Notiz aus Davos Computer für die Armen

Neben Bankern und Bossen tummeln sich auch Stifter und Wohltäter auf dem Weltwirtschaftsforum. Dort streiten sie, ob Computer armen Kindern helfen. Von Uwe Jean Heuser

Nicholas Negroponte, Gründer des Media Lab am Massachusetts Institute of Technology, diskutiert beim Weltwirtschaftsforum

Nicholas Negroponte, Gründer des Media Lab am Massachusetts Institute of Technology, diskutiert beim Weltwirtschaftsforum

So mancher frühere Vorreiter der Privatwirtschaft, der hier in Davos eine führende Rolle spielt, ist heute Stifter und Philanthrop. Sie versuchen, Malaria zu bekämpfen oder den Kindern in den armen Ländern der Welt eine Schulbildung zu verschaffen. Gestern kamen einige der bekanntesten Wohltäter zusammen, um außerhalb des Forums über ihre Erfahrungen zu diskutieren.

Melinda Gates, die Chefin der größten Privatstiftung der Welt, der Gates-Stiftung, war da. Ebenso die Chefin der Intel Foundation, der Gründer von Wikipedia. Und Nicholas Negroponte, der das Media Lab am Massachusetts Institute of Technology gründete und mit seinen Büchern der Vorreiter der digitalen Welt wurde.

Anzeige
Davos 2010
Klicken Sie auf das Bild, um alle Berichte aus Davos zu lesen

Klicken Sie auf das Bild, um alle Berichte aus Davos zu lesen

Negroponte leitet die Initiative "One Laptop per Child", die Kindern in armen Ländern schlichte und leicht zu nutzende Laptop-Computer verschafft. Und sein Glaube an die Kraft des digitalen Geräts ist enorm. Der Computer werde für die Kinder zu einem dauernden Begleiter, der sie lesen und schreiben und vieles andere lernen lasse, sagt Negroponte. Oft gebe es keine Schulen, oder man könne sich jedenfalls nicht auf sie verlassen, wohl aber auf die Computer, die den Kindern immer zur Verfügung stünden.

Normalerweise sind sich auf den Philanthropen-Veranstaltungen alle einig. Hier war es anders. Auf der einen Seite stand Negroponte, auf der anderen standen alle anderen. Der Computer sei ein Werkzeug wie andere auch, sagten sie. Es komme darauf an, Schulen zu errichten und Lehrer gut auszubilden, auf der Basis könne der Computer seine Dienste tun.

Falsch, sagte Negroponte. Der Computer sei viel mehr als ein Werkzeug, ein Instrument nämlich, das die benachteiligten Menschen dazu bringe, zu lernen und sich weiter zu entwickeln. Selbst die Eltern profitierten davon. Viele der Computerkinder brächten ihnen dann das Lesen bei und gewönnen dadurch enorm an Selbstvertrauen. Und anderswo warteten die Eltern nur darauf, dass die Kinder schlafen gingen, damit sie selbst die digitale Maschine nutzen könnten.

Negroponte war schon immer technikgläubig, und heute ist er es als Entwicklungshelfer auch. Noch sind die Resultate seiner Initiative nicht klar genug, um ein Fazit zu ziehen. Doch die anderen Panelisten mochten nicht einlenken. Der Computer allein ist für sie noch keine Lösung, auch nicht, wenn es um die Ärmsten geht.

Zum Abschluss der Veranstaltung kam dann Schimon Peres. Der große israelische Politiker und Philanthrop hatte die Debatte nicht gehört, doch seine Rede sagte: Wir können uns nicht auf die Erfahrungen der Vergangenheit verlassen. Die Kinder von heute lebten in einer neuen Welt voller technischer und wissenschaftlicher Erkenntnisse und Fortschritte, das Internet eröffne ihnen früh im Leben den Globus. Peres schwärmte nicht, doch mit Begeisterung stellte er fest, dass wir nicht wüssten, wie sich die Kinder von heute entwickelten – und was funktioniert.

 
Leser-Kommentare
  1. Technikgläubigkeit hat noch nie soziale Probleme gelöst, sondern meistens verstärkt. Allerdings muss man der Initiative zugute halten, dass Supermario die Blagen beim verhungern dann wenigstens gut unterhält.

    • TBF
    • 29.01.2010 um 17:45 Uhr
    2. ?

    von der Bedürfnispyramide hat Herr Negroponte wohl auch noch nichts gehört?
    Diese armen Kinder würden sich teilweise schon über genug Nahrung und eine anständige Ausbildung freuen.

  2. ist es sicher ein spielerischer Zugang zu Sprache und Wissen, der weiterhelfen kann, wenn es ausgebaut und rückgeführt wird ins regionale Leben. http://kallewestrich.blog...

  3. Kinder lernen und schlauer werden lässt. In kurzer Zeit haben sie Zusammenhänge verstanden, die die Schule in 10 Jahren nicht vermitteln kann. http://viereggtext.blogsp...

    • brody
    • 29.01.2010 um 19:07 Uhr

    Es ist bedauerlich, das dieses Konzept von Negroponte nur so verkürzt dargestellt wird.
    Dieses Konzept ist weit davon entfernt, zu behaupten, Kindern "nur" einen Computer geben zu müssen.
    Für uns im "Westen" ist die elektronische Kommunikation "nur" ein Zusatz zu den sog. Klassischen Informationsträgern.
    In Ländern, in denen sich weder oder nur marginale Briefpoststruktur, Telefonfestnetze oder gar Bibliothekswesen etablieren konnten wird dies mittlerweile von den digitalen Diensten zur Verfügung gestellt.
    Ein anderer Punkt ist, das man sich vorstellen möge, das Papier in Tropischen Ländern nur eine kurze Lebenszeit hat. Eine gute Bekannte aus Sri Lanka hat es nach 3 Jahren aufgegeben, ihre Bücher wöchentlich mit einem Ventilator zu lüften und hat sich damit von ihrer Bibliothek verabschiedet.
    Was ich damit sagen will, es ist u.U. für eine Schule in den Tropen kaum realisierbar ihren Schülern Unterrichtsmaterial in Buchform zur Verfügung zu stellen.
    So ist es dann auch zu verstehen, wenn Negroponte von einem "Werkzeug" spricht.
    Dementsprechend ist dann auch OLPC konzpiert, es ist nicht "einfach nur ein Laptop", sondern bietet eine strukturierte Lernumgebung, mit dessen Hilfe die Lehrkraft den Schülern Lernmittel zur Verfügung stellt.
    Ich spreche nicht von "Word" und "Excel", was wir hier in Deutschland gerne unter Unterricht mit Computer (mis-)verstehen.

    • brody
    • 29.01.2010 um 19:08 Uhr

    Eine gute Anlaufstelle um mehr über das OLPC Projekt zu erfahren ist
    http://www.olpcnews.com/

    und zur Unterhaltung empfehle ich dieses Video
    http://www.youtube.com/wa...

    Wir könnten in Deutschland eine Menge von dem OLPC Projekt über den Einsatz von Computern im Unterricht lernen!

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service