Offshore-Windenergie Rangelei ums Windrad
An der Nordsee buhlen die Häfen um Offshore-Windunternehmen. Dabei müsste man die Expansion koordiniert angehen: Die wahre Konkurrenz sitzt im Ausland.
© Jorgen True/AFP/Getty Images

Die ersten Offshore-Windanlagen drehen sich seit Sommer in der Nordsee vor Borkum (im Bild eine Anlage vor Dänemark). Hafenstädte wie Emden, Cuxhaven und Bremerhaven hoffen auf die Ansiedlungen von Herstellern und Wartungsfirmen
Bremerhaven hat große Pläne. Ein neues Terminal soll her, wo tonnenschwere Offshore-Windanlagen zusammengebaut und verschifft werden können. "Wir haben die Produzenten von Windanlagen hier, aber sie brauchen bessere Transportmöglichkeiten für die Verladung der Windräder", sagt Nils Schnorrenberger von der Bremerhavener Gesellschaft für Investitionsförderung und Stadtentwicklung.
Rund 150 Millionen Euro könnte der neue Hafen kosten. Wer ihn finanziert – das Land oder private Investoren – ist zwar noch völlig offen. Aber Bremen meint es ernst. Sogar Teile des Containerterminals in Bremerhaven könnten für die neue Anlage weichen. Bis Mitte kommenden Jahres soll die Stadt eine Entscheidung über den Bau treffen. "Die weitere Entwicklung der Offshore-Windenergiewirtschaft bedeutet für Bremen und Bremerhaven eine große Chance, eine neue und zukunftsträchtige Technologie an den Standort zu binden", schwärmt der Bremer Staatsrat für Wirtschaft, Heiner Heseler, "wir wollen für dieses wesentliche Infrastrukturprojekt gründlich, aber so schnell wie möglich die Voraussetzungen schaffen."
Entlang der Nordseeküste werden die Pläne der Bremer scharf verfolgt. Denn zwischen Dollart und Elbe hat das Buhlen der Hafenstädte um die Ansiedlung von Windkraftfirmen und ihrer Zulieferer begonnen. Die ersten Experten warnen bereits, dass nicht jede Hafenstadt ihr eigenes Süppchen kochen solle. Denn auch das Ausland steht parat und will von den gigantischen Windfarmen in der Nordsee profitieren.
Vor allem Emden und Cuxhaven haben sich bislang als wichtige Ausliefer-Häfen für Windräder etabliert. Von Emden aus verschifft Enercon, Spezialist für Anlagen an Land, seine grün-weiß gestreiften Windräder in die ganze Welt. Zukünftig werden auch die Arbeiter der Nordseewerke statt Schiffsrümpfen Windräder bauen, denn Thyssen Krupp hat die Traditionswerft an den Windkraftanlagen-Produzenten Siag verkauft.
Das Offshore-Geschäft in Emden hat vor allem das Unternehmen Bard Engineering angestoßen, das Ende des Jahres mit dem Bau des ersten privat finanzierten Offshore-Windparks in der Nordsee beginnen will. In einer ehemaligen Lagerhalle des VW-Autokonzerns produziert das Unternehmen, das inzwischen knapp 1000 Mitarbeiter beschäftigt, Rotorblätter und Gondeln für seine Windräder.
Platz für Expansion bietet Emden der Firma reichlich. "Wir haben am Rysumer Nacken noch 560 Hektar freie Fläche und entwickeln dafür den Bebauungsplan", sagt Jürgen Hinnendahl von der Emder Hafenförderungsgesellschaft, "das ist ein Filetstück an der Nordseeküste." Als einer der Hauptinteressenten gilt Bard. Hinnendahl rechnet sich gute Chance aus, weitere Windfirmen anzusiedeln. "In Bremerhaven ist das Gelände knapp und die Wasserkante voller Container."
Bard hat sich an der Küste breit gemacht. Etwa 200 Kilometer weiter östlich von Emden, in Cuxhaven, fertigen die Firmen CSC und Ambau für Bard seit rund zwei Jahren Fundamente und Türme. Im März weihte der damalige niedersächsische Wirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) dort bereits ein neues Offshore-Terminal inklusive Schwerlastplattform ein. Es wurde in nur einem Jahr aus dem Boden gestampft und kann die schweren Betonfundamente verfrachten.
"Wir haben sehr viele Anfragen von Windkraftunternehmen, die auf der Suche nach Flächen sind", sagt Hilke von der Reith von der Wirtschaftsförderung Cuxhaven. Ihr jüngster Erfolg: Der Baukonzern Züblin will in Cuxhaven zukünftig Fundamente bauen und rund 500 Arbeitsplätze schaffen.
