Ruhrgebiet in der Krise Wendeverlierer tief im Westen
Bei Opel und Thyssen-Krupp bangen Tausende Menschen um ihren Job. 20 Jahre nach dem Mauerfall fühlt sich das Ruhrgebiet als Wendeverlierer. Von Olaf Sundermeyer, Bochum
Vom Sofa seines Wohnzimmers kann der Schriftsteller Wolfgang Welt die Werkshalle sehen. Es ist eine riesige Kiste aus roten Ziegeln, die sich im Bochumer Osten erhebt. Der Autohersteller Opel beschäftigt hier rund 5500 Menschen. Keiner weiß, wie lange noch. Früher stand hier die Zeche Robert Müser, und als diese schloss, im Jahr 1968, kam Opel. Das war auch das Jahr, als die Ruhr-Universität in Bochum gegründet wurde, als erste Uni im Ruhrgebiet. Damals galten Opel und die neue Universität als Retter der Region. Solange geht der Strukturwandel in Bochum schon, ein immerwährendes Hoffen auf bessere Zeiten.
Fragt man den Schriftsteller Wolfgang Welt nach Opel und nach jenem Werk, auf das er von seinem Wohnzimmer schaut, sagt er: "Seit zwanzig Jahren, seit der Wende, sind wir uns alle einig, dass wir den Kapitalismus haben wollen. Da muss man auch mit seinen Auswüchsen fertig werden, wer immer den Mist gebaut hat." Der Mist, da ist man sich in Bochum einig, wurde in Detroit gebaut, in der Zentrale von General Motors. Seit mehr als 80 Jahren hängt das Schicksal der Opelaner an den Entscheidungen des Mutterkonzerns in Amerika und daran wird sich so schnell nichts ändern. GM gab vergangene Woche bekannt, Opel doch nicht an das Konsortium um den austrokanadischen Zulieferer Magna verkaufen zu wollen. Seither geht die Angst in Bochum um. Denn der letzte Sanierungsplan von GM sieht vor, die Werke in Bochum und Eisenach zu schließen. "Die Werksschließung ist für uns eine reale Bedrohung", sagt Ulrike Kleinebrahm von der Gewerkschaft IG Metall in Bochum, die 90 Prozent der Opelaner vertritt.
Ob der alte GM-Plan noch gilt, weiß in Bochum niemand. Doch allein der Gedanke an eine weitere Werkschließung genügt, um den verregneten November zu einem Monat der Resignation zu machen. Da passt auch ins Bild, dass der örtliche Fußballbundesligist auf einem Abstiegsplatz steht. Bochum, so scheint es, verliert immer wieder: Erst die 2300 Nokia-Arbeitsplätze im vergangenem Jahr, als Nokia beschloss, sein Bochumer Werk nach Rumänien zu verlagern. Dann jene 400 Stellen beim Mineralkonzern BP, die dieser künftig streichen will. Und nun Opel.
Kapitalismuskritik hat heute in Bochum Konjunktur und wer sie vorbringt, findet Zuhörer. Die Linkspartei hofft nicht ganz unberechtigt darauf, bei der kommenden Landtagswahl im Mai in den Düsseldorfer Landtag einzuziehen. Bereits bei der Bundestagswahl im September errang sie 10,8 Prozent der Stimmen in Bochum. In Duisburg, wo die Stahlkrise Arbeitsplätze verschwinden lässt, waren es sogar mehr als 12 Prozent – und dass, obwohl Thyssen-Krupp-Steel erst nach der Wahl bekannt gab, deutschlandweit mehr als 10.000 Arbeitsplätze abbauen zu wollen, viele davon am Duisburger Stammsitz.
Der Druck auf die Politik kommt im Ruhrgebiet daher mehr denn je von links. Den spürt vor allem die SPD. Sie ist längst nicht mehr die politische Heimat der Gewerkschaften. Aber auch die schwarz-gelbe Koalition muss fürchten, bei der Landtagswahl im Mai für ihre Wirtschaftspolitik bestraft zu werden. Viele in Bochum fühlen sich von der Politik betrogen. Vor der Bundestagswahl im September hatte Ministerpräsident Jürgen Rüttgers (CDU) den Magna-Deal als Rettungsplan verkauft. Nun zeigt sich für viele, wie begrenzt seine Macht war, wie symbolisch seine Reisen zu den GM-Managern nach Detroit.
Bereits während des verlorenen Kampfes um das BenQ-Handywerk in Kamp-Lintfort vor drei Jahren hatte sich Rüttgers als kämpferischer Arbeitnehmervertreter inszeniert. Genutzt hat das damals vor allem seinem politischen Image. Ulrike Kleinebrahm von der IG Metall sieht die Macht der Politiker realistisch: "Schon Nokia-Chef Olli-Pekka Kallasvuo hatte sich über deutsche Politiker gewundert, die meinten sich in unternehmerische Entscheidungen einzumischen."
Die Linkspartei fordert in Bochum deshalb gleich eine Verstaatlichung des Unternehmens. "Opel gehört in die öffentliche Hand. Unter gemeinsamer Kontrolle von Bund, Ländern und Beschäftigten", sagt deren Bundestagsabgeordnete Sevim Degdelen. Ihr Landesverband spricht von "Vergesellschaftlichung". Das Bochumer Opel-Betriebsratsmitglied Michael Müller will mit dieser Forderung als Landtagskandidat der Linken in den Wahlkampf gehen.
- Datum 11.11.2009 - 11:59 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE
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Jahrzehntelang wurde der Strukturwandel im Ruhrgebiet dadurch gestaltet, dass man subventionierte Arbeitsplätze schuf. Gerade die populistischen Versprechen der SPD sind heute ihr Menetekel, weil Sie den Betroffenen vermittelte, es wären nur die Reichen, die nicht abgeben wollen. Der Spagat zwischen diesem Populismus und der Realität hat diese Partei letztlich jede Glaubwürdigkeit genommen. Denn diese Versprechen gibt heute die Linke ab und sie kann es nur weil viele immer noch den alten gelogenen Parolen der SPD glauben schenken.
Wieso sollte es auch plötzlich nicht mehr gehen, was jahrzehntelang skrupelos versprochen wurde ohne Rücksicht auf die Realitäten?
Sicher das Ruhrgebiet brauchte Hilfe, auch Subventionen, doch sollte sich jeder mal fragen, warum das Ruhrgebiet heute die Region ist, die am stärksten überaltert ist.
Ich komme daher, ich bin wie so viele meiner Generation ins Rheinland oder Süddeutschland ausgewandert, wenn nicht gleich in die USA, weil die bleierne gewerkschaftliche Unbeweglichkeit, die speziellen sozialdemokratischen politischen Betrügereien jede Perspektive unmöglich gemacht haben nd schlimmer waren als jede bürgerliche Enge.
Man hatte das Sicherheitsbedürfnis der alten Klientel befriedigt, das brachte Wählerstimmen, hat aber jede nachhaltige Erholung der Region auf Jahrzehnte vertagt.
An dem Erbe trägt die Region schwer. Nur die ewig Gestrigen folgen noch den Parolen, die heute die Linkspartei verkündet, schlicht weil Ihnen nichts Anderes bleibt.
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