Hauptbahnhof in Stuttgart Milliarden für die Schwaben

Stuttgart 21 ist eines der größten Infrastrukturprojekte der Republik. Die Schwaben-Metropole soll neue Gleise und Bahnhöfe bekommen – das schadet dem Rest des Landes, warnen Kritiker.

Zwischen Berlin und Stuttgart liegen 630 Kilometer, also eine Stunde mit dem Flieger oder fünfeinhalb mit dem ICE. Trotz der Entfernung dürften die Hauptstädter wie auch der Rest der Republik bald ein besonderes Interesse für das entwickeln, was in der Schwaben- Metropole geschieht. "Womöglich fließt bald der Großteil der gesamten Schienen-Investitionen nach Stuttgart", fürchtet der Grünen-Politiker Winfried Hermann, der den Bundestagsverkehrsausschuss leitet. "Für den Rest des Landes bleibt dann nichts mehr übrig."

Der Grund ist das Großprojekt Stuttgart 21 – also der Umbau des Hauptbahnhofes und der Bau von 33 Kilometern neuer Gleise in den Untergrund. Es ist eines der größten Infrastrukturprojekte der Republik. An diesem Mittwoch will der Aufsichtsrat der Bahn abschließend darüber befinden. Sollten die Kontrolleure zustimmen, wonach es aussieht, steckt der Staat bis 2019 mindestens vier Milliarden Euro in das Projekt. "Wahrscheinlich mehr, die Summe wird längst nicht reichen", befürchtet Hermann. "Ich halte sechs bis acht Milliarden für realistisch."

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Bei Stuttgart 21 soll der Kopfbahnhof in eine unterirdische Durchgangsstation umgebaut werden. Zudem soll es einen Anschluss an die ICE-Strecke Richtung Ulm geben. Die Idee gibt es schon seit 20 Jahren – die Bahn, die Region Stuttgart und das Land Baden-Württemberg versprechen sich davon eine bessere Anbindung an das europäische Hochgeschwindigkeitsnetz, also kürzere Fahrzeiten.

Der Bahn-Aufsichtsrat hat nun die letzte Chance, das Projekt noch zu stoppen. Zwar wurde der Finanzierungsvertrag bereits im Frühjahr unterzeichnet. Bahn, Bund und Land können das Projekt aber noch bis Jahresende kippen, wenn die Kosten zu stark steigen. Bei 4,5 Milliarden Euro hat Bahn-Chef Rüdiger Grube die Grenze gezogen. Nach Tagesspiegel- Informationen bewegten sich die Kalkulationen zeitweise bei 4,9 Milliarden – woraufhin die Bahn Abstriche bei der Konstruktion vornahm. Zudem will die im Bund einflussreiche CDU Baden-Württembergs das Projekt unbedingt.

Doch es würde viel Geld binden. Derzeit steckt der Bund 800 Millionen Euro pro Jahr in Schienen-Neubauprojekte. Schon bisher fließt ein großer Teil davon in die ICE-Strecke Nürnberg–Erfurt. Kommt Stuttgart 21, sinkt der Spielraum für weitere Vorhaben. "Dabei gibt es einen immensen Bedarf – die Anbindung der Seehäfen, die Engpässe im Rheintal, viele kleine Projekte in den Regionen", sagte Hermann. Zudem würden auf den neuen Strecken keine Güterzüge fahren – dabei werde gerade dieser Bereich in den nächsten Jahren am stärksten wachsen.

Derweil findet die Bahn, dass sie gut durch die Krise kommt. Beim Gewinn vor Steuern habe es Konzernkreisen zufolge im zweiten Halbjahr keinen drastischen Einbruch gegeben, die Entwicklung aus dem ersten Halbjahr habe sich einigermaßen konstant fortgesetzt. Das würde bedeuten, dass der Konzern auf 1,4 Milliarden Euro operativen Gewinn kommt. Das wäre aber mehr als eine Milliarde weniger als noch 2008. "Viele Großkonzerne haben große Probleme, wir machen selbst in der Krise Gewinn", sagte ein Manager. Die größten Probleme hatte die Bahn wegen der Wirtschaftsflaute im Schienen- Güterverkehr und in der Logistik.

(Erschienen im Tagesspiegel vom 09.12.2009)

 
Leser-Kommentare
    • Chali
    • 09.12.2009 um 15:20 Uhr

    GAAAAAAAAAAANZ, GaaaaaaaANZ TOLL: 1,4 Milliarden Euro operativen Gewinn!

