Grüne Krisenpolitik "Die Bevorzugung der Finanzmärkte versteht niemand"
Warum fallen die Grünen in der Krise nicht auf? Ihr Finanzexperte Gerhard Schick spricht im Interview über linke Wirtschaftspolitik und fordert eine Finanzmarktsteuer.
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"Wir waren in der Krise Innovationsführer", sagt der finanzpolitische Sprecher der Grünen, Gerhard Schick
ZEIT ONLINE: Herr Schick, wie sehr ärgern Sie sich über die Kanzlerin?
Gerhard Schick: Warum?
ZEIT ONLINE: Sie hat Ihnen schon wieder ein Thema streitig gemacht. Da unterstützen Sie persönlich eine Online-Petition für eine Finanzmarktsteuer, die gestern die nötigen 50.000 Stimmen eingesammelt hat. Und die Kanzlerin lässt am gleichen Tag von ihrem Sprecher mitteilen, sie könne sich eine solche Steuer durchaus vorstellen.
Schick: Man darf sich da von ihr nicht täuschen lassen. Die Kanzlerin behandelt das Thema bewusst sehr vage. Außerdem gibt es im Kabinett einen Entwicklungshilfeminister Niebel, der die Finanzmarktsteuer vehement ablehnt. Im Koalitionsvertrag von Union und FDP ist die Steuer auch nicht zu finden. Eine Besteuerung von Finanzmarktgeschäften wird nur kommen, wenn aus der Bevölkerung Druck kommt.
ZEIT ONLINE: Selbst wenn sich die Kanzlerin auf der internationalen Ebene für die Finanzmarktsteuer starkmachen würde – global hat die Idee kaum eine Chance. Und alle Staaten müssten mitmachen, damit die Steuer funktioniert.
- Die Finanzmarktsteuer
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Manche halten sie für eine "Utopistensteuer", andere für eine finanzpolitische Wunderwaffe: die Finanzmarkttransaktionssteuer (FTS). Sie geht auf den britischen Ökonomen John Maynard Keynes zurück, später machte sie der amerikanische Wissenschaftler James Tobin bekannt.
Die Steuer soll nach dem Willen ihrer Befürworter auf jedes Finanzmarktgeschäft erhoben werden, also etwa auf den Handel mit Währungen, Aktien oder Derivaten. Der Steuersatz ist dabei so klein gewählt, dass vor allem kurzfristige Geschäfte getroffen werden. Angedacht ist ein Steuersatz von 0,1 bis 0,01 Prozent.
Die Befürworter der Steuer hoffen, damit gleich mehrere Fliegen mit einer Klappe zu schlagen: Die Finanzmärkte werden entschleunigt, weil der Anreiz sinkt, kurzfristig zu spekulieren. Zudem steigen die Steuereinnahmen und die Akteure an den Finanzmärkten werden an der Finanzierung öffentlicher Aufgaben beteiligt. Technisch wäre die Steuer heute sogar leichter einzuführen als früher: Rund 60 Prozent des globalen Devisengeschäfts etwa wird inzwischen über eine Zentralstelle namens Continuous Linked Settlement Bank (CLS) abgewickelt.
- Die Kritik
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Im Wesentlichen gibt es drei Argumente gegen die Finanzmarktsteuer: Erstens, so sagen die Kritiker, hätte die Besteuerung von Finanzmarktgeschäften die Finanzkrise nicht verhindert, da diese durch übermäßige Spekulation am Immobilienmarkt entstand.
Zweitens funktioniert die Steuer nur, wenn möglichst viele Länder mitmachen. Doch global hat die Idee im Moment nur wenig Chancen.
Das dritte Argument ist komplizierter: Wird eine Finanzmarktsteuer eingeführt, dürfte das Handelsvolumen kräftig sinken. Händler könnten geneigt sein, riskante Positionen länger zu halten, um die Steuer zu vermeiden. Dadurch aber würden die Risiken schlechter über den Markt gestreut, fürchten die Kritiker der Steuer.
