Jahresgutachten Wirtschaftsexperten kritisieren Pläne der Regierung scharfSeite 2/2

Sie warnen zudem vor einer Abkehr von der schrittweisen Einführung der Rente mit 67. "Zur Sicherung der langfristigen finanziellen Stabilität der gesetzlichen Rentenversicherung ist die Umsetzung der bereits eingeführten Regelungen unabdingbar", hieß es.

Die Anhebungen von Kindergeld und Kinderfreibetrag werden ebenfalls scharf kritisiert: "Zu der von den Koalitionsparteien erhofften, spürbaren Steigerung des wirtschaftlichen Wachstums dürften diese Maßnahmen so gut wie nichts beitragen." Gelobt werden dagegen die geplanten Reformen im Bereich der Banken und die vorgesehenen Mehrausgaben für die Bildung.

Forderung nach einem europäischen Konsolidierungspakt

Die Wirtschaftsweisen plädieren angesichts der ausufernden Staatsverschuldung in vielen Staaten der EU für einen europäischen Konsolidierungspakt. "Der bestehende Stabilitäts- und Wachstumspakt weist erhebliche Defizite auf, die in der Diskussion immer wieder heftig kritisiert worden sind", bemängelte der Sachverständigenrat. Dies zeige sich auch daran, dass Defizitsünder wie Griechenland über Jahre ohne Sanktionen geblieben seien. Bei einem neuartigen Konsolidierungspakt dürfe es nicht nur um eine Defizitgrenze gehen, sondern um das Ziel eines mittelfristigen Haushaltsausgleichs. Die Forscher schlagen vor, dass jedes Land den gesamten Pfad bis zum Erreichen eines nahezu ausgeglichenen Budgets beschreiben muss.

Als Ausgangspunkt für ein "ehrgeizigeres Regime" biete sich das Konzept der Stabilitäts- und Konvergenzprogramme an, die bereits seit Längerem jedes Jahr von allen EU-Mitgliedsländern erstellt werden müssen. Darin hat ein Land fortlaufend für das aktuelle Jahr und mindestens die drei Folgejahre detailliert darzulegen, mit welchem Anpassungspfad von Einnahmen und Ausgaben es das mittelfristige Ziel eines im Prinzip ausgeglichenen Haushalts zu erreichen beabsichtigt.

Die Gefahr sei groß, dass der bestehende Pakt nicht in der Lage sei, in ausreichendem Maße für die notwendige fiskalpolitische Disziplin zu sorgen, warnen die Forscher. Eine glaubhafte Konsolidierung der öffentlichen Haushalte sei aber von entscheidender Bedeutung für die geldpolitische Linie der Europäischen Zentralbank. "Käme es zu einer unsoliden Finanzpolitik der Mitgliedsländer des Euro-Raums, müsste die EZB ihre Zinsen spätestens dann anheben, wenn sich dies in steigenden Inflationserwartungen der Marktteilnehmer manifestiert", heißt es in dem Gutachten.

Deutschland muss von 2011 bis 2013 die strukturelle Neuverschuldung jährlich um 0,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) senken, damit das Defizit 2013 wieder unter drei Prozent des BIP liegt. Auch Österreich, Belgien, Tschechien, den Niederlanden, Portugal, Slowenien und der Slowakei setzte die Kommission eine Frist bis 2013.

 
Leser-Kommentare
  1. Wie toll das die Regierung jetzt eine Sündebock gefunden hat. Nach dem Motto: "Wir wollten wirklich die Steuern senke, aber die lassen uns nicht." Da ist die Regierung und allen voran Frau Merkel wieder fein raus.
    Meiner Meinung ein abgekartetes Spiel.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • joG
    • 13.11.2009 um 9:26 Uhr

    ..."fein raus"? Wenn ich die Berichte über den Bericht (ich habe ihn noch nicht gelesen) richtig verstehe, ist die Aussage nicht, man könne die Steuern nicht senken. Sie scheint auch nicht zu sein, man könne die Steuern nicht jetzt senken.
    Die Aussage scheint zu sein, dass einer Steuersenkung eine Ausgabensenkung gegenüberstehen muss und diese Reduzierung der Ausgaben aus den Subventionen und "Sozialausgaben" kommen müssten, da die anderen Töpfe ungenügend groß seien. Das war aber doch jedem auch vor der Wahl klar. Auch ist klar, dass man zur Unzeit die Staatsausgaben kaum senken sollte, sondern abwarten muss, bis die Wirtschaft stabilisiert.
    Angedeutet scheint weiterhin zu werden, dass nicht alle Maßnahmen, die als Steuerreduzierung ausgewiesen werden gleichwertig sind. So ist die Erhöhung der Subventionen für Kinder kaum eine echte Steuersenkung, auch wenn sie an die Steuerzahlung gekoppelt sind. Auch sind Aktionen dieser Art keinesfalls wirtschaftlich effizient. Sie stärken die Wirtschaft nicht in einer Zeit, in der die Hauptprobleme aus der schwachen Wirtschaft resultieren.

    • joG
    • 13.11.2009 um 9:26 Uhr

    ..."fein raus"? Wenn ich die Berichte über den Bericht (ich habe ihn noch nicht gelesen) richtig verstehe, ist die Aussage nicht, man könne die Steuern nicht senken. Sie scheint auch nicht zu sein, man könne die Steuern nicht jetzt senken.
    Die Aussage scheint zu sein, dass einer Steuersenkung eine Ausgabensenkung gegenüberstehen muss und diese Reduzierung der Ausgaben aus den Subventionen und "Sozialausgaben" kommen müssten, da die anderen Töpfe ungenügend groß seien. Das war aber doch jedem auch vor der Wahl klar. Auch ist klar, dass man zur Unzeit die Staatsausgaben kaum senken sollte, sondern abwarten muss, bis die Wirtschaft stabilisiert.
    Angedeutet scheint weiterhin zu werden, dass nicht alle Maßnahmen, die als Steuerreduzierung ausgewiesen werden gleichwertig sind. So ist die Erhöhung der Subventionen für Kinder kaum eine echte Steuersenkung, auch wenn sie an die Steuerzahlung gekoppelt sind. Auch sind Aktionen dieser Art keinesfalls wirtschaftlich effizient. Sie stärken die Wirtschaft nicht in einer Zeit, in der die Hauptprobleme aus der schwachen Wirtschaft resultieren.

    • joG
    • 13.11.2009 um 9:26 Uhr

    ..."fein raus"? Wenn ich die Berichte über den Bericht (ich habe ihn noch nicht gelesen) richtig verstehe, ist die Aussage nicht, man könne die Steuern nicht senken. Sie scheint auch nicht zu sein, man könne die Steuern nicht jetzt senken.
    Die Aussage scheint zu sein, dass einer Steuersenkung eine Ausgabensenkung gegenüberstehen muss und diese Reduzierung der Ausgaben aus den Subventionen und "Sozialausgaben" kommen müssten, da die anderen Töpfe ungenügend groß seien. Das war aber doch jedem auch vor der Wahl klar. Auch ist klar, dass man zur Unzeit die Staatsausgaben kaum senken sollte, sondern abwarten muss, bis die Wirtschaft stabilisiert.
    Angedeutet scheint weiterhin zu werden, dass nicht alle Maßnahmen, die als Steuerreduzierung ausgewiesen werden gleichwertig sind. So ist die Erhöhung der Subventionen für Kinder kaum eine echte Steuersenkung, auch wenn sie an die Steuerzahlung gekoppelt sind. Auch sind Aktionen dieser Art keinesfalls wirtschaftlich effizient. Sie stärken die Wirtschaft nicht in einer Zeit, in der die Hauptprobleme aus der schwachen Wirtschaft resultieren.

    Antwort auf "Sündebock."
    • leonee
    • 13.11.2009 um 10:08 Uhr

    Wie schön hört sich das an in einem Wahlkampf,STEUERSENKUNG:ziemlich gut denn es brachte den Erfolg.Sie wußten das es niemals funktionieren würde und so bringt man ein anderes Wort ins Spiel ,Neuverschuldung,was für ein schlechtes Wort,dass geht gar nicht.Hauptsache an die Macht und wenn es nur die gefühlte ist,denn die wirkliche Macht haben andere.Das Kapital lenkt durch ihre Lobbyisten die Marionette Politik und wir das Fußvolk,lassen müssen dafür hinhalten.Die Einschüchterungen,Verbreitung von Ängsten und der ewige Drang der Befriedigung der Bedürfnisse lassen diesen Kreislauf funktionieren mit einem Ziel,Befriedigung der Gier.Die Frau Kanzlerin spricht von Wachstum und Wachstum,wenn es so weiter geht wächst bald gar nichts mehr und das im wahrsten Sinne des Wortes.

  2. Der Sachverständigenrat sieht es als wesentliche Aufgabe der Wirtschaftspolitik, die Binnennachfrage und das innere Wachstum zu fördern: "IV. Wirtschaftspolitik: Was zu tun ist
    19. Die Schärfe und Tiefe der gesamtwirtschaftlichen Störungen stellen die Wirtschaftspolitik
    vor große Herausforderungen. Es müssen deutliche Impulse zu einer Stärkung der internen Wachstumskräfte
    und der Binnennachfrage gesetzt werden." (Quelle: http://www.sachverstaendi...).

    Als wachstumsfördernde Finanzpolitik auf der Einnahmeseite wird unter anderem angesehen:"Korrekturen des Einkommensteuertarifs, indem der steile Anstieg der Grenzsteuersätze in
    der ersten Progressionszone („Mittelstandsbauch“) reduziert und in einen durchgängig linearprogressiven
    Tarifverlauf überführt wird, verbunden mit einem Hinausschieben des Auslaufens
    der direkten Progression bei einem zu versteuernden Einkommen von gegenwärtig 52 151 Euro
    auf zum Beispiel 55 000 Euro oder 60 000 Euro;" (aaO, S. 251).

    Die Materie ist äußerst vielschichtig und schwierig; der obige Artikel wird in der einseitigen und stark vereinfachten Darstellung dem Tenor des Gutachtens keineswegs gerecht.

    Bevor hier schnell mal ein Artikel fabriziert wird, sollte die Redaktion sich mal vertieft in das Gutachten einlesen.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    zunächst vielen Dank für die freundlichen Anmerkungen zu unserer redaktionellen Arbeit.
    Leider muss ich Sie jedoch in wesentlichen Punkten korrigieren. Die von Ihnen angeführten Zitate stammen nicht aus dem Jahresgutachten 2009/10. Hier (http://www.sachverstaendi...) der link zum aktuellen Gutachten. Dort heißt es dann zur Progression und dem Mittelstandsbauch: "295. Für den Beginn des Jahres 2011 ist im Koalitionsvertrag eine Tarifreform bei der Einkommensteuer mit Abflachung des so genannten Mittelstandsbauchs angekündigt. Je nach Ausgestaltung könnte dies zu Mindereinnahmen von bis zu 26 Mrd Euro führen (JG 2008 Ziffer 428). Steuerausfälle in dieser Größenordnung sind in den nächsten Jahren weder verkraftbar noch können sie bei realistischer Betrachtung durch eine Erhöhung der indirekten Steuern oder Ausgabenkürzungen gegenfinanziert werden." S. 197 MfG Christoph Lorch

    zunächst vielen Dank für die freundlichen Anmerkungen zu unserer redaktionellen Arbeit.
    Leider muss ich Sie jedoch in wesentlichen Punkten korrigieren. Die von Ihnen angeführten Zitate stammen nicht aus dem Jahresgutachten 2009/10. Hier (http://www.sachverstaendi...) der link zum aktuellen Gutachten. Dort heißt es dann zur Progression und dem Mittelstandsbauch: "295. Für den Beginn des Jahres 2011 ist im Koalitionsvertrag eine Tarifreform bei der Einkommensteuer mit Abflachung des so genannten Mittelstandsbauchs angekündigt. Je nach Ausgestaltung könnte dies zu Mindereinnahmen von bis zu 26 Mrd Euro führen (JG 2008 Ziffer 428). Steuerausfälle in dieser Größenordnung sind in den nächsten Jahren weder verkraftbar noch können sie bei realistischer Betrachtung durch eine Erhöhung der indirekten Steuern oder Ausgabenkürzungen gegenfinanziert werden." S. 197 MfG Christoph Lorch

  3. Was von der neuen Koalition bisher beschlossen wurde, waren kleine Sauereien zugunsten von Hoteliers, reichen Erben und Besserverdienenden.

    Wachtumsimpulse gehen davon nicht aus.

    Was Sie im Koaltionsvertrag sonst noch vorhaben, können sie weitestgehend verbrennen, wie die Reaktion der Wirtschaftsweisen und ihres neuen, nüchternen Finanzministers zeigt.

    Am Ende wird er Steinbrücks Finanzpolitik fortführen, auch wenn sich in der FDP-Zentrale und in Bayern einige wie Rumpelstilzchen aufführen werden!

    Aber immerhin haben sie ja die Ämter!

  4. sind in der Tat problematisch. Dabei ist es im Prinzip richtig die mittleren Einkommen zu entlasten.
    Fakt ist ebenso, die Staatsausgaben müssen runter bzw. der Teil, der Transfereinkommen darstellt, sei es durch Beschäftigung im öffentlichen Sektor, sei es in der Sozialversicherung, muss drastisch sinken.

    Anders als bei anderen Hochabgabenländern fließen die Gelder in Deutschland relativ wenig zurück an die Abgabenzahler, sondern füttern recht viele Dritte durch.
    Deshalb ist die Befürchtung, dass hier zukünftig Einschnitte erfolgen schon richtig, es ist aber grober Populismus und Demagogie zu suggerieren, es ginge ohne Einschnitte, sowohl im linken Spektrum als auch im Rechten.
    Insofern bleibt abzuwarten, was Röslers Gesundheitsreform bringen wird. Man mag Markt im Gesundheitswesen durchaus zu Recht fürchten, doch geht es ja gerade darum, dass die Menschen selbst entscheiden sollen, welchen "Gesundheitsluxus" sie finanzieren wollen und welche Leistungen sozial unabdingbar sind.
    Wer die GKV auf Dauer finanzierbar halten will, der muss auf diese Frage eine Antwort finden. Da nützt es gar nichts, dass man es vielleicht ungerecht findet, wenn Ärmere sich bestimmte Leistungen nicht mehr leisten können. Das Problem der GKV ist noch nie die mangelnde Solidarität gewesen, sondern die unkonntrollierte Selbstbedienungsmentalität aller Beteiligten, von den Versicherten angefangen über die Pharmaindustrie bis zu den Ärzten herrschen nur noch planwirtschaftliche Verteilungskämpfe.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    "Anders als bei anderen Hochabgabenländern fließen die Gelder in Deutschland relativ wenig zurück an die Abgabenzahler, sondern füttern recht viele Dritte durch."

    1.Laut OECD ist Deutschland kein Hochabgabenland.

    2.Mit einem Großteil der Transferleistungen bewegt sich Deutschland am unteren Ende von dem, was das Bundesverfassungsgericht zulässt und die Bildungspolitiker für nötig erachten.

    3. Was glauben Sie, wieviel soziales Gefälle Deutschland verkraftet?
    Wieviel Polizisten brauchen wir dann auf 1000 Einwohner?

    Von dieser Diskussion wollen die meisten Neocons nichts hören.

    "Anders als bei anderen Hochabgabenländern fließen die Gelder in Deutschland relativ wenig zurück an die Abgabenzahler, sondern füttern recht viele Dritte durch."

    1.Laut OECD ist Deutschland kein Hochabgabenland.

    2.Mit einem Großteil der Transferleistungen bewegt sich Deutschland am unteren Ende von dem, was das Bundesverfassungsgericht zulässt und die Bildungspolitiker für nötig erachten.

    3. Was glauben Sie, wieviel soziales Gefälle Deutschland verkraftet?
    Wieviel Polizisten brauchen wir dann auf 1000 Einwohner?

    Von dieser Diskussion wollen die meisten Neocons nichts hören.

    • Hipper
    • 13.11.2009 um 13:09 Uhr

    Somit raten die hiesigen Wirtschaftsweisen der Bundesregierung also zu pro-zyklischen Sparmaßnahmen? Angesichts solcher grotesken Ratschläge verwundert es einen nicht, dass die Wirtschaftsweisen nicht nur von der Weltwirtschaftskrise vollkommen überrascht wurden, sondern dass sie darüber hinaus jahrelange eine Wirtschaftspolitik vorgeschlagen haben, die genau zu dieser Krise führte.

    Zudem muss man wissen, dass außer dem neo-keynesianer Peter Bofinger ausschließlich neo-klassische Wirtschaftstheologen in diesem Gremium sitzen.

    PS: Die Skepsis hinsichtlich der wachstumsstimulierenden Wirkung von Einkommenstuersenkungen teile ich allerdings ausdrücklich.

  5. Die Bezeichnung "Wirtschaftsweise" ist unsachlich und m.E. irreführend. Sie sollte von keinem sich als seriös verstehenden Journalisten verwendet werden. Akzeptabel ist allenfalls die Verwendung in Anführungsstrichen.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service