Schäuble im Interview "Wir schaffen kein neues Steuersystem"
Wolfgang Schäuble hat als Finanzminister das wichtigste Amt der neuen Legislaturperiode übernommen. Im Interview spricht er über die Chancen und Grenzen des Koalitionsvertrags und die Gratwanderung zwischen Stimulierung der Wirtschaft und der Konsolidierung des Haushalts.
Frage: Herr Schäuble, haben Sie in den letzten Tagen einmal mit Theo Waigel gesprochen?
Wolfgang Schäuble: Als die ersten Agenturmeldungen kamen, dass ich möglicherweise Bundesfinanzminister werde, habe ich ihn angerufen. Wir kennen uns seit langem - und seine Reaktion hat mir sehr gut getan. Er sagte, ich müsse vor dieser Aufgabe keine Angst haben. Und dann wiederholte er seinen bekannten Spruch: "Wenn du Finanzminister wirst, dann wechselt nach drei Jahren jeder die Straßenseite, wenn er dich sieht." Das hat mir Mut gemacht (lacht).
Frage: Wir stellen die Frage nach Theo Waigel vor dem Hintergrund, dass nach der deutschen Wiedervereinigung Schwarz-Gelb zunächst sehenden Auges jede Steuererhöhung ausgeschlossen hat und Finanzminister Waigel am Ende als Schuldenkönig dastand. Jetzt haben wir wieder eine Situation mit außerordentlicher Belastung der Staatskassen.
Schäuble: Waigel geht als jemand in die Geschichte ein, der die europäische Währungsunion vereinbart hat. Schlagzeilen wie "Schuldenkönig" muss man aushalten. Ich bin da schon von Anfang an außer Konkurrenz. Keiner hat eine Chance, so bald eine ähnlich hohe Neuverschuldung verantworten zu müssen wie ich.
Frage: Wird sich das Schuldendesaster also wiederholen?
- Der Finanzminister
Mit dem 67-jährigen Wolfgang Schäuble hat Kanzlerin Angela Merkel dem erfahrensten Mitglied ihrer Regierungsmannschaft das wichtigste Amt der neuen Legislaturperiode anvertraut. Als Finanzminister soll Schäuble für die Kanzlerin zwei zentrale Aufgaben erfüllen: Erstens soll das CDU-Urgestein Verlässlichkeit ausstrahlen in einer Zeit, in der der Bundeshaushalt alle Negativrekorde zu brechen droht. Zweitens garantiert Schäuble mit über 37 Jahren Regierungs- und Parlamentserfahrung, dass die FDP mit ihren Radikalvorstellungen von Steuervereinfachungen nicht weit kommen wird.
- Seine Vita
Nur auf den ersten Blick überrascht es, dass Merkel für die Aufgaben des Finanzministers auf Schäuble zurückgreift. Beide verbindet - oder besser trennt - eine lange gemeinsame Vergangenheit. Merkel schaffte, was das Attentat eines geistig Gestörten 1990 nicht fertigbrachte: Sie verhinderte Schäubles Aufstieg nach ganz oben. Das Amt des Parteichefs musste er wegen der CDU-Spendenaffäre an Merkel abgeben. Als er 2004 als Bundespräsident kandidieren wollte, zog Merkel Horst Köhler vor. Doch Schäuble blieb loyal, in der Großen Koalition wurde er zum zweiten Mal in seiner Karriere Bundesinnenminister.
Schäuble: Die Beteiligten der Koalition wissen, dass sie zweierlei leisten müssen. Wir müssen gut durch diese Krise hindurch und gut aus ihr herauskommen. Das heißt, dass man Finanzpolitik im Sinne moderner Ökonomie betreiben muss und nicht zu früh sparen darf. Andererseits ist aber auch klar: Wir dürfen auch in der Krise nicht zu einer laxen Haushaltspolitik kommen. Insofern sind wir in einer komplizierten Situation.
Frage: Was bedeutet das für den Haushalt 2010?
Schäuble: Den Haushalt 2010 möchte ich vor Weihnachten als Regierungsentwurf im Kabinett verabschiedet haben. Jemand, der so lange Verfassungsminister war wie ich, wird sehr genau darauf achten, dass das Grundgesetz eingehalten wird. Und ein so überzeugter Europäer wie ich weiß, dass die Einhaltung des Europäischen Stabilitätspakts von ganz entscheidender Bedeutung für Europa ist. Diese Regierung hat gesagt: Wir respektieren das Defizitverfahren. Wenn Deutschland den Pakt nicht ernst nähme, dann hätten wir wirklich ein Problem in Europa.
Frage: Täuscht der Eindruck, dass die Regierung nach der Unterzeichnung des Koalitionsvertrags zuerst die schönen Steuergeschenke herausgestellt hat und sich das Gewicht jetzt immer stärker hin zum Finanzierungsvorbehalt verschiebt?
- Datum 02.11.2009 - 11:33 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE, Handelsblatt.com
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... dann wechselt nach drei Jahren jeder die Straßenseite, wenn er dich sieht." Das hat mir Mut gemacht (lacht).
Naja, bei Steinbrück war das ein bisschen anders. Den mochten zwar auch nicht alle, die Straßenseitenwechsler wechselten aber überwiegend in den umliegenden, bisher übermäßig nutznießenden Kleinstaaten die Straßenseite.
Man kann ein Ministeramt scheints so oder so führen. Wenn sich Schäuble bei Waigel beraten hat, wird es bei ihm wohl das nämliche so sein.
Die Rollenverteilung sieht nach einem systematischen Vorgehen aus:
1. CDU, CSU und FDP versprechen im Wahlkampf so viel, daß sich die Balken biegen.
2. Nach der Wahl bringt man einen ohnehin unbeliebten Politiker in Stellung, der sagt, warum er leider, leider kein Geld herausrücken darf.
3. CDU, CSU und FDP sind froh, dem Volk kein Geld überlassen zu müssen, das sie längst der Lobby versprochen haben.
4. Westerwelle und andere Steuersenker haben jemand, dem sie es in die Schuhe schieben können.
Und schon paßt alles wieder...
... die Straßenseite gewechselt. Der hat nämlich einen sehr guten Job gemacht und gezeigt, dass es sehr wohl möglich ist einen ausgeglichenen Haushalt vorzulegen.
Jetzt wird behauptet es geht gar nicht ... toll ... also machen wir einfach genauso unvernünftig weiter wie immer.
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