Nur 40 Kilometer südwestlich von Cuxhaven haben solche Entwicklungen Appetit gemacht. Bremerhaven will jetzt mit dem Offshore-Terminal nachziehen. Hier sitzen die Firmen Weserwind und Powerblade, an der FH kann man Windenergie studieren. Multibrid und Repower fertigen hier ihre Anlagen für Deutschlands ersten Offshore-Windpark, der zurzeit im Probebetrieb vor Borkum läuft.
Langfristig will Multibrid eine Serienproduktion seiner 5-Megawatt-Anlagen aufbauen und jährlich bis zu 100 Stück anfertigen. Dafür braucht die Firma bessere Verladebedingungen. Denn die Seeschleuse von Bremerhaven ist zu klein für die riesigen Hubinseln (sogenannte Jack-up-Bargen), welche die Windanlagen hinaus aufs Meer schleppen.
"Zurzeit müssen wir die Einzelteile ins niederländische Eemshaven bringen, dort zusammenbauen und von dort aus verschiffen", sagt eine Multibrid-Sprecherin, "einen eigenen, größeren Verladehafen würden wir sehr begrüßen". Die Wirtschaftsförderer in der Hafenstadt hoffen zudem, dass ein neues Terminal weitere Firmen anzieht. Mit rund zehn Unternehmen sei man zurzeit im Gespräch, bis zu 3000 Arbeitsplätze könnten dahinterstecken – viel für die strukturschwache Region.
Doch macht ein weiteres Offshore-Terminal in Bremerhaven Sinn? Offshore-Experten kritisieren hinter vorgehaltener Hand, dass Bremerhaven nicht einfach nur "Ich-Auch" schreien könne. "Natürlich stehen die Häfen untereinander im Wettbewerb", sagt Hans-Gerd Bußmann, Leiter des Bremerhavener Fraunhofer Institut für Windenergie und Energiesystemtechnik, "aber ihre Konkurrenten sitzen nicht entlang der Nordseeküste, sondern im Ausland."
Schon jetzt versuchten sich auch Häfen an der Ostküste Großbritanniens, das niederländische Eemshaven und das dänische Esbjerg als Offshore-Zentren zu etablieren. Es sei wichtig, die einzelnen Expansionsvorhaben gut zu koordinieren.
Im niedersächsischen Wirtschaftsministerium wie auch in Bremerhaven ist man bemüht, den schwelenden Konflikt so klein wie möglich zu halten. Die Prognosen für die Offshore-Windkraftbranche seien so gut, dass alle Häfen entlang der Küste profitieren könnten, betont man unisono. "Die zwei Standorte stehen sich nicht im Wege, im Gegenteil, es kann sogar Synergieeffekte geben", so ein Ministeriumssprecher. Nicht umsonst habe Niedersachsen im Frühjahr sogar das Gewerbegebiet Luneplate, wo Bremerhaven nun Windkraftfirmen ansiedeln will, an Bremen verkauft. Von Konkurrenz keine Spur.
In Cuxhaven sieht man das ein bisschen anders. "Natürlich haben wir alle erkannt, dass ein gemeinsames Vorgehen an der Küste stark macht", sagt Wirtschaftsförderin von der Reith. Aber wenn sie von der Ansiedlungspolitik spricht, sagt sie auch: "Jeder ist sich selbst der nächste."
- Datum 30.10.2009 - 11:57 Uhr
- Seite 1 | 2 | 3 | Auf mehreren Seiten lesen
- Quelle ZEIT ONLINE
- Kommentare 2
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:







...aber ich sah nicht, wie teuer der so hergestellte Strom ist und wie diese Kosten sich mit anders produziertem vergleichen. Erst wenn man das weiss, kann man sich für Bremen freuen oder sich ärgern über eine Fehlsteuerung der Politik.
Hallo joG
wegen der aufwändigen Installation und Wartung ist Offshore-Windstrom in der Produktion, so sagt es eine Faustregel, mindestens doppelt so teuer wie Windstrom vom Land. Das spiegelt sich auch in den Vergütungssätzen wieder: Für eine Kilowattstunde Offshore-WIndstrom zahlen die Energieversorger, so sieht es das EEG vor, zurzeit 13 Cent.
Mehr Infos finden Sie hier:
http://www.thema-energie....
Viele Grüße
M. Uken
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren