USA Bei Wal-Mart gibt’s die Schweinegrippe
In den USA breitet sich das H1N1-Virus schnell aus. Aus Furcht vor Lohnkürzungen gehen viele Kranke arbeiten und infizieren Kollegen und Kunden. Felix Wadewitz, New York
Am öffentlichen Pranger steht der US-Handelskonzern Wal-Mart nicht zum ersten Mal. Die weltweit größte Supermarktkette hat in Sachen Arbeitnehmerrechte einen ähnlich ramponierten Ruf wie etwa der Discounter Lidl in Deutschland. Doch die aktuellen Vorwürfe der Nichtregierungsorganisation National Labor Committee (NLC) wiegen besonders schwer.
Wal-Mart ist laut einem NLC-Bericht mitschuldig an der rasanten Verbreitung des H1N1-Virus in den Vereinigten Staaten. Der Konzern zwinge seine 1,4 Millionen Mitarbeiter in den USA dazu, auch krank zur Arbeit zu erscheinen – so breite sich das Virus unter den Kollegen und Kunden in den landesweit mehr als 4200 Filialen rasant aus. Die meisten Wal-Mart-Mitarbeiter sind Geringverdiener, die sich von Gehaltsscheck zu Gehaltsscheck hangeln. Fehltage können so schnell die fristgemäße Zahlung der nächsten Miete gefährden.
"Viele unserer Mädels husten sich das Gehirn raus. Trotzdem kommen alle zur Arbeit. Wir haben keine andere Wahl", zitiert die Studie anonym eine Wal-Mart-Angestellte aus New York. Denn, wer fehlt, bekommt kein Geld, zudem droht der Rauswurf. Husten, Fieber, Halsweh, Durchfall, Erbrechen – täglich seien diese Symptome unter Kollegen zu beobachten. Nur wenn ein Mitarbeiter zu laut huste, würde die Filialleitung einschreiten und den Kollegen weg von den Nahrungsmitteln oder den Kassen in eine Non-Food-Abteilung versetzen. Anfragen bei Wal-Mart mit der Bitte um eine Stellungnahme zu den Vorwürfen blieben unbeantwortet.
Wal-Mart verstößt gegen kein Gesetz. Bezahlte Krankheitstage sind in den USA, anders als in Deutschland, nicht gesetzlich verankert. Unternehmen gewähren sie freiwillig – oder eben nicht. Rund 40 Prozent der Arbeitnehmer in der Privatwirtschaft haben deshalb keinerlei Anspruch auf eine Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, so die US-Arbeitsbehörde. Das sind rund 60 Millionen Menschen. Andere Statistiken setzten die Zahl noch weit höher an.
Gerade Geringverdiener sind betroffen: Je weniger Stundenlohn Arbeitnehmer bekommen, desto wahrscheinlicher ist es auch, dass ihnen keine bezahlten Krankentage zustehen. Die zehn Prozent am untersten Ende der Lohn-Skala stehen am schlechtesten da – nur jedem Fünften stehen Krankentage zu.
Arme Amerikaner sind damit stärker von einer Ansteckung am Arbeitsplatz bedroht als Besserverdiener oder Angestellte im öffentlichen Dienst, denen Krankengeld zusteht und die im Krankheitsfall zu Hause bleiben können. Die Ausbreitung des H1N1-Virus wird so beschleunigt, denn die Wenigverdiener haben überproportional häufig mit vielen Menschen zu tun. Sie stehen bei McDonalds hinter dem Schalter und geben Burger aus, durchstreifen als Putzkraft täglich Hunderte Büroräume – oder betreuen Kinder in Tagesstätten.
Auch Krankenschwestern befinden sich häufig in prekären Arbeitsverhältnissen, weil sie beispielsweise bei Subunternehmen angestellt sind, die sich einen harten Preiskampf untereinander liefern. "Gerade Krankenhäuser und Arztpraxen müssen dafür sorgen, dass ihre Angestellten nicht bestraft werden, wenn sie krankheitsbedingt ausfallen", sagt Mike Bell vom US-Pandemiezentrum CDC.
Die CDC warnt seit Monaten vor den Folgen der fehlenden gesetzlichen Regelungen zur Lohnfortzahlung. Arbeitnehmer müssten unbedingt zu Hause bleiben, wenn sie Symptome einer Grippe aufweisen. Jeder, der krank ins Büro komme, könne andere anstecken. Jeder Patient infiziere statistisch zehn Prozent aller Kollegen im Büro. Zudem müssten Eltern das Recht haben, zu Hause zu bleiben, wenn ihre Kinder erkranken. Derzeit schicken viele Eltern ihre fiebernden Kinder weiterhin in die Schule – weil sie selbst nicht im Job fehlen können. Wal-Mart etwa soll seine Mitarbeiter in einer internen Mail angewiesen haben, für einen Krankheitsfall in der Familie "Vorkehrungen zu treffen". Dass Mutter oder Vater am besten bei dem kranken Kind zu Hause bleiben, wurde nicht vorgeschlagen.
