Am Tag, als Omar Hatib* seinen Job in Deutschland verliert, ruft er seine Familie im Sudan an. Es ist Anfang April, die Kündigung kam so plötzlich, dass er sie selbst kaum erklären kann. Seine Mutter ist am anderen Ende der Leitung, Hatib erzählt von seiner Firma, der die Aufträge ausgingen, er verspricht, weiter Geld zu schicken, wenn auch weniger als bislang. Er spürt, dass sie ihn nicht versteht, wie so oft in letzter Zeit. Wie soll man der Familie in einem der ärmsten Länder der Welt erklären, dass es in Deutschland so schwer ist, zu ein wenig Wohlstand zu kommen?

Sie kriegen schließlich nicht mit, wie viel er dafür eingesetzt hat. Dass er während seines Studiums der Elektrotechnik, für das er vor rund zwölf Jahren nach Deutschland kam, pausenlos gejobbt hat, damit am Monatsende etwas Geld übrig blieb, um es nach Hause zu schicken. Manchmal 100 Euro, manchmal mehr. Geld, das er auch für Bücher gebraucht hätte, für Miete und Essen. Er hat kaum davon erzählt. Noch im Juni 2008 hatte es so ausgesehen, als sei er auf dem richtigen Weg. Er findet eine feste Stelle bei einem IT-Dienstleister in Süddeutschland, 37.000 Euro brutto im Jahr verdient er nun. Kurz darauf ruft er zu Hause an und verspricht, fortan regelmäßiger Geld zu schicken. Er hofft, nun die Erwartungen seiner Familie zu erfüllen. Elf Monate lang. Dann gehen der Firma, die ihn beschäftigt, die Aufträge aus. Als er ein Projekt beendet hat, an dem er wochenlang gearbeitet hat, spricht der Chef die Kündigung aus.

Omar Hatib, 30 Jahre alt, führt seit 1999 in Deutschland einen Kampf, der dem von Millionen Migranten weltweit ähnelt: der Mexikaner in den USA, der Afrikaner in Spanien, der Rumänen in Italien. Es geht um den Anschluss an eine Gesellschaft, die nicht die eigene ist. Es geht aber auch um Geld. In Deutschland, sagt Hatib, leben drei Gruppen von Afrikanern. Da sind jene, die reiche Familien haben, die sie unterstützen. Sie sind die Minderheit. Dann gibt es ein paar, die sich nur selbst versorgen müssen. Hatib gehört zur Mehrheit, die nicht nur sich über Wasser halten muss, sondern auch die Familie daheim.

Er kennt die Knappheiten genau, mit denen seine Familie im Sudan zu leben hat. 100 Euro, so viel kostet umgerechnet die Miete, die seine Mutter für das Haus im Norden des Sudan zahlt. Weniger als 100 Euro beträgt das Gehalt, das seine Mutter monatlich als ungelernte Hilfskraft in einem Botanischen Institut verdient. Das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen im Sudan liegt bei 800 Dollar im Jahr. Hatib weiß, dass viele Familien im Sudan auf Geld aus dem Ausland angewiesen sind, dass jeder Euro, den er schickt, das Leben seiner Familie einfacher macht. Statt 200 Euro jeden Monat wird er jetzt weniger Geld schicken, und auch nicht jeden Monat, sondern vielleicht nur jeden zweiten.

Was Hatib passiert ist, geschieht derzeit überall auf der Welt. Weltweit vernichtet die Wirtschaftskrise Jobs. Der Internationale Währungsfonds (IWF) schätzt, dass alleine in diesem Jahr 59 Millionen Menschen auf der Welt ihre Arbeit verlieren könnten. Oft trifft es die Migranten zuerst, vor allem jene, die in ungelernten, schlechten Jobs tätig sind, Rumänen in Großbritannien, Wertarbeiter aus Bangladesch in Singapur, Hilfsarbeiter aus der Dominikanischen Republik in den USA. Wo die Arbeit knapp wird, sind Fremde oft nicht mehr erwünscht. Manche verlieren mit ihrem Job auch ihr Bleiberecht und rutschen in die Illegalität.

Das hat Folgen, nicht nur für die Arbeiter in den USA, in Großbritannien oder Singapur, sondern auch für ihre Familien. Das Geld, das die weltweit 191 Millionen Migranten in ihre Heimat schicken, jener gewaltige Finanzstrom, der in den vergangenen Jahren in zunehmendem Maße den Globus umspannt, wird kleiner. Noch zwischen 2003 und 2008, schätzt die Weltbank, haben sich die weltweiten Rücküberweisungen verdoppelt – zuletzt auf 330 Milliarden Dollar. Das ist das Dreifache der weltweiten Entwicklungshilfe. Jetzt verkleinert sich der Strom in die Entwicklungsländer. Um sieben bis zehn Prozent werden die remittances in die ärmsten Länder der Welt in diesem Jahr zurückgehen, schätzt Dilip Ratha, der zuständige Ökonom der Weltbank.