- Die Petition
Zehntausende Bürger unterzeichneten eine Petition beim Deutschen Bundestag zur Einführung einer Finanzmarktsteuer. Mehr als 30.000 Menschen zeichneten den Aufruf im Netz. Somit musste sich nun der Petitionsausschuss des Bundestages mit der Sache befassen. Zur Unterschrift aufgerufen hatte das von kirchlichen Institutionen, Gewerkschaften, Umweltschutzverbänden, dem Netzwerk Attac und anderen Akteuren gestützte Bündnis "Steuer gegen Armut". Die Kampagne wird von einigen Bundestagesabgeordneten unterstützt, darunter Hermann Imhof (CSU), Ulrich Kasparick (SPD) und der grüne Abgeordnete Gerhard Schick.
Schick: Einspruch. Es würde vorerst reichen, wenn Europa eine solche Steuer einführen würde. Die Chancen hierfür sind gut. Die Briten haben Sympathie für die Idee. Auch der französische Außenminister Kouchner treibt sie voran. Die Bundesregierung sollte deshalb einer europäischen Lösung den Weg bereiten, statt das Thema scheinheilig ins internationale Nirwana zu schieben.
ZEIT ONLINE: Was aber soll die Steuer bringen? Die Finanzkrise hätte sie jedenfalls nicht verhindert. Die entstand durch Spekulationen am Immobilienmarkt.
Schick: Die Steuer allein wird nicht alle Probleme lösen. Aber sie kann helfen, die Märkte zu stabilisieren und für mehr Gerechtigkeit zu sorgen. Es ist doch schwer zu erklären, warum der Staat die Umsätze von Handwerkern, Autobauern und Cafés besteuert, die Umsätze am Finanzmarkt in Frankfurt aber nicht. Das verstehen die Menschen nicht.
ZEIT ONLINE: Kritiker der Steuer argumentieren, eine Steuer könnte manche Märkte sogar noch anfälliger für Kursschwankungen machen (siehe Infobox). Dann wäre die Steuer sogar kontraproduktiv.
Schick: Deshalb sollten wir mit einem niedrigen Satz beginnen. Zugleich aber ist es aber richtig, dass einige Geschäfte nicht mehr stattfinden. Ich teile die Meinung von Lord Adair Turner, dem Vorsitzenden der britischen Finanzaufsicht, der einen Teil der Umsätze am Finanzplatz London als "sozialwirtschaftlich nutzloses Geschäft" bezeichnet hat. Die Gesellschaft profitiert davon, wenn dieser Teil des Handels nicht mehr stattfindet und zusätzliche Steuereinnahmen erzielt werden. Hierüber gibt es mittlerweile Konsens weit über den Kreis der Globalisierungskritiker hinaus.
ZEIT ONLINE: Sie sprechen das Dilemma Ihrer Partei selbst an: Die ehemals linke Forderung, die Finanzmärkte zu zügeln, ist mittlerweile Mainstream, auch in Deutschland. Es braucht die Grünen nicht mehr, um auf die Auswüchse im Finanzsektor hinzuweisen.
Schick: Das erlebe ich anders.
ZEIT ONLINE: In der Krisendebatte fanden die Grünen kaum statt.
Schick: In Krisenzeiten sind Minister immer stärker präsent als die Opposition. Aber schauen sie doch, wer bei der Aufklärung der Banken-Skandale bei HRE, SachsenLB, BayernLB und anderswo führend ist. Wir waren in der Krise der Innovationsführer und hatten die richtigen Ideen früher als andere. Noch im Juni hat die SPD den Antrag unserer Partei zur Finanzmarktsteuer abgelehnt, mit der Begründung, dieser sei "Quatsch". Wenige Wochen später zog sie mit genau unserem Vorschlag in den Wahlkampf. Die SPD läuft uns hinterher.
ZEIT ONLINE: Schnelligkeit hilft nur bedingt, wenn es darum geht, sich von den anderen linken Parteien in der Opposition abzugrenzen.
Schick: Wir haben ein klares Profil. Die Grünen sind die einzige Partei, die diese Krise in ihrer Gesamtheit thematisiert. Da ist zum einen die ökonomische Krise, die vor einem Jahr den Finanzminister fürchten ließ, ob am nächsten Tag noch Geld aus den Geldautomaten kommen würde. Und da ist die Klima- und Gerechtigkeitskrise. Den Grünen New Deal, der einen grundsätzlichen Strukturwandel unseres Wirtschaftssystems vorsieht, finden sie weder bei der SPD noch bei der Linkspartei. Das fordern nur wir.
