ZEIT ONLINE: Herr Beck, überrascht Sie die Gelassenheit, mit der die meisten Deutschen die Wirtschaftkrise nehmen?

Ulrich Beck: Das ist mir zu einfach. Man muss den Hintergrund verstehen, aus dem sich soziale Konflikte entzünden. Der Kapitalismus steckt weiterhin in einer tiefen Legitimationskrise. Die Bürger sehen den Widerspruch sehr klar, der in den vergangenen Monaten zum Ausdruck kam: Einerseits ein neuer Staatssozialismus für Reiche…

ZEIT ONLINE: Die milliardenschwere Rettung der Finanzwirtschaft durch den Staat…

Beck: … bei der Bankinstitute mit unvorstellbaren Summen gestützt wurden, mit der Begründung, sie seien systemrelevant. Das war – ironisch gesagt – eine Politik mit Elementen des chinesischen Staatsdirigismus. Andererseits erleben wir einen Neoliberalismus für Arme, der den Beschäftigten immer neue Lasten auferlegt.

ZEIT ONLINE: Manche hofften nach dem Zusammenbruch der Investmentbank Lehman Brothers auf eine Renaissance des Staates, auf mehr Politik.

Beck: Die Hoffnung gab es. Das Gegenteil ist eingetreten. Die Staaten haben sich in eine Finanzklemme manövriert, weil die Kosten der Krise in staatliche Schulden umgemünzt wurden. Nun ruft die Kanzlerin eine Bildungsrepublik aus, die sie aber nicht verwirklichen kann, weil ihr das Geld fehlt. Das führt unter den Studenten bereits zu heftigen Unruhen. Doch nicht nur an den Universitäten werden sich Konflikte entzünden.

ZEIT ONLINE: Das erinnert an die Worte von Gesine Schwan vom Frühjahr, die vor "sozialen Unruhen" in Deutschland warnte.

Beck: Wer das alarmistisch findet, übersieht, dass die Legitimationskrise des jetzigen Systems weit in alle Gesellschaftsteile hineinreicht. Vom Katholizismus bis zu den Linken gibt es mittlerweile Konsens, dass der Kapitalismus zwar eine produktive aber zugleich menschenverachtende Dimension angenommen hat. Es besteht weithin Konsens, dass eine tief greifende Korrektur notwendig ist. Selbst in den Parteien – von der FDP einmal abgesehen – wachsen die Zweifel. In einem solchen Klima können kleine Konflikte eine große Bedeutung erlangen.

ZEIT ONLINE: Wo verlaufen die Konfliktlinien?