Finanzpolitik "Der Schuldenabbau hat Zeit"

Die Deutschen neigen dazu, das Problem der Staatsschulden zu überschätzen, sagt der Ökonom Giacomo Corneo. Er warnt davor, den Haushalt schnell zu sanieren.

ZEIT ONLINE: Überschätzen die Deutschen das Problem der Staatsverschuldung?

Giacomo Corneo: Ja, die Gefahr besteht. In Deutschland gibt es eine ausgeprägte Kultur der Haushaltsdisziplin. Das ist erst einmal begrüßenswert. In anderen Ländern hätte es keine vergleichbare Debatte gegeben, wenn eine Regierung in Zeiten einer schwierigen Haushaltslage verspricht, die Steuern zu senken. Andererseits neigt man in Deutschland dazu, Staatsschulden zu verteufeln, was ich problematisch finde.

ZEIT ONLINE: Aber doch erklärlich. Die Bürger wollen keinen überforderten Staat.

Corneo:  Die Finanzlage des Bundes ist in der Tat schwierig, aber nicht dramatisch. Die Schuldenstandsquote – also die Verschuldung anteilig am Bruttoinlandsprodukt - wird in den kommenden Jahren wegen der Weltwirtschaftskrise auf rund 80 Prozent steigen. Das ist im internationalen Vergleich nicht übermäßig viel. Die eigentlichen Probleme, die in den kommenden Jahren auftreten werden, kommen allesamt aus der politischen Arena. Da sind die Steuersenkungsversprechen der neuen Regierung, die weder konjunkturpolitisch noch strukturell Sinn ergeben. Da sind verfehlte teuere Maßnahmen, die in der Vergangenheit eingeführt wurden. Und da ist die Schuldenbremse, die ich für einen Fehler halte.

Giacomo Corneo
Giacomo Corneo

ist seit dem Jahr 2004 Professor für Finanzwissenschaft an der Freien Universität Berlin. Der gebürtige Italiener hat zahlreiche Aufsätze in internationalen Journalen publiziert, hauptsächlich zu Problemen des öffentlichen Sek­tors und des Arbeitsmarkts. Sein aktueller Forschungs­schwerpunkt ist die Ökonomie des Wohlfahrtsstaates.


ZEIT ONLINE: Immerhin kann die Regierung mit der Schuldenbremse zeigen, dass sie ernsthaft die Neuverschuldung begrenzen will.

Corneo: Ich bin ja auch dafür, den Haushalt zu konsolidieren. Ich sage nur: Ökonomisch ist es nicht sinnvoll, es so schnell zu tun, wie es die Schuldenbremse vorsieht.

ZEIT ONLINE: Ohne Regeln scheint es nicht zu gehen. Etliche deutsche Finanzminister haben sich in der Vergangenheit bemüht, die Neuverschuldung zurückzuführen und sind gescheitert.

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Corneo: Es gibt zahlreiche Länder, die zeigen, dass eine nachhaltige Finanzpolitik ohne Verfassungszwang geht. Auch Deutschlands Verschuldung war bis in die späten siebziger Jahre moderat. Dann kamen zwei Ölkrisen, die Wiedervereinigung, die Weltwirtschaftskrise. Seither ist der Schuldenberg gewachsen. Damit müssen wir jetzt umgehen, aber ohne es zu überstürzen.

ZEIT ONLINE: Warum?

Corneo: Weil das unter den jetzigen politischen Bedingungen nicht ohne Wohlfahrtsverluste ablaufen wird. Verläuft die Konjunktur halbwegs normal, muss die Regierung von 2016 an etwa 50 Milliarden Euro pro Jahr sparen, um das Schuldenziel zu erreichen. Gleichzeitig hat sie keine Idee, wie sie das schaffen will. Einige sinnvolle Maßnahmen, wie etwa die Abschaffung von Subventionen und Ausnahmen im Steuerrecht, lehnt Schwarz-Gelb ab oder hat hierfür keine politische Mehrheit. Meine Sorge ist deshalb, dass sie stattdessen ein drastisches Sparprogramm in den Kernaufgaben des Staates fahren wird. Das bedeutet weniger Polizisten, weniger Lehrer, weniger Kita-Plätze, weniger Forscher, weniger Betriebsprüfer und Steuerfahnder.

ZEIT ONLINE:
Ihr Gegenvorschlag?

Corneo: Ich plädiere dafür, die Schuldenbremse zu überdenken und stattdessen einen langfristigen Konsolidierungskurs einzuschlagen. Die Regierung sollte den Primärüberschuss langsam und konjunkturgerecht erhöhen und die Schuldenstandsquote beim gegenwärtigen Niveau von rund 70 Prozent stabilisieren.

ZEIT ONLINE: Das würde bedeuten, dass der Haushaltsspielraum knapp bleibt. 12 Prozent fließen schon heute in Zinszahlungen – mehr als in Bildung, Forschung und Verteidigung zusammen.

Corneo: Ja, aber dieser Schuldenberg ist eben da. Damit hat sich der Staat bereits verpflichtet, in der Zukunft die entsprechenden Zinszahlungen zu tätigen. Wer jetzt einen radikalen Schuldenabbau fordert, muss wissen, dass der Staat dadurch keine Entlastung erfährt. Um die zukünftigen Zinszahlungen zu vermeiden, muss der Staat heute Schulden in einem bestimmten Umfang tilgen, also einen bestimmten Betrag aufbringen. Nun entspricht dieser Betrag genau der Summe der künftigen Zinsausgaben. Die Last bleibt unverändert. Durch einen Schuldenabbau entsteht keine Ersparnis für den Staat.

