Hannes Rehm gilt als korrekt, diszipliniert und ein wenig unnahbar. Doch der Schreck, den ihm eine äußerst turbulente Hauptversammlung gerade erst eingejagt hat, ist ihm auch am Tag danach noch immer anzumerken. Dabei möchte er doch nur Gutes tun. Seinen Ruhestand hat der 66-Jährige extra verschoben, um als Chef des Finanzmarktstabilisierungsfonds Soffin Banken zu retten. Doch bei der Hypo Real Estate (HRE) – der Soffin hält 90 Prozent an dem Institut – wird ihm das nicht gedankt. Zumindest nicht von den aufgebrachten Aktionären, die nun zwangsenteignet wurden.

"Rehm ans Pult" forderten sie lautstark, obwohl dies während dieser Veranstaltung nicht vorgesehen war. Turbulente Szenen, die Polizei rückte an. Keine Stimmung, in der Rehm sich wohl fühlt. Hat er es doch lieber sachlich, eher vorsichtig sind seine Formulierungen. In Sachen HRE ist jedoch auch ihm bewusst, dass dies ein einmaliger Vorgang ist. Die Systemrelevanz ist in der Öffentlichkeit zu einem Reizwort geworden. "Doch darüber entscheiden die Vorgaben der EU und der deutschen Bankenaufsicht", sagt er.

Sein ganzes Berufsleben hat der gebürtige Berliner in der Bankenlandschaft zugebracht, zuletzt als Vorstandschef der Norddeutschen Landesbank. Damit sollte Ende des vergangenen Jahres Schluss sein. Doch dann kamen die Krise und die Anfrage der Bundeskanzlerin. Rehm wollte Angela Merkel nicht absagen, und schon fand er sich im Januar an der Spitze des Bankenrettungsfonds wieder. 500 Milliarden Euro stehen dort als Garantien oder zur Rekapitalisierung für Finanzinstitute zur Verfügung – Steuergelder wohlgemerkt.

Der Wirtschaftsprofessor weiß um die Brisanz seiner Aufgabe. "Eine Krise kann auch ein produktiver Zustand sein, man muss ihr nur den Beigeschmack der Katastrophe nehmen", zitiert Rehm dazu den Schweizer Schriftsteller Max Frisch. Für ihn steht nicht nur das Ansehen und Überleben der Finanzwirtschaft auf dem Spiel, sondern auch das Konzept der sozialen Marktwirtschaft.

Trotz der gewaltigen Summen, die dem Rettungsfonds zur Verfügung stehen, wirkt Rehm manchmal ein wenig hilflos. Denn die Wirtschaftskrise ist eine globale Misere. Nur global wirkende Maßnahmen können die angeschlagene Finanzwelt wieder in Gang bringen. Die jüngsten Beschlüsse des G-20-Gipfels in Pittsburgh begrüßt Rehm daher. Entscheidend sei aber, dass diese Konzepte nun auch umgesetzt werden. Seine größte Sorge gilt einer international einheitlichen Aufsichtspraxis.

Rehm setzt auf Glaubwürdigkeit. "Geld kann man immer verlieren, das Vertrauen nur einmal", sagt er und liefert indirekt eine Begründung für seine oftmals ausweichende Art. Enttäuschen möchte er niemanden. Und als Finanzexperte sieht er in der Krise vieles, was einen um den Schlaf bringen könnte. Beunruhigen mag er damit nicht, doch so viel verrät er dann doch: "Trotz aller positiver Faktoren, die wir derzeit sehen – eine Entwarnung möchte ich nicht geben."

Der Bankenfachmann fordert eine gesetzlich verankerte Möglichkeit, bei zukünftigen Fehlentwicklungen in der Branche früher und angemessener eingreifen zu können. Ansonsten mache sich der Staat erpressbar durch Situationen, in denen er nicht mehr anders könne, als ein marodes System zu stützen. Zwei entsprechende Gesetzesentwürfe gebe es dazu bereits. "Der Staat hat eine große Verantwortung", sagt Rehm. "Langfristig ist er aber nicht der bessere Banker."

Die in seiner Branche viel kritisierten Boni bezeichnet Rehm als exzessiv. Hier müsse man das Prinzip der Nachhaltigkeit einführen, denn es gehe nicht an, dass Banker "mit Blick auf den Gewinn Unternehmer sein wollen und mit Blick auf das Risiko doch lieber nur Angestellte". Er selbst bekomme für seine Tätigkeit, die er irgendwo "zwischen Notoperation und Reha-Klinik" ansiedelt, keine erfolgsabhängige Vergütung.

Noch bis Ende 2010 läuft Rehms Vertrag. Vermutlich würde er auch noch einige Jahre dranhängen, pflichtbewusst, wie er auftritt. Vielleicht bekommt der Herr über die vielen Milliarden Steuergelder dann endlich einen eigenen Eintrag im Internetlexikon Wikipedia. Hannes Rehm ist es allerdings ganz recht, dass der noch fehlt. Denn bei der Google-Suche erscheint seine eigene Homepage so weiter an erster Stelle – und auf der hat er alles unter Kontrolle.