verstehen wie die sozialwissenschaftliche.
*** Also sieht Frau Ostrom die Notwendigkeit, die umweltpolitische Seite zu verstehen, um handeln zu wollen und können. Davon, dass die umweltpolitische Seite bereits verstanden sei, sagt sie kein Wort.
Herr Fischermann sieht das zwar völlig anders, und das hat er ja ausführlich darlegen können. Warum hat er nicht sich selbst interviewt?
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