Leser-Kommentare
  1. an einem harten Vorgehen. Das hiesse sparen und vielen kleinen Wählergruppen vor den Kopf stoßen. Damit weniger Wählerstimmen bei der nächsten Wahl - also wird weitergemacht wie alle vorher...hat ja immer schon geklappt.

    Es tut mir leid. Aber ich würde (wie ich es privat auch tun würde) zunächst einmal alle Ausgaben auf das absolute Minimum reduzieren - und dann schauen was ich verteilen kann. Dabei würden dann aber viele Nutznießer leer ausgehen...

  2. an einem harten Vorgehen. Das hiesse sparen und vielen kleinen Wählergruppen vor den Kopf stoßen. Damit weniger Wählerstimmen bei der nächsten Wahl - also wird weitergemacht wie alle vorher...hat ja immer schon geklappt.

    Es tut mir leid. Aber ich würde (wie ich es privat auch tun würde) zunächst einmal alle Ausgaben auf das absolute Minimum reduzieren - und dann schauen was ich verteilen kann. Dabei würden dann aber viele Nutznießer leer ausgehen...

    • Chali
    • 30.11.2009 um 15:03 Uhr

    dass man lediglich die Steuern senken muss, damit alles alles gut wird?

    Der Aufschwung Ost 1990 zum Beispiel: der hat sich doch praktisch ganz allein finanziert!

    • knuham
    • 30.11.2009 um 15:23 Uhr

    für bedenklich hält, interessiert vielleicht im Elfenbeinturm der Hochschulen, politisch wäre es fatal das Thema länger zu ignorieren. Überzogene, nicht finanzierbare Sozialutopien können große sozial Verwerfungen hervorrufen. Die Folge ist der Ruf nach dem starken Mann. Eine Wirtschaft, die am Tropf der Staatsausgaben hängt, kann sich eben keine Sozialleistungen im Stile einer Vollkasko-Versicherung leisten. Es gilt rasch die Vollkasko-Mentalität abzubauen. Entweder man reduziert die Subventionen von West nach Ost oder in die Steinkohle und Landwirtschaft oder man reduziert die Ausgaben in die Sozialversicherung. Man sollte sich mit dieser Alternative rasch anfreunden und einen Tilgungsplan vorlegen. Jedes Jahr 10 Millarden Tilgung, bedeutete für die nächsten 170 Jahre genug zu tun.

  3. Es gibt Experten im Bereich Physik, die würden - gegen entsprechende Bezahlung - bestätigen, daß das Wasser grundsätzlich bergauf fließt.

    Keine Schulden mehr zu machen würde das Ende des Kapitalismus bedeuten. Wenn es keine Schulden mehr gibt, git es auch keine Forderungen mehr. Wer privat keine Schulden machen will, für den machen die Gemeinden, die Länder und der Bund die Schulden.
    So wie die zeugen Jehovas schon öfter das Ende der Welt verkündet hatten, so verkünden regelmäßig die Politiker die an der Regierung sind, daß sie in ... Jahren einen ausgeglichenen Hauhalt vorlegen werden. Ich würde mein Häuschen im Grünen verwetten, daß die nächsten 20 Jahre der Schuldenberg weiter wachsen wird (wenn nicht vorher das Finanzsystem bereits implodiert ist).

  4. Von der Politik garnicht erst zu verlangen, dass sie Steuerlöcher schließt, hat zumindest den Vorteil, dass die Steuerberater nicht auch noch von den Sozialkassen finanziert werden müssen.

    Und die Professur für Geschlechterforschung an der FU scheint ja bis in andere Lehrstühle hinein ein Umdenken bewirkt zu haben:

    "...das Elterngeld halte ich ökonomisch für problematisch, weil es dem produktiveren Elternteil Anreize gibt, seine Leistung in der Produktion zu verweigern und sich um die Kinder zu kümmern, nicht demjenigen Teil der Familie, der besser Windeln wechseln kann."

    Endlich erkennt mal jemand, dass die rauen Hände einer Produktivkraft nicht gut für einen weichen Babypopo sind!

    • knuham
    • 30.11.2009 um 17:43 Uhr

    Eigentlich sollte man erwarten, dass ein System des Populismus ("Demokratie") ein stabiles System darstellte, weil in ihm die Mehrheit den Schwerpunkt ("die Mitte") definiert. Leider vergisst man allzu leicht, bevor sich diese These verwirklichen, bestätigen könnte, ist das System bankrott, überschuldet oder allgemeiner Demenz verfallen. Was der gute alte Hegel wohl dazu gesagt hätte ? Kannte er das Phänomen kollektiven Versagens bereits ? Wer weiss mehr ?

  5. von wem werden Sie denn gesponsert? Etwa der Finanzbranche, die an den Staatsanleihen prächtig verdient?

    Wer Ihren "fachmännischen" Tipps Folge leistet, kann haushaltspolitisch und finanztechnisch doch gleich einpacken!

    Es verschlägt einem schier den Atem, dass es immer noch "Experten" gibt, die in einer globalen Phase galaktischer Verschuldung zur weiteren Kreditaufnahme raten und selbst das kleinste Pflänzchen "Sparwillen" platt machen wollen!

    Das unausgesetzte Leben auf Pump lässt unterdessen kaum noch Raum für politische Handlungs- und Entscheidungsspielräume. Gewählte und demokratisch legitimierte Regierung sind bloß noch damit beschäftigt, wie man dem ständig wachsenden staatlichen Schuldenberg einigermaßen entkommen kann, ohne den plötzlichen Finanztod zu erleiden. Politik ("Führung und Erhaltung eines Gemeinwesens") in breitem und erforderlichem Maße findet kaum noch statt.

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