Ökologie Das Primat des Wirtschaftswachstums beenden
Die ökologischen Krisen zeigen es deutlich: Ein auf Wachstum begründetes Entwicklungsmodell ist heute nicht mehr tragfähig.
© Munir Uz Zaman/AFP/Getty Images

Landflucht in Bangladesch: Hoffnung auf eine wachsende Wirtschaft in den Städten. Ein Slum in Dhaka
Eigentlich ist es ganz einfach zu verstehen, könnte man meinen: Auf der Erde, einem Planeten begrenzter Größe mit begrenzten Ressourcen, stößt Wachstum von Teilsystemen irgendwann an Grenzen. Nein, lautet die Replik, die Erde ist ein offenes System – Energie wird von außen zugeführt, und diese Energie stellt die Sonne für Jahrmilliarden in schier unerschöpflicher Menge zur Verfügung.
Antwort: Der Mensch lebt nicht allein von Luft und Sonnenstrahlen. Sonnenenergie kann durch Photosynthese nur von pflanzenartigen Lebewesen (und verschiedenen Bakterien) direkt genutzt werden. Alle tierischen Konsumenten – und damit auch die Menschen – sind darauf angewiesen, dass ihnen die Energie der Sonne in Form von organischen Kohlenhydraten durch Pflanzen zur Verfügung gestellt wird. Zudem sind Pflanzen fundamentale Komponenten der Ökosysteme dieser Erde; welche wiederum eine Vielzahl anderer Ökosystemfunktionen für uns bereitstellen und damit für uns geeignete Lebensbedingungen schaffen. Das Wachstum der Menschheit drängt funktionstüchtige Ökosysteme zurück, die entsprechend für zusehends mehr Menschen mit wachsenden Bedürfnissen immer weniger Leistungen bereitstellen können. Wir konsumieren unsere Lebensgrundlage.
Eine Gesellschaft, die über längere Zeit die Kapazität der sie tragenden Ökosysteme überlastet, wird unweigerlich einen tief greifenden Transformationsprozess durchlaufen. Im Extremfall steht der Kollaps, also die Auflösung von Strukturen und Merkmalen über die sich komplexe menschliche Gesellschaften definieren: von politischen Institutionen bis hin zu kulturell-integrierenden Mechanismen wie etwa Moralsystemen. Der Kollaps komplexer menschlicher Gesellschaften ist historisch gesehen ein bekannter Prozesse, der in der Geschichte dank weitreichender Isolation der Gesellschaften aber lokal oder regional ablief. Aufgrund des vom Menschen verursachten globalen Umweltwandels sowie der intensiven globalen Verflechtung und der damit geschaffenen gegenseitigen Abhängigkeit fast aller Teilsysteme der menschlichen Gesellschaften ist es erschreckend plausibel, dass bei längerfristiger Überschreitung unserer ökologischen Grenzen ein sich aufschaukelnder Kollaps eintreten könnte.
Hauptverantwortlich für die globale Tragfähigkeitskrise ist unser derzeitiges kapitalistisches Entwicklungsmodell, welches dem Primat des (Wirtschafts-)Wachstums folgt. Wachstum wurde und wird selbstverständlich auch unabhängig vom ökonomischen Entwicklungsmodell durch grundlegende Bedürfnisse einer wachsenden Weltbevölkerung erzeugt. Das kapitalistische Wirtschaften allerdings potenziert den Ressourcenverbrauch der wachsenden Erdbevölkerung. Wachstum ist Selbstzweck und Ziel und auch Bedingung des Kapitalismus. Andere prominente Entwicklungsmodelle wie der Sozialismus bieten zwar angeblich eine sozialverträglichere, aber keineswegs ökologisch akzeptable Alternative zum Wachstumsparadigma. Sozialistische Staaten wuchsen und wachsen langsamer, sind jedoch wesentlich ineffizienter hinsichtlich des Energie- und Ressourcenverbrauchs pro Produktionseinheit.
Der Finanzkapitalismus hat sich in Abwesenheit globaler Regeln verselbstständigt. Im Interesse der oberen Einkommensschichten, der Kapitaleigner, treibt er die Realwirtschaft zu immer größeren Wachstumsraten an, beschleunigt die Zerstörung der Ökosysteme und untergräbt die Integrität menschlicher Gesellschaften. Sind wir also schlicht Opfer des Kapitalismus? Nein, denn wer ist schon immun gegen die Verführung eines stetig wachsenden Zugangs zu Ressourcen, Mobilität und Freiheit?! Die Welt zu bereisen, Produkte aus aller Welt zu konsumieren, Wissen für immer weniger Kosten zu erwerben und sich von immer neuen Medien anregen und unterhalten zu lassen – was dereinst ein Privileg der herrschenden Eliten war, ist innerhalb kürzester Zeit zu einem Massenphänomen geworden. Und es ist nicht der Spaß am Konsum allein. Immer schon wurden Menschen bevorteilt, welche ihren guten Ruf mit Statussymbolen untermauern konnten.
