20 Jahre MauerfallIm Osten viel Neues

Wie gut waren die vergangenen 20 Jahre seit dem Ende der DDR? Heinz Kannenberg schaut auf Frankfurt/Oder und zieht eine persönliche Bilanz. von Heinz Kannenberg

Am 18. Oktober hielt Renate Bauer eine Rede in der voll besetzten Georgenkirche in Frankfurt an der Oder. Aufgeregt sei sie, doch diese Aufgeregtheit sei eine andere als am 18. Oktober 1989, als 1500 Bürger (so viele zählte damals die Stasi) einem Aufruf des Neuen Forums folgten und sich in dieser Kirche versammelten.

Damals hätte sie nicht gewusst, ob sie nach der Veranstaltung wieder nach Hause kommen oder beim Verlassen der Kirche von der Stasi abgeführt werden würde, sagte Bauer. Für einen ihrer Söhne hatte sie für alle Fälle in der Küche unter dem Radio einen Zettel versteckt. Darauf stand, wo sich die Geschenke für seinen kleinen Bruder befanden. Denn der hatte am 19. Oktober Geburtstag.

Anzeige

Die Angst hatte Renate Bauer in die Kirche begleitet. Doch gleichzeitig sei der Mut, das Neue Forum mitzugründen, über viele Jahre gewachsen. Die Notbremse habe sie ziehen wollen, doch nicht aussteigen. Sie wollte in Frankfurt bleiben, eine lebenswertere Stadt in einem neuen, freieren Land schaffen. Das verband sie damals mit vielen im Neuen Forum.

Ich selbst war am 18. Oktober einer ihrer Zuhörer in der Georgenkirche – damals ebenso wie heute. 1989 arbeitete ich bei der Frankfurter SED-Bezirkszeitung Neuer Tag. Nach Arbeitsschluss war ich hierher gegangen, getrieben von Neugierde. Ich weilte dort privat. Ein Berichterstatter der Zeitung war nicht zugegen. Aber noch zwei Kollegen. Wohl auch privat. Wir blinzelten uns zu.

Am nächsten Tag erschien keine Zeile von einer der größten Wende-Veranstaltungen im ehemaligen Bezirk Frankfurt/Oder in meiner Zeitung. 20 Jahre später wurde die Veranstaltung zur Erinnerung an diese mutige Zusammenkunft drei Mal in der 1990 umbenannten Märkische Oderzeitung angekündigt. Und am nächsten Tag war es die Aufmachung im Frankfurter Lokalteil. 1989 und 2009 - ganz andere Zeiten.

Frankfurt war und ist nicht Leipzig oder Berlin. Aber auch hier gab es Mutige, die eine Sehnsucht nach Freiheit und Veränderungen hatten. Und es gab Menschen wie mich, die sich von diesen Mutigen aufwecken ließen.

Heute eint uns beide, dass die Erinnerung an den Mut der vielen Einzelnen, die Gewissheit, etwas bewegt zu haben, Bürger wieder ermuntert, die Zukunft der schrumpfenden Oderstadt zu gestalten. Frankfurt braucht mehr denn je die Tatkraft, die aus der Mitte der Bürgerschaft kommt.

Leserkommentare
  1. Ich habe selber zwei Semester in Frankfurt (Oder) an der Europa-Universität Kulturwissenschaften studiert. Als ich das allererste Mal nach Frankfurt kam um mir die Uni und die Stadt anzuschauen, war es Frühling, die Sonne schien und ich war positiv überrascht. Ich war jung, hoch motiviert, interessiert und sehr begeisterungsfähig. Für jeden leerstehenden Altbau hatte ich eine kulturelle Nutzugsidee, ich wollte aus dem Nichts Neues schaffen, gemeinsam mit den Slubicern Europa leben, die Leere nicht als Leere sondern als Offenheit für Neues sehen. Trotzdem entschied ich mich, nicht nach Frankfurt, sondern nach Berlin zu ziehen und zu pendeln. Wie etwa 3/4 meiner Kommilitonen ebenfalls. Erst mal langsam, dachte ich.Berlin erschien mir als Zwischenstation besser. Mit Option auf Frankfurt, irgendwann. Als ich Frankfurt (Oder) das zweite Mal besuchte, war es Herbst, es nieselte und die Uni ging los. Ich dachte: Bonjour tristesse. Mein Idealismus schwand. Was nicht an der Uni lag, die ist sehr sehr gut. Tolle Dozenten, gute Betreuung, moderne und architektonisch schöne Gebäude, fantastische Seminare, kostenlose Sprachkurse, obligatorisches Auslandssemester, internationale Studierende, gute Lehre! In einer Umfrage im Netzwerk studivz kam die Europa-Uni auf den 14.Platz! Sonst waren dort oben nur Wirtschaftseliteunis oder Schweizer Universiäten vertreten. Also lag es nicht an der Uni, ich hatte einfach nicht die Kraft gegen die bleierne Unzufriedenheit in der Stadt anzukämpfen.

    • hamkon
    • 05. November 2009 22:27 Uhr

    Wer die Lektüre des ND und der Märkischen Union zwischen 1968 und 1985 hinter sich gebracht hat, obwohl er als Bürger der "BRD" nicht zur Lektüre gezwungen war, als geborener Ossi aus Gründen der emotionalen Verbundenheit mit den Menschen in der Ostzone es sich dennoch angetan hat, weiss ich was Agitprop ist.

    Dass heute in "Die Zeit" diese Form von Agitpropjournalismus angeboten wird, erschüttert mich. Fakten und Tatsachen - Fehlanzeige. Ebenso wie damals im ND oder in der Märkischen Union.

    Wo bitte bleibt die Information, wie sich die Vermögenslage in der ehemaligen Ostzone seit 1990 für die dort Ansässigen entwickelt hat.

    Das wird in "Die Zeit" ebenso wenig publiziert und diskutiert, wie die Vermögenslage in der alten Bundesrepublik Deutschland, die vom Statistischen Bundesamt für 2007 mit
    < 15% aller Privathaushalte verfügen über > 85% aller Privatvermögen.

    Das, verehre Redaktion der "Die Zeit" wäre eine gewisse Nachricht wert. Das verehrte Redaktion der "Die Zeit" ist der faktische Beleg dafür, dass diese angeblich demokratische Bundesrepublik Deutschland längst zu einem besitzbürgerlichen Feudalsystem verkommen ist, in der mittels Agitprop seitens solcher Organisationen wie der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft die gleiche Propagandarealität an den Mann und die Frau gebracht werden soll, wie einst die Propagandarelaität der Ostbonzen von der stalinistischen Kaderfunktionärsdiktatur der SED.

    Das ist "Die Zeit" im Jahre 2009 nach meiner Wahrnehmung.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Artikel Auf einer Seite lesen
  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Bundesregierung | DDR | Forum | Gesamtschule | Grundschule | Gymnasium
Service