ZEIT ONLINE: Auch die SPD will mehr Umweltschutz und den Finanzmarkt regulieren.
Schick: Die Sozialdemokraten haben zur Zeit der Großen Koalition im Wesentlichen eine Politik des Weiter-so betrieben und obendrein den Banken große Geschenke gemacht. Und die Linkspartei ruft zwar nach mehr Regulierung und Staat. Dafür blendet sie die ökologische Dimension aus und konzentriert sich weitgehend auf nationale Gerechtigkeitsfragen.
ZEIT ONLINE: Warum haben die Grünen in der Wirtschaftskrise keinen stärkeren Zulauf?
Schick: Moment. Wir haben mitten in der Wirtschaftskrise das beste Bundestagswahlergebnis unserer Parteigeschichte erzielt. Für 19 Prozent unserer Wählerinnen und Wähler war sogar explizit unsere Wirtschaftspolitik der Grund, Grün zu wählen. Mehr als je zuvor.
ZEIT ONLINE: Täuscht der Eindruck, oder gibt es derzeit eine große Diskrepanz zwischen den Mitgliedern der Partei und ihren Wählern: Auf Parteitagen wird links abgestimmt, die Wählerschaft aber ist mit die bürgerlichste in ganz in Deutschland.
Schick: Wir haben auf dem Parteitag in Rostock eine gute Antwort auf die Richtungsfrage gegeben. Wir können nicht warten, bis die SPD in die Puschen kommt, sondern wollen selbst die führende Kraft der linken Mitte werden. Es geht jetzt darum, eine glaubwürdige Alternative zu Schwarz-Gelb aufzuzeigen.
ZEIT ONLINE: Zugleich profiliert sich die Kanzlerin während des Klimagipfels in Kopenhagen in der Umweltpolitik – und besetzt ein zentrales Politikfeld, das einst den Grünen alleine gehörte.
Schick: Auch da: Widerspruch. Die Überschriften in der Regierungserklärung des neuen Umweltministers mögen ja gut und richtig sein. Aber ein Blick in den Koalitionsvertrag genügt, um zu sehen, dass Herr Röttgen seine Versprechungen zur Senkung der CO2-Emission nicht wird halten können. Dazu müsste die Koalition nämlich ihre Politik verändern. Sie müsste die Steuervergünstigungen für Dienstwagen und Kerosin auf Inlandsflügen streichen oder eine Ticketabgabe einführen. Herr Röttgen wird noch ein großes Glaubwürdigkeitsproblem bekommen.
ZEIT ONLINE: Dennoch wünschen sie der Kanzlerin auf dem Klimagipfel in Kopenhagen und beim Thema Finanzmarktsteuer Erfolg?
Schick: Natürlich. Sollte die Kanzlerin wider Erwarten eine Finanzumsatzsteuer in Europa zum Erfolg führen, wird sie dafür meinen Applaus haben.
Das Gespräch führten Michael Schlieben und Philip Faigle.
- Datum 08.12.2009 - 18:48 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE
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Die Grünen treten in der Öffentlichkeit tatsächlich zu wenig in Erscheinung, daher habe ich der Fraktion auch eine diesbezügliche mail geschrieben. Das, was dort gedacht und getan wird, sollte von der Öffentlichkeit mehr als bisher wahr genommen werden, oder haben die Grünen doch von "Oben" einen Maulkorb bekommen? Denkbar wäre es.
"Die Befürworter der Steuer hoffen, damit gleich mehrere Fliegen mit einer Klappe zu schlagen: Die Finanzmärkte werden entschleunigt, weil der Anreiz sinkt, kurzfristig zu spekulieren. Zudem steigen die Steuereinnahmen und die Akteure an den Finanzmärkten werden an der Finanzierung öffentlicher Aufgaben beteiligt. Technisch wäre die Steuer heute sogar leichter einzuführen als früher: Rund 60 Prozent des globalen Devisengeschäfts wird inzwischen über eine Zentralstelle namens Continuous Linked Settlement Bank (CLS) abgewickelt."
