Finanzkrise "Wir brauchen ein scharfes Schwert"“
Der neue SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel über Wirtschaftspolitik in Zeiten der Krise, die Bankenbranche und die Verantwortung von Josef Ackermann
Frage: Herr Gabriel, haben Sie nicht eigentlich genug von der großen Koalition?
Sigmar Gabriel: Mit Sicherheit, aber besser als die jetzige Koalition war sie allemal.
Frage: Warum bieten Sie der Bundeskanzlerin einen Pakt der wirtschaftlichen Vernunft an, also eine weitere Zusammenarbeit?
Gabriel: Ich möchte sie vor allem davor bewahren, wirtschaftlich Unvernünftiges zu tun. Der Voodoo-Keynesianismus, den sich CDU/CSU und FDP da ausgedacht haben, muss gestoppt werden – also der Glaube, durch Steuersenkungen Nachfrage zu schaffen. Die Steuersenkungsorgien der neuen Bundesregierung sind gefährlich, weil sie eine langfristige Wachstumsschwäche wie in Japan auslösen können. Das sage nicht nur ich, das sagen alle: OECD, IWF, Sachverständigenrat, Bundesbank. Und es sagen inzwischen auch die Ministerpräsidenten der Union.
Frage: Was genau halten Sie für gefährlich?
Gabriel: Wir hatten im Jahr 2007 eine Verschuldungsquote von 65 Prozent vom Bruttoinlandsprodukt. Wir gehen jetzt in Richtung 80 Prozent. In dieser Lage ist es falsch, die Verschuldung mit völlig unsinnigen Steuergeschenken weiter zu erhöhen, die eben nicht das nachhaltige Wachstum ankurbeln. Es werden die Teile der Bevölkerung beglückt, bei denen die Sparquote ohnehin schon hoch ist. Die, die mit mehr Geld die Binnennachfrage stärken könnten, haben von den Steuergeschenken überhaupt nichts, weil sie so wenig verdienen, dass sie keine Steuern zahlen. In Deutschland zahlen weit über 40 Prozent der Haushalte gar keine Einkommensteuern! Dieser steuerpolitische Unfug führt dazu, dass wir weder für Investitionen noch Bildung genug Geld haben.
Frage: Steuergeschenke ja, aber für die Richtigen?
Gabriel: Steuersenkungen müssen wirtschaftlich sinnvoll sein und dürfen nicht über neue Schulden finanziert werden. Das Hauptproblem in unserem Land ist die seit Jahren sinkende Investitionsquote. Steuerliche Vorteile müssen den Unternehmen Anreize geben, mehr zu investieren. Das schafft Arbeitsplätze. Auch der Staat muss seine Investitionen eher noch ausbauen. Im Gegenzug könnte man ökologisch sinnlose Subventionen streichen. Wir sollten zum Beispiel nicht die großen Spritfresser subventionieren, nur weil es angeblich Dienstfahrzeuge sind.
Frage: Die ökologisch sinnlose Pendlerpauschale würden Sie dann auch streichen?
Gabriel: Das können wir nicht, weil das eine Breitseite gegen die Kaufkraft gerade derjenigen wäre, die durchschnittliche Einkommen haben. Ungerecht an der Pendlerpauschale ist doch eher, dass diejenigen mit niedrigen Einkommen sie nicht bekommen, weil sie keine Einkommensteuer zahlen.
Frage: Das zentrale Problem 2010 wird die Arbeitslosigkeit sein. Was ist zu tun?
Gabriel: Die Investitionsquote des Staates und der Unternehmen muss steigen. Das ist der einzige Weg. Sie können nicht nur die Kurzarbeit immer weiter verlängern. Mittelfristig müssen auch die Löhne wieder steigen, damit die Binnennachfrage steigt. Die Schere zwischen Arm und Reich ist in den vergangenen Jahren zu weit auseinandergegangen.
Frage: Sie sprechen über Ausgaben des Staates – was ist mit der Einnahmenseite?