Die fehlenden Regelungen im Krankheitsfall stellen die Arbeitnehmer in den USA deutlich schlechter als ihre Kollegen in vergleichbaren Ländern. "Im Vergleich von 22 Industriestaaten sind die USA das einzige Land ohne irgendeine Form von gesetzlicher Lohnfortzahlung im Krankheitsfall", heißt es in einer Studie des Center for Economic and Policy Research. Das mache das Land für die Ausbreitung von ansteckenden Krankheiten anfälliger.
Am Dienstag hat der demokratische Kongressabgeordnete George Miller einen Gesetzentwurf vorgelegt, der Arbeitgeber dazu verpflichtet, Mitarbeitern mit der Schweinegrippe bis zu fünf Tage Krankengeld zu zahlen – allerdings nur dann, wenn der Arbeitgeber den Kranken selbst nach Hause schickt, um eine H1N1-Ausbreitung unter der Belegschaft zu verhindern. Der Vorschlag soll am 16. November im Kongress debattiert werden und könnte bereits im Dezember in Kraft treten.
"Jeder Arbeiter sollte bezahlte Krankheitstage haben und arbeitende Eltern sollen nicht zwischen dem Job und ihren Kindern abwägen müssen", sagte die demokratische Abgeordnete Rosa DeLauro zu einem ähnlichen Gesetzentwurf. "Das schützt nicht nur die Arbeitnehmer, sondern spart den Arbeitgebern auch Geld, da eine Ausbreitung der Krankheit verhindert wird." Wenn kranke Arbeitnehmer ins Büro gehen, statt sich zu Hause auszuruhen, sinke insgesamt die Produktivität. Das koste die Volkswirtschaft 180 Milliarden Dollar pro Jahr – 225 Dollar pro Arbeitnehmer. Das bedeute in letzter Konsequenz einen Verlust an Wettbewerbsfähigkeit.
"Was sagt es uns ...", fragte DeLauro bei einer Ausschusssitzung rhetorisch, "... wenn nun Staaten wie Lesotho und Papua-Neuguinea eine Lohnfortzahlung im Krankheitsfall einführen, um ihre Wirtschaft zu stärken – und wir immer noch damit warten?"
- Datum 05.11.2009 - 11:31 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE
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Wieder so ein prächtiges Beispiel, dass unser gesamtes wirtschaftliches System reformiert gehört. Wenn ein Unternehmer zur Gewinnsteigerung die Umwelt verpestet, und sei es nur durch zwecklose Verpackung, so gehört das auf den Cent besteuert. Denn deren Herstellung und Entsorgung (oder allgemein zu Ende gedachte Konsequenzen) einen riesigen ökonomischen Schaden (weil langfristige ökologische Anstrengungen nötig) für die Bevölkerung bedeutet. Nur durch diese "realistische" Sichteweise kann auch der letzte kapieren, dass gilt Ökologie = Ökonomie. Mich würde mal interessieren, wie hoch bereits jetzt die volkswirtschaftlichen Anstrengungen sind, um den ganzen Unsinn kurzfristig planender Unternehmer zu beheben.
Und genau auch in diesem Fall muss gelten: ÖKONOMIE! Denn das Schicksal der armen Angestellten wird wohl kaum durch Arbeitsschutzgesetze verbessert, weil da keiner Interesse daran hat. Sehr wohl aber hat ein jeder ein Interesse daran, dass er am Ende die Zeche zu zahlen hat. Man braucht Folgekostenregelungen, WalMart muss an den staatlichen Aufwendungen zur Verhinderung einer Pandemie beteiligt werden. Mir ist klar, dass das nie 1:1 geht, aber es muss versucht werden. Geld ist das einzige was solche Leute verstehen. Und es ist nur gerecht, warum muss ich Steuergelder zur Behebung von Schäden zahlen, die andere verursacht haben und selbst als Gewinner davonziehen.
Nur so wird sich als "kleiner" Nebeneffekt was in Sachen Arbeitsschutz, Kündigungsschutz und Umweltschutz tun
Ja, das ist der American Way of Life.
Immer schön an die Produktivität denken, scheiss auf die Menschen.
Richtig wäre der Satz:
"Wenn kranke Arbeitnehmer ins Büro gehen, ..., sterben mehr Menschen."
Aber was will man von einem Volk erwarten, dass sich gegen(!) eine gesetzliche Krankenversorgung für alle Mitbürger wehrt.
Prima Vorschlag,Dalatin,aber er wird leider wenig Nachahmer in unserer Politik finden.
Dagegen ist die Wahrscheinlichkeit höher,dass die Betriebe es WalMart nachmachen.Schon jetzt bleiben auch hier in Deutschland-trotz Krankentage-immer mehr Menschen mit Krankheit nicht zu Hause,schleppen sich, bis es nicht mehr geht, an die Arbeit und stecken genauso andere an.Es sind nicht nur die "400-Euro-Jobber" ,sondern auch Festangestellte. Insofern findet man hier auch Leibeigene krank auf dem Feld/Platz.
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