Obiger Kommentar sagt dem Leser alles zum Thema Wirtschaftspolitik der Gruenen und deren Narrereien. Schicks Ideen wirken einfach dumm, indem sie die deutsche (und die uebrigen europaeischen) Wirtschaft(en) in die Ruine treiben wuerden. Eine derartige Limitierung gilt als Bastelei der Volkswirtschaft, als exzellentes Beispiel einer Dilettantenarbeit, die nur herumwerkelt, waehrend positive, notwendige Spekulation seites des Marktes stranguliert wird. Kaum ein Wunder also, das die deutsche Wirtschaft gar nicht in der Lage ist, sich langfristig aus der Dauerkrise zu erheben. Stattdessen lebt man dort vom Tropf, auf Staatskosten und von Subventionierungen abhaengig. Die Maerkte zu "stabilisieren" heisst dennoch sie zu toeten. Das vergisst Schick einfach.
Darf man fragen, was genau Sie zu dieser Verurteilung qualifiziert?
Darf man fragen, was genau Sie zu dieser Verurteilung qualifiziert?
Darf man fragen, was genau Sie zu dieser Verurteilung qualifiziert?
vertritt seit langem die Tobin-Steuer - DER zentrale Punkt. Ist schon eine Kunst, bei dem Thema diese NGO unerwähnt zu lassen.
Ist es eher Unwissenheit oder Unverschämtheit von Herrn Schick (und den Autoren), bei diesem Thema das globalisierungskritische Netzwerk attac völlig unerwähnt zu lassen, dessen zentrale Forderung die Tobin-Steuer seit langem ist? Natürlich letzteres. Hier versucht sich ein Grüner mit fremden Federn zu schmücken, auch wenn man sich freuen kann, dass die Grünen das mal wirklich ernsthaft beginnen, auch im parlamentarischen Raum zu diskutieren, (allerdings erst, nachdem sie von rechts und der LINKEN und natürlich vor allem attac richtig reingeschubst werden).
[Rest entfernt, bitte bleiben Sie höflich/ Redaktion; svb]
Wo bleibt die Verantwortung der Grünen für die Steuergesetzgebung unter Rot-Grün, die öffentliche Haushalte geplündert hat und dem heutigen Wahnsinn an den Finanzmärkten Vorschub geleistet hat? Übrigens: will Attac nicht schon lange und also auch zu Zeiten Rot-Grüns die Finanzmarksteuer?
...der Finanzmarktsteuer-Idee so wichtig? Um persönliche Eitelkeiten zu befriedigen?
Es war sowieso nicht Attac, sondern Keynes / Tobin, die dieses Konzept erstmals angedacht haben. Und es waren einzelne Personen (meinetwegen auch bei Attac organisiert, aber genauso in anderen Organisationen / Parteien aktiv), die die Idee in die aktuelle Debatte eingeführt haben.
Geht es um die Sache hier oder um Ego-Gefühle? Gute Ideen darf man dooch aufnehmen, gegebenenfalls modifizieren und umsetzen! Was ist daran verkehrt?
EIn wichtiges Argument gegen diese Steuer fehl hier. Es gibt auch empirische Untersuchungen, die besagen, dass die Volatilitaet sogar noch steigen koennte. Ich verweise hier auf die Studie von Harald Hau aus dem jahre 2005.
Die Forderung nach dieser Steuer dient keineswegs der Stabilisierung der Finanzmaerkte sondern ist nur ein weiteres Mittel des Staates, durch eine konstruierte Stuer Geld einzunehmen. Den hier erbrachten Hinweis auf die Nichtbesteuerung von Transaktionen muss wohl nicht widersprochen werden.
Leider ist es nicht das Ziel der Befuerworter, die Maerkte zu stabilisieren, sondern einzig und allein ein neues Mittel staatlicher Umverteilung einzufuehren.
Und was wäre so falsch daran, wenn die Verursacher der Krise auch ein bißchen was von den Kosten der Krise schultern sollen???
Abgesehen davon, jeder Euro, der von ganz "oben" nach "unten" verteilt wird stärkt die Binnenkonjunktur! Oder glauben Sie im Ernst, ein Millionär kauft sich von den "Steuerersparnissen" noch einen 28. Mercedes???
Und was wäre so falsch daran, wenn die Verursacher der Krise auch ein bißchen was von den Kosten der Krise schultern sollen???
Abgesehen davon, jeder Euro, der von ganz "oben" nach "unten" verteilt wird stärkt die Binnenkonjunktur! Oder glauben Sie im Ernst, ein Millionär kauft sich von den "Steuerersparnissen" noch einen 28. Mercedes???
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