Gabriel: Als Erstes sollten wir für Banken eine Sonderabgabe für leistungslose Gewinne einführen. Die Banken haben dank billigen Zentralbankgeldes und staatlicher Hilfen wieder Bombenrenditen. Die Gewinne sollten wir zumindest zeitlich befristet abschöpfen. Das könnte man auch national machen. Das Verursacherprinzip muss gelten. Das meine ich übrigens auch im Fall der Atommüllendlager. Die Milliardenkosten sollten die Verursacher über eine Brennelementesteuer bezahlen und nicht der Steuerzahler.
Frage: Eine Börsenumsatzsteuer wollen Sie auch.
Gabriel: Ja. Die existiert in England schon seit dem 17. Jahrhundert. Und dazu wollen wir eine Finanztransaktionssteuer möglichst in einen internationalen, mindestens einem europäischen Rahmen.
Frage: Wie sollte man die drohende Kreditklemme angehen?
Gabriel: Da zeigt sich, wie konzeptlos diese Bundesregierung handelt. Außer Appellen kommt da nichts, obwohl die Bundesbank gerade vor einer Kreditklemme gewarnt hat. Die SPD hat mit Peer Steinbrück konkrete Maßnahmen wie Globaldarlehen durchgesetzt. Doch das reicht offensichtlich nicht. Jetzt soll ein Kreditmediator für besonders schwierige Fälle eingesetzt werden. Allein bei mir im Wahlkreis könnte der seine ganze Arbeitskraft einsetzen! Die Banken geben den Betrieben weniger Geld, um das Eigenkapital zu refinanzieren, das sie vorher verbrannt haben. Das ist doch ein starkes Stück. Es geht doch gar nicht anders, als direkten Einfluss auf die Kreditversorgung der mittelständischen Unternehmen zu nehmen. Zuerst müssen mal die Banken, die unter den staatlichen Rettungsschirm gekommen sind, mithelfen, die Kreditklemme zu beseitigen.
Frage: Sie meinen die Commerzbank.
Gabriel: Ja, zum Beispiel. Die Bundesregierung muss direkten Einfluss auf den Bankensektor ausüben. Das schlagen sogar Ökonomen wie Herr Sinn vor, der nicht gerade für sozialdemokratische Ideen steht. Wenn die Banken vom Staat geschützt werden, müssen sie sich auch der Allgemeinheit verpflichtet fühlen. Außerdem müssen wir die Hilfsprogramme des Deutschlandfonds und der Förderbanken massiv ausweiten. Und schließlich müssen wir die Ratingagenturen, die einen großen Anteil an der Entstehung der Krise hatten, unter staatliche Aufsicht stellen.
Frage: Die Commerzbank kann der Staat zwingen, aber die Deutsche Bank nicht.
Gabriel: Deswegen müssen wir über Sonderabgaben und Steuern für die Banken, eine effektive Bankenaufsicht, die auch Eingriffsrechte in die Geschäftspolitik hat, sowie Reformen des Aktienrechts nachdenken. Wir wollten zum Beispiel das Allgemeinwohl als Unternehmensziel im Aktiengesetz festschreiben, die Union hat sich dagegen gewehrt. Eigentum verpflichtet, sagt das Grundgesetz. Das sollten wir mit Gesetzen konkretisieren. Wir kommen nicht weiter, wenn der Staat kein scharfes Schwert hat. Der Staat muss es ja nicht benutzen, aber er muss zeigen, welche Mittel er einsetzen wird, wenn sich der Bankensektor weiterhin so gemeinwohlschädigend verhält. Es darf doch nicht sein, dass ein Herr Ackermann wieder Renditevorgaben von 25 Prozent macht und für den Fall, dass es schief geht, einen staatlichen Nothilfefonds fordert. Das ist real existierender Sozialismus. In der DDR wurden die Gewinne in Wandlitz privatisiert, und die Verluste hatte der gesamte Staat zu tragen. Herr Ackermann will, dass die Gewinne in sein Wandlitz fließen – das heute London ist. Sein Institut heißt Deutsche Bank, aber ihm fehlt es an Verantwortung für unser Land.
Frage: Überziehen Sie nicht?
