Laufzeitverlängerung : Die Stadtwerke bocken

Regionale Energieversorger wehren sich gegen längere AKW-Laufzeiten. Zu dumm für Wirtschaftsminister Rainer Brüderle, dem doch gerade der Mittelstand am Herzen liegt.
Gegenwind vom Wähler: FDP-Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle fängt sich von mittelständischen Energieversorgern wegen der geplanten Laufzeitverlängerung Kritik ein © Sean Gallup/Getty Images

Große Stadtwerke haben am Dienstag in Berlin die Pläne der Bundesregierung zur Verlängerung der Laufzeiten von Kernkraftwerken kritisiert. Sie fürchten, dass der Wettbewerb auf den Energiemärkten dadurch massiv behindert werde. "Wir sind gegen eine exklusive Technologie in exklusiven Händen", sagte der Vorstandsvorsitzende der Stadtwerke Hannover, Michael Feist. "Es darf durch eine Laufzeitverlängerung keine wettbewerbsverzerrenden Folgen geben." Das Unternehmen ist einer von acht kommunalen Versorgern, die sich zu dem Verbund 8KU zusammengeschlossen haben.

In Berlin stellte 8KU eine Studie vor, die der Verbund beim Institut für Ressourcenmanagement der Universität Leipzig in Auftrag gegeben hatte. Ihr zufolge gebe es im Fall einer Laufzeitverlängerung weniger Anreize für Investoren, in effiziente und kurzfristig regelbare Gaskraftwerke und Kraft-Wärme-Kopplung zu investieren. Es sei schlicht zu viel billiger Atomstrom im Netz. Die schon jetzt marktbeherrschende Position der vier großen Energieunternehmen E.on, RWE, Vattenfall und EnBW bei der Produktion werde so manifestiert.

"Wir sind von einem Atomausstieg ausgegangen und haben dementsprechende Investitionsplanungen gemacht", sagt Albert Filbert, Koordinator der 8KU und Vorstand der Stadtwerke Darmstadt. Doch durch die geplante Laufzeitverlängerung würden die Berechnungen hinfällig. Jetzt würden ältere, ineffiziente Kohlekraftwerke weiter am Netz bleiben, weil sich die Investitionen in moderne Anlagen nicht mehr lohnen. "Wer soll im Fall der Laufzeitverlängerung noch Gaskraftwerke bauen, die kurzfristig einspringen können, um die Schwankungen des Windstroms auszugleichen", so Filbert. "Das rechnet sich nicht mehr."

Die Stadtwerke fordern daher sogar eine Beteiligung an den Gesprächen zwischen der Bundesregierung und der Atombranche. Sie wollen sich schon seit Längerem als neuer Player am Energiemarkt positionieren – neben den vier großen Konzernen. So kauften rund 50 Stadtwerke vor Kurzem den Versorger Thüga.

Die kommunalen Firmen setzen vor allem auf eine dezentrale Energieversorgung. Sie investieren verstärkt auch in erneuerbare Energien und die effiziente Kraft-Wärme-Kopplung. Bei letzterer erzeugen Kraftwerke nicht nur Strom, sondern auch Wärme, die ins Fernwärmenetz eingespeist werden kann und so nicht ungenutzt verpufft. Den KWK-Anteil an der Stromerzeugung will die Bundesregierung auf 25 Prozent verdoppeln - ein Ziel, das die Stadtwerke mit dem Aus des Atomausstiegs ebenfalls in Gefahr sehen.

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