Überfischung "Die aktuelle EU-Politik ist ein Desaster"

Die EU-Agrarminister können sich nicht auf neue Fischfangquoten einigen. Filmautor und Fischereiexperte Charles Clover wirft ihnen im Interview Klientelpolitik vor.

Das japanische Unternehmen Mitsubishi ist nicht nur ein Auto-Konzern, sondern gehört zu den größten Fischhändlern weltweit. In seiner Heimat (im Bild ein Fischmarkt in Tokio) gilt Blauflossen-Thunfisch als Delikatesse - obwohl die Bestände überfischt sind

Das japanische Unternehmen Mitsubishi ist nicht nur ein Auto-Konzern, sondern gehört zu den größten Fischhändlern weltweit. In seiner Heimat (im Bild ein Fischmarkt in Tokio) gilt Blauflossen-Thunfisch als Delikatesse - obwohl die Bestände überfischt sind

ZEIT ONLINE: Herr Clover, diese Woche verhandeln die Agrarminister der Europäischen Union die Fischfangquoten für das kommende Jahr. Mit welchen Ergebnissen rechnen Sie?

Charles Clover: Ich bin skeptisch. Die neuen Quoten werden genauso schlecht sein wie die alten. Die Politiker werden wieder sämtliche Ergebnisse der Wissenschaft ignorieren. Dabei sprechen die Zahlen eine deutliche Sprache: 88 Prozent der Bestände weltweit gelten als überfischt. Aber die Politik wird das nicht stören, sie erlaubt den Fischern, zwei bis drei Mal so viel Fisch zu entnehmen, wie einige Bestände überhaupt verkraften können. Sie hat immer noch nicht verstanden, dass sie mit der Natur nicht verhandeln kann. Die Bestände geben das einfach nicht her. Die sogenannte Gemeinsame Fischereipolitik der EU ist ein Desaster – das wissen auch die Verantwortlichen in der EU-Kommission.

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ZEIT ONLINE: Was läuft falsch?

Clover: Die EU versucht, die ökonomischen Interessen einiger weniger gegenüber einem natürlichen Bestand auszutarieren. Das kann einfach nicht funktionieren. An erster Stelle muss der Schutz des Ökosystems und der Fischbestände stehen. Erst dann dürfen wirtschaftliche Interesse zum Zug kommen. Die Zeit drängt, wir haben nicht bis 2012 Zeit, sondern müssen jetzt handeln. Wenn jetzt nichts passiert, bricht die kommerzielle Fischerei im Jahr 2050 ein, weil einfach kein Fisch mehr da ist.  

ZEIT ONLINE: Ihr Film The end of line, der heute in Deutschland anläuft, zeigt die Überfischung der Meere weltweit in beeindruckenden Bildern. Sie zeigen den Arbeitsalltag auf den Fischtrawlern, hören sich die Klagen der Fischer in Afrika an, diskutieren mit Nobelrestaurants über deren Fischkarte. Was hat Sie am meisten schockiert?

Clover: Am Ende war es die Ohnmacht der Politik. Sie schafft es einfach nicht, der Fischindustrie strengere Quoten aufzuerlegen, damit diese auch zukünftig noch fischen kann. Und das, obwohl die Dramatik der Lage so offensichtlich ist. Und natürlich hat mich die Ausbeutung der Entwicklungsländer entsetzt.

Leser-Kommentare
    • keox
    • 14.12.2009 um 16:53 Uhr

    wenn ein paar Dutzend Konzerne diesen Planeten als ihr Eigentum betrachten.

    • Gafra
    • 14.12.2009 um 17:24 Uhr

    den Verbrauchern:
    Wenn wir meinen, statt der täglichen Fleisch-Wurst-Dosis muss es jetzt eben Fisch sein, möglichst viel, möglichst billig und möglichst hip wie Sushi. Dann wird eben gejagt und gefischt, bis nichts mehr da ist.
    Und nicht nur das entsetzt mich, sondern auch in dem Trailer zu sehen - der Kampf der Kreatur ums Überleben und wie sie da zerhackt und erschlagen und erstickt wird. Aus diesem Grunde, werde ich mir diesen Film nicht anschauen und dennoch hoffen, dass er ein Umdenken bewirkt.
    Ich bin zwar nicht puristische Vegetarierin, aber ich esse wenig Tiere, egal, in welchem Element sie bevorzugt leben.

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    wie der Mensch mit der Natur umgeht, hoffentlich, ist man versucht hinzu zu fügen.
    Was der Mensch aus Profit- und Raffgier der Tier- und Pflanzenwelt antut, ist ein Verbrechen!
    Ob Menschen darunter leiden? Das interessiert mich fast schon nicht mehr, sie sind die Schuldigen.

    wie der Mensch mit der Natur umgeht, hoffentlich, ist man versucht hinzu zu fügen.
    Was der Mensch aus Profit- und Raffgier der Tier- und Pflanzenwelt antut, ist ein Verbrechen!
    Ob Menschen darunter leiden? Das interessiert mich fast schon nicht mehr, sie sind die Schuldigen.