Gabriel: Nein. Es besteht die Gefahr, dass sich die Finanzkrise gerade wiederholt. Wenn es dazu käme, wäre das nicht nur ein ökonomisches Problem. Eine neue Finanzkrise in so kurzem Abstand würde eine massive Krise der demokratischen Institutionen auslösen. Das scheint den Börsenjunkies aber völlig egal zu sein.
Frage: Der Staat könnte auch über die Förderbanken Kredite stärker direkt vergeben. Damit droht der Bundeswirtschaftsminister.
Gabriel: Das kann ein Beitrag sein, aber nicht die Lösung. Sonst überfordern wir die Kfw und die Förderbanken der Länder. Die können doch nicht die Kreditversorgung des kompletten Mittelstands übernehmen. Das gilt auch für die Bundesbank. Leider haben wir keine funktionierenden Landesbanken – die hätten jetzt zum ersten Mal seit Jahren wieder eine richtige Aufgabe.
Das Interview führte Moritz Döbler
(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 28.11.2009)
- Datum 28.11.2009 - 13:39 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE, Tagesspiegel
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Die SPD und ihr Vorsitzender scheinen an einer Dissoziativen Identitätsstörung zu leiden, zumindest bezüglich ihrer politischen Identität.
In der Opposition ist man der liebenswerte Dr. Henry Jekyll, in Regierungsverantwortung wird die SPD plötzlich zum Monster Mr. Edward Hyde.
Warum haben Herr Gabriel und die SPD in Regierungsverantwortung nicht das gemacht, was er nun in der Opposition fordert?
Insbesondere ein gewisser Herr Schröder, Ziehvater von Sigmar Gabriel, hat als Kanzler eher das Gegenteil von dem getan, was nun Programm der SPD sein soll.
So wird das nichts mit Glaubwürdigkeit.
Der Herr Schröder ist jetzt schon ne ganze Weile her. Zwar merken wir jetzt immer noch Auswirkungen seiner Politik, aber das was Herr Gabriel hier sagt, finde ich sehr vernünftig.. Bitte bitte die CDU und die FDP nerven bis aufs Blut, die derzeitige Politik hats nicht anders verdient. Ich frag mich sowieso, was an der CDU noch grundsätzlich "C" ist.. Man nimmt von den armen und gibt es den reichen..
Sie schreiben mir aus der Seele.
Werde in Zukunft die Linke wählen, solange ich Sie für einigermassen Wählbar halte. SPD und die anderen Parteien sind füe mich nichrt Wählbar, weil Sie nichts für den kleinen Mann machen.
Nachgelagerte Rentenbesteuerung, ein genialer Plan Altersarmut zu installieren. Ist schon ein Unterschied wenn ich bei der Rente ca. 70% vom Nettolohn bekomme oder bei den Pensionen 70% vom Brutto, abgesegnet vom Bundesverfassungsgericht. Die Steuerbefreiung bei den Pflichtrentenbeiträgen reicht bei weitem nicht aus, die Parität bei Renten alt und Renten neu zu den Pensionen auszugleichen.
Ich finde Es auch immer schön, dies Argument, das die Verursacher, bei Umweltsünden zahlen sollen. Betriebswirtschaftlich gesehen landet das immmer beim Käufer!
Der Herr Schröder ist jetzt schon ne ganze Weile her. Zwar merken wir jetzt immer noch Auswirkungen seiner Politik, aber das was Herr Gabriel hier sagt, finde ich sehr vernünftig.. Bitte bitte die CDU und die FDP nerven bis aufs Blut, die derzeitige Politik hats nicht anders verdient. Ich frag mich sowieso, was an der CDU noch grundsätzlich "C" ist.. Man nimmt von den armen und gibt es den reichen..
Sie schreiben mir aus der Seele.
Werde in Zukunft die Linke wählen, solange ich Sie für einigermassen Wählbar halte. SPD und die anderen Parteien sind füe mich nichrt Wählbar, weil Sie nichts für den kleinen Mann machen.
