Eine indische Bäuerin trocknet Mais. Die Preise für das Grundnahrungsmittel sind in Indien zuletzt wieder gestiegen © Sam Panthaky/AFP/Getty Images

Frage: Frau Wiggerthale, die Welternährungsorganisation FAO rechnet damit, dass die Zahl der Hungernden in diesem Jahr um 100 Millionen steigt und die Milliardengrenze überschreitet. Warum wird das Hungerproblem immer schlimmer?

Marita Wiggerthale: Das hat mehrere Gründe. Die Nahrungsmittelpreise sind letztes Jahr sehr stark gestiegen, die Spekulation mit Rohstoffen hat zugenommen, und die Landnahme reicher Länder und Investoren in Entwicklungsländern greift immer weiter um sich. Hinzu kommt der Biosprit – Soja und Mais werden nun auch zu Sprit verarbeitet.

Frage: Hat die Finanzkrise das Problem verschärft?

Wiggerthale: Ja, die Spekulanten haben sich in der Finanzkrise aus spekulativen Geschäften im Finanzsektor zurückgezogen und das Kapital stattdessen in Rohstoffe investiert. Das hat die Preise Ende 2007, Anfang 2008 in die Höhe getrieben.

Frage: Welche Bereiche sind besonders betroffen?

Wiggerthale: Getreide, insbesondere Weizen, Mais und Reis.

Frage: Aber in den Entwicklungsländern werden doch auch Getreide und Reis angebaut.

Manche Aufkäufer können den Bauern die Preise diktieren. Diese haben vom Preisanstieg kaum profitiert.

Wiggerthale: Zwei Drittel der armen Länder sind Nahrungsmittelimporteure. Hohe Weltmarktpreise lassen dort also auch die Verbraucherpreise im Land steigen. Viele Menschen konnten sich die Lebensmittel nicht mehr leisten. Die Kleinbauern in den armen Ländern wiederum produzieren häufig nur für ihren eigenen Bedarf. Sie haben von dem Preisanstieg daher kaum profitiert. Mancherorts wurden die Preiserhöhungen nicht an die Bauern weitergegeben. In Madagaskar zum Beispiel haben 71 Prozent der Bauern nur Verbindung zu einem einzigen Aufkäufer, in abgelegenen Gebieten sind es sogar 94 Prozent. Der kann dann nach Belieben die Preise diktieren.