    Es könnten sicher auch 2 Milliarden sein, wenn der Bund nicht so kickerig wäre und noch eine Milliarde Subvention rausrücken würde!

  1. Man wird in Stuttgart wundervolle Architektur bestaunen können. Das kommt nicht (mehr) allzu oft bei der Bahn vor.

  2. Mir kommen in dem Artikel die Vorteile etwas zu kurz. Es finden sich viele Vor- als auch Nachteile für Stuttgart 21. Nichtsdestotrotz sollte man auch sehen, wie lange das Projekt nun schon geplant wurde - und - als ehemaliger Bewohner der Stuttgarter Region, kann ich das Projekt nur befürworten. Wie im Artikel erwähnt, ist Stuttgart m.E. mangelhaft nach München per Bahn (ICE) angebunden.

    Von weiteren besonderen Gegebenheiten Stuttgarts (Kesselstruktur, sehr begrenzter Platz, unglaubliches Verkehrsaufkommen in und rund um Stuttgart) gar nicht mal zu sprechen.

  3. Mit dem Projekt können sich Politiker und Architekten ein Denkmal setzen.
    Für die Bahn bringt es gar nichts.
    Die ICEs sparen vielleicht 4 Minuten Fahrzeit. Da ist jede Minute mit 1 Milliarde teuer bezahlt.
    Der neue Bahnhof soll gerade einmal 8 Gleise haben. Karlsruhe hat die doppelte Anzahl, bei weniger Zügen.
    Angeblich wurde eine Haltezeit von 2 Minuten pro Zug kalkuliert. Das ist bei starkem Andrang utopisch.
    Also müssten künftig einige Züge um diesen neuen Engpaß herumfahren.
    Dringendere Projekte liegen seit vielen Jahren brach. Als Beispiel sei hier der Rastatter Tunnel zu nennen. Derzeit ist Rastatt der schlimmste Engpaß im Rheintal.

    Die Neubaustrecke nützt dem Güterverkehr gar nichts. Sie ist für Güterzüge und auch für den TGV zu steil.
    Was nötig wäre, ist ein flacher Tunnel durch die Schwäbische Alb, damit Güterzuge ohne Schublok von Stuttgart nach Ulm gelangen.

    • lau-de
    • 09.12.2009 um 16:53 Uhr

    dann fahren von diesem Bahnhof nur die Geisterzüge ab...

  4. Obwohl ich kein Stuttgarter bin, so gönne ich Stuttgart und Schwaben dieses Projekt. BaWü hat mehr als jedes andere Bundesland in den Länderfinanzausgleich gezahlt und leistet auch jetzt noch viele Transferzahlungen nach Nord- und Ostdeutschland. Dafür bin ich dankbar und ich finde der Südwesten hat es verdient vom Bund auch mal Förderung zu bekommen.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Ich - als Stuttgarter - würde das Geld, das für dieses Projekt ausgegeben wird, auch gerne anderen Leuten gönnen. Aus reinen Vernunftgründen spricht nichts für Stuttgart 21, was diese Kosten rechtfertigen würde.

    Der Zeitgewinn ist ein Witz. Der kommt v.a. durch die (auf Eis gelegte?) Neubaustrecke zustande. Die bessere Anbindung zum Flughafen hätte sich auch auf 10 andere Arten machen lassen. Apropos: durch den ICE-Halt am Flughafen geht sowieso ein Teil des Zeitgewinns flöten.

    Effektiver wird's auch nicht. Denn wenn Züge kaum noch aufeinander warten können, Bahnsteige doppelt so viele Menschen aufnehmen müssen wie bisher und zusätzlich Rolltreppen und Aufzüge im Weg stehen, kann das zur Hauptverkehrszeit reines Chaos auslösen.

    Letzter angeblicher Trumpf: der Flächengewinn für Wohnhäuser für Familien. Wenn die Not so groß wäre, dann könnten schon jetzt die ersten Wohnhäuser auf dem seit vielen Jahren brachliegenden Areal stehen. Aber scheinbar verkauft sich das alles erst besser, wenn S21 kommt. Was wiederum schlechte Voraussetzungen für günstiges Wohnen im Zentrum sind.

    Schade, dass der Aspekt im Artikel nicht erwähnt wird, dass es hier eine starke Bürgerbewegung gibt, die sich für eine günstigere und wirtsachaftlichere Alternative einsetzt.

    Danke.

    Ich - als Stuttgarter - würde das Geld, das für dieses Projekt ausgegeben wird, auch gerne anderen Leuten gönnen. Aus reinen Vernunftgründen spricht nichts für Stuttgart 21, was diese Kosten rechtfertigen würde.

