"Wir dürfen uns nicht nur auf Klimaabkommen verlassen"

ZEIT ONLINE: Sie empfehlen eine Vielfalt regionaler Lösungen. Wie soll man daraus Politik machen?

Ostrom: Indem Sie zulassen, was ich polyzentrische Systeme genannt habe – eine Idee, an der wir seit mehr als 30 Jahren arbeiten. Nehmen Sie ein föderales System wie Deutschland: In Freiburg etwa, wo ich einige Zeit verbracht habe, handhabt man manche Fragen ganz anders als anderswo. Wie schafft man mehr Radwege in einer Stadt? Wie bringt man Autofahrer dazu, öfter Fahrrad zu fahren? Andere Städte könnten von der Praxis in Freiburg lernen, und Freiburg wiederum von anderen Städten. Mehr örtliche Autonomie und die Möglichkeit, mit Dingen zu experimentieren, sind damit besser als eine zentrale Verwaltung, die alles festlegt. 

ZEIT ONLINE: Weil dadurch ein Ideenwettbewerb in Gang kommt?

Ostrom: Genau. Man sollte Leute auf verschiedenen Ebenen mit Regeln experimentieren lassen, die zum Ziel haben, unsere Ressourcen in einem guten Zustand zu belassen. Damit haben Sie mehr Erfolg als etwa die Europäische Union mit ihrem Versuch, eine einheitliche Fischereipolitik für die Meere ringsherum festzulegen. Das ist keine besonders gute Idee.

ZEIT ONLINE: Einige unserer größten Menschheitsprobleme sind dennoch globaler Natur. Sie betreffen unseren ganzen Planeten und davon haben wir nur einen. Wir können nicht endlos experimentieren. Nehmen Sie die Bewahrung des Klimas.

Ostrom: Ich habe unlängst hierzu einen Artikel veröffentlicht. Darin geht es um einen polyzentrischen Ansatz zum Klimawandel. Wir sind ja immer davon ausgegangen, dass es nur eine Ebene - die globale Ebene - gibt, um mit diesem Problem umzugehen. Ich habe nichts gegen weltweite Klimaabkommen, im Gegenteil. Aber wenn wir herumsitzen und warten, bis diese Abkommen zustande kommen, ist es vielleicht zu spät.

ZEIT ONLINE: Was sollten wir in der Zwischenzeit tun?

Ostrom: Einiges. Ein Anfang ist die wachsende Zahl von Fahrradfahrern in Freiburg, die dazu beitragen, dass der CO2-Ausstoß sinkt. Möglicherweise schauen sich das andere Städte ab. Viele Dinge, von Windrädern über Solarenergie bis zur Dämmung von Häusern, können lokal oder regional in Angriff genommen werden. Die Effekte nützen der Region wie dem ganzen Planeten

ZEIT ONLINE: Reicht das? In dem bekanntesten Teil Ihrer Forschung geht es doch um einen viel umfassenderen Mechanismus, die Probleme zu lösen: Sie beschreiben all diese Beispiele von Fischern, Förstern oder Almbauern, denen es gelingt, effektiv eine Selbstaufsicht und Ahndung von Übertritten zu organisieren. Warum funktioniert das nicht in der Klimapolitik?

Ostrom: Weil eine Aufsicht auf internationaler Ebene extrem schwierig ist. Wenn wir hingegen immer mehr Leute davon überzeugen, dass wir vor einem großen Problem stehen, und dass sie selber und ihre Nachbarn etwas dagegen tun müssen, und eventuelle Verstöße in ihrer Nachbarschaft auch zur Sprache bringen, dann wird sozusagen von unten mehr Aufsicht wachsen.
 
ZEIT ONLINE: Das Internet ist auch ein gemeinschaftlich genutztes Gut. Es ist unter ständigem Beschuss durch Spammer und Cyber-Kriminelle. Zeigt Ihre Forschung, wie wir sinnvoller mit diesem gemeinsamen Gut umgehen können?

Ostrom: Ja. Das betrifft die Frage der sogenannten knowledge commons.  Allerdings muss man hier unterscheiden. Viele Dinge, die im Internet bereitgestellt werden, sind öffentliche Güter. Sie können also von jedem genutzt werden – anders als gemeinschaftlich genutzte, knappe Güter, über die ich viel geforscht habe.

ZEIT ONLINE: Die Nobelpreisträgerin Ostrom hat also noch keine Lösung für das Problem der unverlangt zugesandten E-Mails.

Ostrom (lacht): Das ist in der Tat eine gewaltige Herausforderung. An normalen Tagen bekomme ich 80 bis 100 E-Mails. Gestern waren es bereits 800.

ZEIT ONLINE: Ein Sonderproblem frisch gekürter Nobelisten.

Ostrom: Im Ernst: Es gibt inzwischen eine Menge guter Forschung, die nach praktischen Lösungen für das Problem der internet commons sucht.

 
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Leser-Kommentare

  1. Fischermann: Bekommen wir doch noch die großen Menschheitsfragen in den Griff, allen voran das Klimaproblem?
    Elinor Ostrom (lacht): Wir werden es wohl müssen ...
    *** Lacht sie ihn aus? Lacht sie über so viel Unkenntnis beim Interviewer? ***
    Fischermann: (Der Schlüsselartikel von der Tragedy of the Commons) ... der zu dem Schluss kam, gemeinsam genutzte Güter würden am Ende stets ausgebeutet und zerstört ...
    Ostrom: ... wurde von Garrett Hardin geschrieben, einem Biologen. Es ist wichtig, diesen Pessimismus infrage zu stellen. Falsch ist allerdings auch, dass solche Probleme ganz von alleine verschwinden würden. Erfahrungsgemäß lösen sich vieler solcher Dilemmata – und viele tun es nicht.
    *** Da bleibt dann dioch wenigstens die Erkenntnis, dass man auch den Klimapessimismus des Interviewers in Frage stellen sollte. ***

    Ostrom: Wenn wir einige der großen Umweltprobleme lösen wollen, müssen wir viel enger mit den Umweltwissenschaftlern zusammenarbeiten. Wir müssen die ökologische Seite genauso verstehen wie die sozialwissenschaftliche.
    *** Also sieht Frau Ostrom die Notwendigkeit, die umweltpolitische Seite zu verstehen, um handeln zu wollen und können. Davon, dass die umweltpolitische Seite bereits verstanden sei, sagt sie kein Wort.
    Herr Fischermann sieht das zwar völlig anders, und das hat er ja ausführlich darlegen können. Warum hat er nicht sich selbst interviewt?

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