Energiepolitik 2010 Zoff um den Strommix
Politik und Atomlobby feilschen 2010 um die Laufzeitverlängerung. Eine Entscheidung über den Atomausstieg will Angela Merkel erst nach der NRW-Wahl treffen.
© Ralph Orlowski/Getty Images

Seit 35 Jahren ist das Kernkraftwerk Biblis A am Netz. Ginge es nach dem Atomgesetz, müsste RWE es im kommenden Jahr abschalten. Doch der Stromkonzern hofft auf eine Laufzeitverlängerung
Kurz nach Neujahr werden die Chefs der Energiekonzerne zum Telefon greifen und im Bundeskanzleramt um Termine bitten. Die Laufzeitverlängerung für Atomkraftwerke soll so schnell wie möglich unter Dach und Fach. Eine Million Euro Erlös pro Tag lässt sich schließlich mit dem Verkauf von Strom aus einem abgeschriebenen Atomkraftwerk erzielen. Bliebe es beim Atomausstieg, so müssten in der kommenden Legislaturperiode gleich sieben Meiler vom Netz. Bereits im kommenden Jahr könnte es Biblis A, Neckarwestheim und eventuell Biblis B treffen.
Aber ob die Bundesregierung so schnell mitzieht? Im nächsten Jahr muss die schwarz-gelbe Koalition gleich mehrere energiepolitische Grundsatzentscheidungen treffen: Die Laufzeitverlängerung der deutschen Meiler, der Ausbau der erneuerbaren Energien, der Bau von Kohlekraftwerken, das Energiesparen: Wie immer die Regierung die Weichen auch stellt, es wird den Strommix in Deutschland auf Jahre bestimmen. Vor allem in der Atomfrage wird sich die Kanzlerin Zeit lassen bis nach der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen im Mai. Zwar wird im bevölkerungsreichsten Bundesland gar kein Meiler betrieben. Dennoch ist das Thema so brisant, dass es der SPD im Wahlkampf nutzen und den Ausgang der Wahl beeinflussen könnte. Auf keinen Fall wollen Union und FDP als Handlanger der großen Stromkonzerne dastehen.
Der zeitliche Aufschub kommt der Regierung entgegen. Sie befindet sich in einem Dilemma: Im Koalitionsvertrag sichert sie den Versorgern eine Laufzeitverlängerung zu. Diese soll den Zeitraum überbrücken, bis die alternativen Energien die Haushalte und Unternehmen in Deutschland voll versorgen können. Doch wie der Ausstieg aus dem Atomausstieg konkret aussehen soll, darauf konnte sich Schwarz-Gelb nicht einigen. Abgemacht ist lediglich, dass an die Meiler Sicherheitskriterien angelegt werden sollen. Ferner will die Regierung einen Großteil der Erlöse abschöpfen, was den Aktionären der Stromkonzerne kaum gefallen dürfte. Auch will Schwarz-Gelb den Wettbewerb unter den Stromproduzenten stärken. Das bedeutet, dass die Laufzeitverlängerungen am Ende gerecht unter den Energieversorgern verteilt werden müssen. Andernfalls könnte etwa der Stromkonzern Vattenfall als Verlierer dastehen. Schließlich betreibt der Konzern nur Brunsbüttel und Krümmel. Und E.on könnte sich als Gewinner mit seinen fünf relativ jungen Meilern entpuppen.
Vor Ende des Jahres wird die Regierung die Novelle des Atomgesetzes kaum beschließen. Das aber würde bedeuten, dass die Meiler Biblis A und Neckarwestheim wie geplant im kommenden Jahr vom Netz gehen müssten. Um das zu verhindern, könnten die Betreiber zu einem Trick greifen: Sie beantragen erneut die sogenannte Strommengenübertragung von jüngeren Meilern auf die beiden alten Kraftwerke. Diesen Transfer hatte das vormals SPD-geführte Bundesumweltministerium immer abgelehnt. Jetzt könnte der Bundesumweltminister und CDU-Mann Norbert Röttgen dem Stromgeschäft zustimmen.
