Indien

Supermarkt-Boom zu Lasten der Ärmsten

Die EU und Indien verhandeln über ein Freihandelsabkommen. Supermarktketten wie Metro hoffen auf leichteren Marktzugang. Aktivist Dharmendra Kumar über die Folgen der Liberalisierung

Ob Wal-Mart aus den USA oder Metro aus Düsseldorf: Gegen ausländische Handelskonzerne regt sich in Indien Widerstand. Die Bevölkerung fürchtet um ihre Arbeitsplätze

Ob Wal-Mart aus den USA oder Metro aus Düsseldorf: Gegen ausländische Handelskonzerne regt sich in Indien Widerstand. Die Bevölkerung fürchtet um ihre Arbeitsplätze

ZEIT ONLINE: Seit 2003 ist Metro aus Düsseldorf in Indien mit fünf Märkten aktiv, auch andere Supermarktketten wie Wal-Mart wollen einsteigen. Was ist so schlimm am Geschäft mit der Masse?

Anzeige

Dharmendra Kumar: Wir fürchten um das Einkommen und die Existenz von Millionen von Indern. Die organisierten Supermarktketten verdrängen den kleinteiligen Einzelhandel, der für Indien so typisch ist. Ihr Markteintritt würde Handel und Landwirtschaft – die Sektoren mit der höchsten Beschäftigung in Indien – völlig umkrempeln. Rund 35 Millionen Menschen arbeiten im Einzelhandel. Es sind vor allem Menschen, die keine Ausbildung haben, nicht schreiben können und sich mit der Arbeit in den Kiranas, den kleinen Tante-Emma-Läden, über Wasser halten. Der Einzelhandel ist ein soziales Sicherungsnetz für Bauern und Genossenschaften. Wenn ausländische Supermarktketten ins Geschäft einsteigen, verlieren diese Menschen ihre Jobs.

ZEIT ONLINE: Aber wie sollte man stattdessen die Versorgung der Bevölkerung organisieren?

Kumar: Wir haben in Indien doch ein bewährtes Modell, vielleicht sogar ein Zukunftsmodell. Weltweit sprechen Experten davon, dass man Wirtschaft wieder lokaler organisieren soll. Genau das gewährleisten unsere Kiranas. Sie bieten gesundes Obst und Gemüse aus der Region an, die Leute sparen Geld und Energie, weil sie ihre Händler ums Eck haben und nicht weit fahren müssen. Das ist zwar keine kapitalintensive, aber eine arbeitsintensive Form der Wirtschaft, die Millionen Menschen ein Einkommen garantiert.

ZEIT ONLINE: Wie verlaufen die Verhandlungen der Regierung mit der EU über ein Freihandelsabkommen?

Kumar: Die Liberalisierung des Einzelhandels ist einer der Knackpunkte der Gespräche. Die Supermarktketten wollen natürlich leichter in das Geschäft mit den Einzelkunden einsteigen. Bislang dürfen ausländische Konzerne in Indien nur im Großhandel tätig sein und müssen in manchen Bereichen Joint Ventures eingehen. In der Praxis gibt es allerdings Schlupflöcher, weswegen schon heute auch Privatleute ganz normal bei Metro einkaufen können. Ich befürchte, dass unserer Regierung die kleinen Händler und Bauern relativ egal sind. Sie setzt den Marktzugang als reine Verhandlungsmasse ein, um in anderen Bereichen mehr herauszuschlagen. Das Problem ist, dass die Verhandlungen komplett intransparent ablaufen.

ZEIT ONLINE: Wie reagieren die Inder auf Metro und Co.? 

Kumar: Für viele ist das Einkaufen dort bislang ein besonderes Ereignis, weil man solche Supermärkte bislang nicht kennt. Als Metro 2003 in Bangalore seine erste Filiale eröffnete, gab es Demonstrationen von Händlern und Anwohnern. Mehrere Einzelhändler haben Gerichtsverfahren gegen den Betrieb angestrengt und das oberste Gericht des Bundesstaats Karnataka hat entschieden, dass die Geschäftspraktiken von Metro regelmäßig überprüft werden müssen. Vergangenes Jahr protestierten erneut hunderte Frauen und Männer bei der Eröffnung einer Filiale. Willkommen sind die ausländischen Supermarktketten nicht.

 

Dharmendra Kumar, 36, ist Direktor von India FDI Watch, einer Koalition von Gewerkschaften, Berufsverbänden, Umweltschützern und Nichtregierungsorganisationen, die gegen die Liberalisierung von ausländischen Direktinvestitionen im indischen Einzelhandelssektor kämpft. Die Organisation Oxfam hat einen aktuellen Bericht zum Thema Einzelhandel in Indien veröffentlicht.

Anzeige
Leser-Kommentare

  1. ... den Indern. Ich fürchte nur, dass die vernünftigen Menschen dort auf genauso taube Ohren stoßen wie die bei uns und sonst überall auf der Welt. Konzerne haben einfach die größere Portokasse, daraus lassen sich jede Menge "Volksvertreter" finanzieren, die ihren Bürgern dann gerne erklären was gut für sie ist.

    Danke für das kurze Mini-Interview an die ZEIT. Das nächste Mal an dieser Stelle kommt dann sicher wieder ein 5-seitiges mit diversen indischen Neoliberalen, die erklären warum die Freihandelsabkommen gut für alle und insbesondere die Armen sind.

  2. Die weltweite Modernisierung des Einzelhandels hat nicht das geringste mit Freihandelsabkommen zu tun. Es ist nicht anders in der Innenstadt von Paris und Berlin. Schließlich zwingt niemand die Leute, in einen blitzsauberen Supermarkt zu gehen.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    ... sie gehen auch immer da hin, wo es gerade am billigsten ist.

    Davon geht ja auch die größte Gefahr für die kleinen Familienbetriebe aus.
    Die Folge sehen wir bei uns: überlastete Angestellte, die kronisch unterbezahlt sind und sich mit ihrer Arbeit nicht mehr indendifizieren können. Selbständigkeit ist ein sehr hohes Gut, das beschutz werden muss!

    • 07.11.2009 um 0:24 Uhr
    • sandhu

    ... sie gehen auch immer da hin, wo es gerade am billigsten ist.

    Davon geht ja auch die größte Gefahr für die kleinen Familienbetriebe aus.
    Die Folge sehen wir bei uns: überlastete Angestellte, die kronisch unterbezahlt sind und sich mit ihrer Arbeit nicht mehr indendifizieren können. Selbständigkeit ist ein sehr hohes Gut, das beschutz werden muss!

    Antwort auf "Die Kunden entscheiden"
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren
  • Von Marlies Uken
  • Datum 3.11.2009 - 15:28 Uhr
  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Kommentare 3
  • Empfehlen E-Mail verschicken | Bookmarks
  • Artikel Drucken Druckversion | PDF
  • Schlagworte Einzelhandel | Indien
  • Artikel-Tools präsentiert von:

Service