  1. wie der Mensch mit der Natur umgeht, hoffentlich, ist man versucht hinzu zu fügen.
    Was der Mensch aus Profit- und Raffgier der Tier- und Pflanzenwelt antut, ist ein Verbrechen!
    Ob Menschen darunter leiden? Das interessiert mich fast schon nicht mehr, sie sind die Schuldigen.

  2. wenn noch nicht einmal demokratisch legitimierte und mit aller Macht ausgestattete Regierungen in der Lage sind, etwas Richtiges und Vernünftiges für ihre Menschen und Völker zu beschließen und auf den Weg zu bringen!

    Woran liegt´s? Wollen die nicht? Können die nicht? Oder sind die systemischen Zwänge bereits so gewaltig, dass man sich ihnen nicht mehr wehrhaft und entschlossen entgegenzutreten traut? Sind demokratische Regime per se Weicheier und Kuschler, die sich unterdessen in ihrem eigenen Konsensgebaren bis zur Untätigkeit zu verheddern drohen?

    Man darf noch freundlich daran erinnern, dass selbst in parlamentarischen Demokratien und pluralistischen Gesellschaften letztlich regiert werden muss, also auch harte Entscheidungen getroffen werden müssen, die notwendig und vernünftig sind und das Gemeinwesen weiterzubringen vermögen. Geschieht das indes zu oft nicht, bleiben die Probleme - wie im obigen Beitrag die Überfischung der Meere - abermals ungelöst oder werden auf die lange Bank geschoben, bekommt auch unser ach so hoch gelobtes politisches System á la longue ein ernstes Legitimationsproblem. Ganz abgesehen davon, dass uns die geschundene Natur für die Versäumnisse unserer "Handlungsbevollmächtigten" dereinst bitter bestrafen wird.

    • vst
    • 14.12.2009 um 18:54 Uhr

    Es würde schon helfen, wenn große Fangschiffe/Fabrikschiffe verboten werden. Das hilft auch den "Entwicklungsländern" weiter und spart uns sicher eine Menge Entwicklungshilfe.
    "Entwicklungsländer" so geschrieben, weil ich es für fraglich halte, ob sie so entwickelt sein sollten, wie wir glauben es zu sein!

  3. Die Grossteil von gefährdeten Arten wie Kabeljau, Rotbarsch, Heilbutt etc. (die nicht nur mir gut schmecken) gehen als Beifang wieder über Bord.

    In der Nordsee wird besonders viel Beifang entsorgt. Dort wird jährlich ein Drittel des Fangs als Müll über Bord geworfen. Das sind eine Million Tonnen Fisch und andere Meerestiere.

    Die ZEIT braucht hier kein Bild von den "bösen Japsen" zu zeigen. Selbst Hein Böd hat ein selektiveres Fangverfahren für seinen Dummfisch entwickelt.

    Bei den Nordsee-Anrainern handelt es sich auch nicht um Habenichste, die sich kein elekronisches Management-System leisten könnten und auf archaische Fangquotenreglungen zurückgreifen müssten, die einmal in den 60ern "erdacht" wurden. Sondern nur um eine hochkriminelle Mafia von unterbelichteten EU-Bürokraten und skrupellosen Fischerei-Lobbyisten denen offenbar jeder Cent für die Umwelt nicht nur zuviel, sondern auch ein Dorn im Auge ist.

  4. kann ich immer noch nicht erkennen, WER denn die betreffenden Politiker sind. Die Presse sollte sich in ihrer Recherche einmal angewöhnen, Ross und Reiter zu nennen. Wer sind die Politiker, wer die Lobbyisten, wer die Unternehmen. Ansonsten kann man sich solche Artikel wirklich schenken. Erst wenn die Leute/Unternehmen an die Öffentlichkeit gezehrt werden, erhalten sie auch Gesichter und können dann veranwortlich gemacht werden.
    Wer, wenn nicht die Presse kann dies leisten.

  5. Um Ihren "Al Capone" zu finden, müssten Sie in eine Zeit zurückgehen, als die Beihilfen für den bayrischen Bergbauern mir zehn Milchkühen in der - damals noch EWG - Agrarkommission gegen die Beihilfe für den portugiesischen Fischer in nächtelangen Sitzungen ausgehandelt wurden.

    Unser Bayer hat jetzt einen futuristischen Hangar mit 700 Milchkühen, der Portugiese eine schwimmende Konservenfabrik und an der Autobahn Richtung Luxembourg stehen auf zig Kilometern die stylichsten Bürogebäude Europas. Nur in einem drittel davon wohnt die "Commission Européenne". In den schöneren Gebäuden residieren die Lobbyisten.

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