Die Laufzeitverlängerung soll Teil des energiepolitischen Konzepts sein, das die Bundesregierung bis zum Oktober 2010 vorlegen will. Es soll zeigen, wie Deutschland in den kommenden Jahrzehnten der Wandel zu einer Vollversorgung mit erneuerbaren Energien gelingen kann. Die Federführung liegt beim Bundeswirtschaftsministerium und dem Bundesumweltministerium – unter Begleitung des Bundeskanzleramts. Die Fachreferenten und Institute, die im Sommer die Szenarien durchrechnen sollen, stehen allerdings vor einem Problem: Sie müssen ihre Gutachten anfertigen, ohne zu wissen, wie viel Atomstrom künftig im Netz sein wird. Denn über die Verlängerung der Laufzeiten verhandeln die Politik und die Energieversorger untereinander.
Dementsprechend schwer wird es den Experten fallen, Prognosen über den Anteil von Kohle- und Ökostrom zu machen. Offen ist auch, welche Reduktionsziele sich die Bundsregierung setzen wird. Bleibt es bei der Kürzung der Klimagasemissionen um 40 Prozent bis 2020? Ob das Papier viel Neues bringen wird, bezweifeln Energieexperten bereits. Am Ende könnte das Konzept nicht mehr sein als eine Zusammenfassung bereits geschriebener Papiere.
- Datum 28.12.2009 - 15:09 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE
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Die Kosten für Atomstrom sind subventioniert: wenn die Konzerne ihre Kernkraftwerke und das, was an Folgeprozessen und Bewachung der "Reste"nötig ist, versichern müßten wie jedes andere Industrieunternehmen auch, gäbe es Atomstrom vermutlich schon lange nicht mehr. Ich schätze, die Risiken sind nicht versicherbar. Heute trägt das Risiko die Allgemeinheit, nur 1 MRD pro Kraftwerk sind versichert. Bei CCs sieht es eben so aus. Es wird Zeit, daß sich das ändert. Nur Windmüller und Solarkraftwerksbetreiber müssen natürlich alles ganz korrekt versichern.
Ähnlich, wenn auch nicht ganz so kraß dürfte es bei Kohlekraftwerken aussehen, wenn man die Umweltkosten einbeziehen würde. Billig ist da nichts mehr, und alternative Stromerzeugung könnte plötzlich billig sein.
Jedes Jahr wird in meinem Haushalt mehr Energie gespart. Jede Möglichkeit, auch nur eine Kilowattsekunde zu sparen wird genutzt. In den letzten 4 Jahren ist unser Verbrauch pro Jar kontinuierlich um 5-15 % gesunken. Was hat es gebracht?
Unsere Kosten sind kontinuierlich um 10-30% pro Jahr gestiegen!
Was also sollte sich ändern? Energiekonzene in Deutschland sind die größten Kaufkraftvernichter. Egal wieviel mickrige Steuersenkungen Schwarz/Gelb verspricht. Es wird für die Energiekosten aufgefressen.
Energie muss in die Hände der Gemeinschaft. EON & Co. müssen zerschlögen werden. Dann gibts auch wieder Wachstum liebe FDP.
Sehr geehrt Frau Uken,
Sie schreiben "Bleibt es bei der Kürzung der Klimagasemissionen um 40 Prozent bis 2050?".
Ich fürchte, da hat der Fehlerteufel zugeschlagen. Das Reduktionsziel bezieht sich auf das Jahr 2020, bis 2050 sind 80% und mehr vonnöten, um das 2°-Ziel zu erreichen.
Herzliche Grüße mit der Bitte um Korrektur!
Ich finde es egoistisch - und es macht mich zornig - wenn die älteren Semester meiner und den nachfolgenden Generationen alles aus purem Egoismus unnötig schwer machen. Die Generation meiner Eltern hat diese Welt binnen ihrer Lebensspanne nahezu zugrunde gerichtet und nicht einmal jetzt denkt sie auch nur daran ihre Einstellung zu ändern, geschweige denn mitzuhelfen den angerichteten Schaden zu reparieren. Schon die Forderung danach wird mit polternder Empörung zurückgewiesen. "Immer weiter so", solange allabendlich die Tagesschau pünktlich anläuft und die größte Sorge die alljährlichen Spritpreiserhöhungen zu Ferienbeginn sind wird sich an diesem mentalen Trott der älteren Generationen offensichtlich nichts ändern. Als Bonus hinterlässt man meiner Generationen gigantische Schulden, gewaltige Rentenansprüche, eine runtergewirtschaftete Infrastruktur die an allen Ecken marode ist, ein zerfahrenes politisches System, prekäre Jobs, Leistungsdruck, Sozialabbau...na, hat's wenigstens Spaß gemacht, die "Selbstverwirklichung"? War's das wert? Wenn ich mir das Gejammere älterer Herrschaften in der Tram anhöre offenbar nicht, die bilden sich auch noch ein ungerecht behandelt zu werden und schlecht wegzukommen. Den Luxus des Selbstmitleides haben wir nicht mehr.
Für mich zählt eine ganz pragmatische sachliche Kosten-Nutzen Analyse und da kommt bei mir halt die jahrzehntealte Technologie der Atomkraft schlecht weg.
Was ist denn mit der Infrastruktur. Heizen Sie mit Kohle nach der Arbeit eine ausgehkühlte Wohnung aus, gehen Sie nachts um 10 zu Fuss nach Hause, hören sie einen Radiosender mit moderner Musik und wenn Sie in manchen Regionen in Urlaub sind, waschen Sie sich an der Schüssel. Dann können Sie über das Zugrunde Richten der Welt reden.
Und wie kommt die Jahrhunderte alte Windmühlentechnologie bei ihnen weg? Beim heutigen Einsatz in zeitkritischen Prozessen, wo sie von unseren Vorfahren bewusst nie eingesetzt wurde? Oder haben sie schon mal was von einem historischen, durch Windkraft betriebenen Hammerwerk in der Metallverarbeitung gehört? Wasserkraft betrieben gab es das aber sehr wohl.
Ursache ist aber weniger die Gier der Alten als mehr das System an sich in dem wir leben.
Was ist denn mit der Infrastruktur. Heizen Sie mit Kohle nach der Arbeit eine ausgehkühlte Wohnung aus, gehen Sie nachts um 10 zu Fuss nach Hause, hören sie einen Radiosender mit moderner Musik und wenn Sie in manchen Regionen in Urlaub sind, waschen Sie sich an der Schüssel. Dann können Sie über das Zugrunde Richten der Welt reden.
Und wie kommt die Jahrhunderte alte Windmühlentechnologie bei ihnen weg? Beim heutigen Einsatz in zeitkritischen Prozessen, wo sie von unseren Vorfahren bewusst nie eingesetzt wurde? Oder haben sie schon mal was von einem historischen, durch Windkraft betriebenen Hammerwerk in der Metallverarbeitung gehört? Wasserkraft betrieben gab es das aber sehr wohl.
Ursache ist aber weniger die Gier der Alten als mehr das System an sich in dem wir leben.
Lieber "Kein Einstein" (oder doch ;-)?
herzlichen Dank für die Anmerkung! Sie haben natürlich Recht. Deutschland will seine Co2-Emissionen bis 2020 um 40 Prozent mindern. Ich korrigiere das im Text.
Herzliche Grüße und eine schöne Zwischen-Jahreszeit
Marlies Uken
Was ist denn mit der Infrastruktur. Heizen Sie mit Kohle nach der Arbeit eine ausgehkühlte Wohnung aus, gehen Sie nachts um 10 zu Fuss nach Hause, hören sie einen Radiosender mit moderner Musik und wenn Sie in manchen Regionen in Urlaub sind, waschen Sie sich an der Schüssel. Dann können Sie über das Zugrunde Richten der Welt reden.
In der Überschrift sagen Sie, sie will nach der Wahl, so dass man den Eindruck bekommen könnte, sie hätte das gesagt. Im Text heisst es, sie wird. Das letztere ist eine Mutmaßung.
Ich glaube das zwar auch, Mut gehört ja schon lange nicht mehr in die Politik. Es sei denn, man hätte die Großindistrie und alle Berater und "Wirtschaftsinstitute" hinter sich wie Schröder bei Hartz IV. Aber diese Suggestion ärgert mich dennoch.
Die Strompreise werden als Garant für stabile Einnahmen des Bundes niemals signifikat günstiger werden. Und wenn es morgen Strom regnen sollte.
Und wie kommt die Jahrhunderte alte Windmühlentechnologie bei ihnen weg? Beim heutigen Einsatz in zeitkritischen Prozessen, wo sie von unseren Vorfahren bewusst nie eingesetzt wurde? Oder haben sie schon mal was von einem historischen, durch Windkraft betriebenen Hammerwerk in der Metallverarbeitung gehört? Wasserkraft betrieben gab es das aber sehr wohl.
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