Um weiterhin hohe Wachstumsraten aufrechterhalten zu können, haben wir im Rahmen der Globalisierung dieses Modell exportiert und durch die globale Vernetzung der Informationssysteme weltweit materielle Wünsche geschürt, welche zunächst gar nicht den kulturellen Gegebenheiten entsprachen und vor allem jenseits grundlegender menschlicher Bedürfnisse liegen. Zwar profitierten bereits in den 1990er Jahren jene, die von weniger als einem Dollar pro Tag leben, nur zu 0,6 % vom globalen Wirtschaftswachstum. Doch auch diese Verlierer des Systems können dank eines revolutionär verbesserten Zugangs zu Medien und Informationstechnologie ihre Situation zunehmend besser einordnen. Sie profitieren auf geradezu zynische Weise vom weltweiten Wirtschaftswachstum und der mit ihm einhergehenden Globalisierung, indem ihnen die Hoffnung eingeflößt wird, der derzeitigen Misere entrinnen zu können.
Perverserweise gibt es außerdem eine Entwicklung in den Entwicklungsländern, die die armen Menschen in das globale Wirtschaftssystem integriert, ohne dass sich dabei ihre Lebensumstände nennenswert verbessern. Beim Übergang von der ruralen Armut der Subsistenzbauern zur urbanen Handlangerarmut muss sich Versorgungs- und Ernährungssicherheit der Menschen nicht notwendigerweise verbessern. Dafür werden im Rahmen von Urbanisierung und Industrialisierung stetig wachsende Teile der Bevölkerung gezwungen, sich mithilfe von fossilen Energieträgern zu bewegen oder mit ihnen zu kochen. So wächst in der Regel auch der ökologische Fußabdruck jener, die nicht wirklich vom Wirtschaftswachstum profitieren.
- Datum 09.02.2010 - 13:44 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE, Deutsches Institut für Entwicklungspolitik
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Endlich durfte die Erkenntnis von der absoluten Endlichkeit einer wachstumsorientierten Menschheit auch in eine Zeitung gelangen, die häufig und von klugen Menschen gelesen wird.
-Freiheit des Geisteslebens
-Gleichheit vor dem Recht
-Brüderlichkeit im Wirtschaftsleben
...wir brauchen ´neue´ Werte, die schon seit den 1920er Jahren durch Rudolf Steiner bekannt sind.
Das ist ja alles gut und schön - nur kann man sich nicht einfach von der "Wachstumslogik" verabschieden ohne gleichzeitg die Mechanismen der Einkommens- und Vermögensverteilung zu verändern.
Deutlich gesagt: Eine angebotsorientierte "Trickle Down Ökonomie" und ein chronisch geringes Wachstum sind inkompatibel: In den unteren Einkommensschichten kommen dann schlicht nicht genug Zuwächse an - ein Effekt den wir in den letzten Jahrzehnt hierzulande allzudeutlich versprüren mussten (Reallohnverluste).
John Myanard Keynes sprach einmal von dem "sanften Tod des Rentiers" - diese Überlegung hat allerdings nichts mit den vulgären "Gürtel-enger-Schnallen" Parolen zu tun, die man insbesondere in grün-ökologisch und asketisch-konservativen Kreisen immer wieder zu hören kriegt.
dann hieße die Zukunft Weltschwitz, also die zur Reduzierung der Weltbevölkerung auf ein ökologisch langfristig zuträgliches Maß (< 500 Millionen) erforderliche Durchführung eines systematischen globalen Holocausts, wobei die Verwendung hocheffizienter Biokampfstoffe am wahrscheinlichsten sein dürfte.
Parallel zu diesem Menschheitsgenozid müsste alles Wissen um industrielle Technologien (einschließlich des Wissens um die für den Globocaust benötigten Biowaffen) ausgelöscht werden, außerdem unter den Überlebenden rigid-konservative Religionssysteme (etwa nach Art des Taliban-Steinzeitislam) installiert werden, damit sich das materielle Niveau der Restmenschheit auf unabsehbare Zeit nicht mehr über den Stand des frühen Mittelalters hinaus entwickeln kann.
