Am öffentlichen Pranger steht der US-Handelskonzern Wal-Mart nicht zum ersten Mal. Die weltweit größte Supermarktkette hat in Sachen Arbeitnehmerrechte einen ähnlich ramponierten Ruf wie etwa der Discounter Lidl in Deutschland. Doch die aktuellen Vorwürfe der Nichtregierungsorganisation National Labor Committee (NLC) wiegen besonders schwer.

Wal-Mart ist laut einem NLC-Bericht mitschuldig an der rasanten Verbreitung des H1N1-Virus in den Vereinigten Staaten. Der Konzern zwinge seine 1,4 Millionen Mitarbeiter in den USA dazu, auch krank zur Arbeit zu erscheinen – so breite sich das Virus unter den Kollegen und Kunden in den landesweit mehr als 4200 Filialen rasant aus. Die meisten Wal-Mart-Mitarbeiter sind Geringverdiener, die sich von Gehaltsscheck zu Gehaltsscheck hangeln. Fehltage können so schnell die fristgemäße Zahlung der nächsten Miete gefährden.

"Viele unserer Mädels husten sich das Gehirn raus. Trotzdem kommen alle zur Arbeit. Wir haben keine andere Wahl", zitiert die Studie anonym eine Wal-Mart-Angestellte aus New York. Denn, wer fehlt, bekommt kein Geld, zudem droht der Rauswurf. Husten, Fieber, Halsweh, Durchfall, Erbrechen – täglich seien diese Symptome unter Kollegen zu beobachten. Nur wenn ein Mitarbeiter zu laut huste, würde die Filialleitung einschreiten und den Kollegen weg von den Nahrungsmitteln oder den Kassen in eine Non-Food-Abteilung versetzen. Anfragen bei Wal-Mart mit der Bitte um eine Stellungnahme zu den Vorwürfen blieben unbeantwortet.

Wal-Mart verstößt gegen kein Gesetz. Bezahlte Krankheitstage sind in den USA, anders als in Deutschland, nicht gesetzlich verankert. Unternehmen gewähren sie freiwillig – oder eben nicht. Rund 40 Prozent der Arbeitnehmer in der Privatwirtschaft haben deshalb keinerlei Anspruch auf eine Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, so die US-Arbeitsbehörde. Das sind rund 60 Millionen Menschen. Andere Statistiken setzten die Zahl noch weit höher an.

Gerade Geringverdiener sind betroffen: Je weniger Stundenlohn Arbeitnehmer bekommen, desto wahrscheinlicher ist es auch, dass ihnen keine bezahlten Krankentage zustehen. Die zehn Prozent am untersten Ende der Lohn-Skala stehen am schlechtesten da – nur jedem Fünften stehen Krankentage zu.

Arme Amerikaner sind damit stärker von einer Ansteckung am Arbeitsplatz bedroht als Besserverdiener oder Angestellte im öffentlichen Dienst, denen Krankengeld zusteht und die im Krankheitsfall zu Hause bleiben können. Die Ausbreitung des H1N1-Virus wird so beschleunigt, denn die Wenigverdiener haben überproportional häufig mit vielen Menschen zu tun. Sie stehen bei McDonalds hinter dem Schalter und geben Burger aus, durchstreifen als Putzkraft täglich Hunderte Büroräume – oder betreuen Kinder in Tagesstätten.