    Der Zeitgewinn ist ein Witz. Der kommt v.a. durch die (auf Eis gelegte?) Neubaustrecke zustande. Die bessere Anbindung zum Flughafen hätte sich auch auf 10 andere Arten machen lassen. Apropos: durch den ICE-Halt am Flughafen geht sowieso ein Teil des Zeitgewinns flöten.

    Effektiver wird's auch nicht. Denn wenn Züge kaum noch aufeinander warten können, Bahnsteige doppelt so viele Menschen aufnehmen müssen wie bisher und zusätzlich Rolltreppen und Aufzüge im Weg stehen, kann das zur Hauptverkehrszeit reines Chaos auslösen.

    Letzter angeblicher Trumpf: der Flächengewinn für Wohnhäuser für Familien. Wenn die Not so groß wäre, dann könnten schon jetzt die ersten Wohnhäuser auf dem seit vielen Jahren brachliegenden Areal stehen. Aber scheinbar verkauft sich das alles erst besser, wenn S21 kommt. Was wiederum schlechte Voraussetzungen für günstiges Wohnen im Zentrum sind.

    Schade, dass der Aspekt im Artikel nicht erwähnt wird, dass es hier eine starke Bürgerbewegung gibt, die sich für eine günstigere und wirtsachaftlichere Alternative einsetzt.

    Danke.

  5. Ich - als Stuttgarter - würde das Geld, das für dieses Projekt ausgegeben wird, auch gerne anderen Leuten gönnen. Aus reinen Vernunftgründen spricht nichts für Stuttgart 21, was diese Kosten rechtfertigen würde.

    Der Zeitgewinn ist ein Witz. Der kommt v.a. durch die (auf Eis gelegte?) Neubaustrecke zustande. Die bessere Anbindung zum Flughafen hätte sich auch auf 10 andere Arten machen lassen. Apropos: durch den ICE-Halt am Flughafen geht sowieso ein Teil des Zeitgewinns flöten.

    Effektiver wird's auch nicht. Denn wenn Züge kaum noch aufeinander warten können, Bahnsteige doppelt so viele Menschen aufnehmen müssen wie bisher und zusätzlich Rolltreppen und Aufzüge im Weg stehen, kann das zur Hauptverkehrszeit reines Chaos auslösen.

    Letzter angeblicher Trumpf: der Flächengewinn für Wohnhäuser für Familien. Wenn die Not so groß wäre, dann könnten schon jetzt die ersten Wohnhäuser auf dem seit vielen Jahren brachliegenden Areal stehen. Aber scheinbar verkauft sich das alles erst besser, wenn S21 kommt. Was wiederum schlechte Voraussetzungen für günstiges Wohnen im Zentrum sind.

    Schade, dass der Aspekt im Artikel nicht erwähnt wird, dass es hier eine starke Bürgerbewegung gibt, die sich für eine günstigere und wirtsachaftlichere Alternative einsetzt.

    Antwort auf "bin keine Schwabe"
  6. Ich bin wahrlich kein Feind der Schwaben, aber auch Baden-Würrtemberg braucht das Geld anderswo! Der Ausbau der Rheintal-Strecke stockt seit Jahren. Der TGV aus Paris muss - sobald er nach Deutschland kommt - seine Geschwindigkeit drastisch reduzieren und auch die NBS Stuttgart-Ulm, die den Verkehr nach München beschleunigen würde wird nicht billiger! Die Südbahn nach Friedrichshafen ist immer noch nicht elektrifiziert....Was nützt also der teure Tiefbahnhof, zu dem es erheblich günstigere Alternativen gibt, wenn die dort abfahrenden Züge durch die veraltete Gleisinfrastruktur auf den Zubringerstrecken ausgebremst werden? Zudem ermöglicht der jetzige Hauptbahnhof mit seinen 16 Gleisen optimale Umsteigebeziehungen, weil bei Optimierung der Signaltechnik und besserer Streckeneinbindung auch 16 Züge gleichzeitig abgefertigt werden können. Statt 16 können dann nur noch 8 Züge gleichzeitig abgefertigt werden. Für viele werden sich daher die Umsteigezeiten verlängern! Insofern wird sich der neue Hauptbahnhof als schöne Architektur herausstellen, durch den sich Fahrzeiten verlängern statt verkürzen! Auch Ludwigshafen hat vor 30 Jahren einen neuen Durchgangsbahnhof gebaut, den heute eigentlich keiner mehr nutzt...

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