Die unvergleichlich humanere Variante wäre ein energisches Vorantreiben der Forschung auf den Gebieten der Neuroelektronik und der Künstlichen Intelligenz mit dem Ziel, menschliches Bewusstsein vollständig auf elektronische Grundlage zu transferieren... hat sich erst einmal alles menschliche Leben auf diese Art von vergänglicher Kohlenstoff-Hardware emanzipiert und sozusagen Softwarecharakter angenommen, spielen die Umweltbedingungen für das Fortbestehen von Homo sapiens keine Rolle mehr, solange nur die Versorgung mit elektrischer Energie gesichert ist - selbst auf einer völlig verwüsteten, radioaktiv verseuchten und vergifteten Erde könnte die Menschheit mit minimalem Energieverbrauch im virtuellen Raum weiterexistieren.
Ein Beitrag, der für manches oberflächliche Geschreibsel wieder entschädigt, das sich hier nun leider auch schon findet. Das ist die richtige Diskussion und ein sehr nachdenkenswerter Beitrag dazu.
die von dem bestehendem System profitiert sind alle Forderungen nach einem gerechteren Wirtschaftssystem Sonntagsreden.Die Gesellschaften im Westen verteufelen den Kapitalismus ja erst als der Ostblock im Schatten der Mauer kaputtgegangen ist.Nur davor hat eben dieses Wirtschatsystem auch Ungerecgtigkeiten geschaffen und den Erdball gnadenlos ausgebeutet,wenn auch abgemildert durch die kommunistische Konkurrenz.
Es wird sich erst was ändern wenn genuegend Menschen leiden,eine vorauseilende Umstruckturierung der Wirtschaft aus moralischen Beweggruenden wird es nicht geben und gab es bisher auch noch nie.
Naja, solange parallel zu solchen Artikeln, d.h. auf der gleichen Seite gewisse Indices gezeigt und somit mit mindestens gleicher Relevanz daherkommen, solange sind wir noch nicht vom Nachdenken zum Tun gekommen... Wobei das gerade eben nicht bedeutet das mir die Neoliberale Defintion gesellschaftlichen Handelns, Denkens und Tuns nahe ist. Eher im Gegenteil, die stetige Individualiserung Gesellschaftlicher Missstände bedient so manches aktuelles Politisch/Gesellschaftliches Problem mit einer Gemütlichkeit die dank pauschaler gedankenloser und kurzsichtiger medialer Aufmerksamkeit auch genau das bleibt. Gemütlich... was aber im Unkehrschluss eben auch nicht wie bis anhin bedeuten muss das nur die unteren Schichten für die Fehler und Masslosigkeit gewisser Elitärer Kreise bezahlen sollten.
[entfernt, bitte bleiben Sie höflich/ Redaktion; svb]
enfernen sie doch die Überschrift aber nicht den ganzen Artikel. hoffentlich haben paar kluge Leute den Kommentar trotzdem gelesen.
enfernen sie doch die Überschrift aber nicht den ganzen Artikel. hoffentlich haben paar kluge Leute den Kommentar trotzdem gelesen.
Ja, der Kollaps von menschlichen Gesellschaften ist historisch gesehen ein bekannter Prozess. Ja, dieser Kollaps wird wieder eintreten und er wird, wie in früheren Zeiten, durch "weitreichende Isolation" gekennzeichnet sein. Nur dass diesmal nicht die Opfer sondern die Profiteure isoliert sein werden. Die Gated Communities der Reichen weisen den Weg. Ja, wir werden den Baum, auf dem wir alle sitzen, leer fressen und nur die Fettesten werden den Kollaps überstehen.
Es ist vernünftig, Auswege zu suchen. Jedoch ist es schade, auch in einem klugen Beitrag wie dem von Pierre Ibisch und Lars Schmidt den Kern des Problems nur am Rande erwähnt zu sehen.
Das grundlegende Problem ist: Wir sind zu viele.
Wie schwer es vielen fällt dies einzusehen, zeigt exemplarisch der Kommentar Nr.3 der das Problem zwar anerkennt, aber nur einen zynischen "Globocaust" sich vorstellen kann, oder gar Kommentar Nr.7, in dem Aggressivität und Ignoranz der Wachstumsgläubigen zum Ausdruck kommt.
Dabei wäre es gar nicht so schwer. Wir leben bereits in einem Land, in dem jeder so viele Kinder in die Welt setzen kann wie Er oder Sie möchte, dennoch bleibt die Bevölkerungszahl stabil.
Es wäre an der Zeit, dies nicht als Problem sondern als Chance zu begreifen. Hier dürften sich die Wissenschaftler unseres Landes gerne als Vorreiter sehen und die Zusammenhänge dieser positiven Entwicklung erforschen.
Die Grenzen des Wachstums sind erreicht, nicht für die Erde, aber für uns Menschen auf dieser Erde.
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