Nachgelagerte Rentenbesteuerung, ein genialer Plan Altersarmut zu installieren. Ist schon ein Unterschied wenn ich bei der Rente ca. 70% vom Nettolohn bekomme oder bei den Pensionen 70% vom Brutto, abgesegnet vom Bundesverfassungsgericht. Die Steuerbefreiung bei den Pflichtrentenbeiträgen reicht bei weitem nicht aus, die Parität bei Renten alt und Renten neu zu den Pensionen auszugleichen.
Ich finde Es auch immer schön, dies Argument, das die Verursacher, bei Umweltsünden zahlen sollen. Betriebswirtschaftlich gesehen landet das immmer beim Käufer!
In wievielen Aufsichtsräten ist und war Sigmar Gabriel und was hat er da gemacht, das mit seinen jetzigen Forderungen übereinstimmt?
Im Oktober 2008 hielt der damalige Umweltminister Gabriel
einen Vortrag zu "Weltinnenpolitik und ökosoziale Marktwirtschaft", der möglicherweise ein Jahr später
relevanter ist als noch 2008:
http://www.derwesten.de/n...
Der Herr Schröder ist jetzt schon ne ganze Weile her. Zwar merken wir jetzt immer noch Auswirkungen seiner Politik, aber das was Herr Gabriel hier sagt, finde ich sehr vernünftig.. Bitte bitte die CDU und die FDP nerven bis aufs Blut, die derzeitige Politik hats nicht anders verdient. Ich frag mich sowieso, was an der CDU noch grundsätzlich "C" ist.. Man nimmt von den armen und gibt es den reichen..
Ein scharfes Schwert um Dschihad zu führen oder was ?
Sind Schwerter nun alle salonfähig geworden ?
War die Devise nicht "Schwerter zu Flugscharen ?" oder
irrt sich da eine Ahnhungsloser ???
Wenn Herr Gabriel mit "steuerpolitischem Unfug" die Tatsache meint, dass in Deutschland 40 Prozent der Haushalte keine Einkommensteuer zahlt, dann freilich hat er völlig Recht.
Ja, da beschweren sie sich, dass der Gabriel was anderes sagt, als davor.
Nun, jetzt ist er in der Opposition, davor war er in der Regierung.
Da sagen sie, aber es ist doch immer noch der Gabriel, dann muss er doch immer noch so reden wie davor.
Nun, eben nein: Früher war er in der Rolle des Ministers, jetzt ist er in der Rolle des Oppositionsführers.
Und wer glaubt, die unterschiedlichen Meinungen seien ein Ausdruck einer Persönlichkeitsspaltung haben von Politik keine Ahnung.
1. Demokratie heisst Kompromiss und als Minister muss er einen Kompromiss vertreten, ebenso wie jetzt als SPD-Vorsitzender.
2. Wer glaubt, dass ein Politiker sagen darf, was er glaubt, der lebt in einer Märchenwelt. Ein Politiker ist immer ein Repräsentant und auch eine Person der Öffentlichkeit (über die Unterscheidung: s. Kantorowicz - The king's two bodies), die Privatperson sollte da lieber mal nicht mitmischen. Schliesslich wird er nicht gewählt, um seine Triebe und Interessen in Gesetze zu Formen, sondern, um seine Wähler zu vertreten.
3. Wie oben erwähnt. Jeder Politiker hat auch Rollen zu erfüllen (s. Bourdieu). Die Rolle des Oppositionsführers ist es die Regierung zu kritisieren und nicht ihr zu applaudieren. Ganz gleich, was die persönliche Meinung ist.
Aber ich gebe zu: Märchen sind schöner als die Demokratie.
Wenns so ist, dann ist es besser, jedes Gesetz vom Soverein absegnen zu lassen!
Wenns so ist, dann ist es besser, jedes Gesetz vom Soverein absegnen zu lassen!
Die (angemessenen) Fahrtkosten zum Arbeitsplatz/Einsatzort gehören selbstverständlich zu den Kosten, die vom zu versteuernden Einkommen abzusetzen sind. So ist das bei jedem Selbständigen und bei jedem Unternehmen. Warum sollte dann im Fall von Arbeitnehmern eine Subvention sein?
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