Die Weihnachtsmänner und Engelchen hängen noch in den Schaufenstern von Athens Einkaufsmeile, als der Terror zurückkehrt in die Welt unter der Akropolis. Vor wenigen Tagen, an einem Sonnabend gegen 20 Uhr, explodierte vor Athens Parlamentsgebäude eine Bombe, deren Knall nicht nur in der nahen Fußgängerzone, sondern auch im knapp einen Kilometer entfernte Café Floral zu hören ist. Riesige Fotodrucke weißer Rosen verzieren dort die Wände neben der Bar. Spätestens in diesem Moment bekommt die friedliche Atmosphäre Risse. Die Menschen im linken Szeneviertel Exarchia sind ohnehin aufgekratzt. Wenn Autos brennen, Steine geworfen und Fassaden angezündet werden, dann beginnt der Krawall meist auf dem Platz direkt vor dem Café.

Oberflächlich betrachtet liefern sie sich noch immer Scharmützel mit der Polizei, weil Beamte im Dezember 2008 einen demonstrierenden griechischen Teenager erschossen. Doch es geht um mehr: Das Volk rechnet mit seiner Regierung ab, weil die Wut zu groß geworden ist. Es mangelt an Jobs und Bildungschancen, zugleich ist der Staatsapparat zu träge für dynamische Unternehmer – auch weil er auf einen großen Teil der Steuereinnahmen verzichtet.

Die Studenten, die in Exarchia leben, sind deshalb wütend wie Bill Gnafakis. Der ist 23 Jahre alt, trägt einen schlabbernden Benetton-Pulli zu Jeans und Turnschuhen. Seinen dunklen Vollbart hat er kurzgeschoren. Nie würde er auf die Idee kommen, selbst eine Bombe zu zünden. Doch als im vergangenen Dezember die Autos brannten, da "habe ich mit demonstriert." Ein Jahr nachdem Polizisten hier einen 15-jährigen Schüler erschossen, ging Gnafakis auch auf die Straße. Er ist nicht nur wütend auf die Polizisten, sondern auch auf die alte Regierung. "Die war einfach zum Kotzen", sagt er.

Mittlerweile ist die zwar abgewählt, doch Gnafakis Leben hat sich seither nicht verbessert. "Ich habe drei Jahre lang 3D-Animation studiert und finde damit in Griechenland keinen Job." Fast jeder vierte Jugendliche zwischen 15 und 24 Jahren hat in Gnafakis Heimat überhaupt keine Arbeit, die Jugendarbeitslosigkeit ist damit doppelt so hoch wie in Deutschland. Gnafakis hält sich als Barkeeper im Café Floral über Wasser. "Mit den 1000 Euro komme ich gerade so über die Runden", sagt er.

Man findet vielleicht einen Job, aber kaum in dem Bereich, für den man ausgebildet ist.
Maria Alektoridou, Architekturstudentin

Damit sich etwas ändert im Land, ging er vor einem Monat auf die Straße. Glasscheiben waren da schon zerbrochen und einige hundert Meter vom Café entfernt lieferte sich der Mob Straßenschlachten mit der Polizei. An der angrenzenden polytechnischen Universität war an Lehre mehr als eine Woche nicht zu denken. Maria Alektoridou studiert dort seit fünf Jahren Architektur, immer wieder fällt der Unterricht aus. "Die Studenten wehren sich mit Demonstrationen gegen die Ankündigung von Studiengebühren", sagt die 22-Jährige. Hat Sie Sorge nach ihrem Abschluss keine Arbeit zu finden? "Man findet vielleicht einen Job, aber kaum in dem Bereich, für den man ausgebildet ist."

Die Menschen halten den Staat für ein amorphes Wesen, das es auszutricksen gilt.
Rüdiger Bolz, Leiter des Goethe-Instituts in Athen

Auch deshalb lehnt sich die Jugend, unterstützt von linksextremen Gruppen, gegen die Regierung auf. Hunderte Millionen Euro haben die Zerstörungen seit Dezember 2008 gekostet. Kaum zu beziffern sind indirekte Folgen. Die Bilder aus Athen schrecken Touristen und Geschäftsleute ab, fürchten Reiseführer am Hang der Akropolis. "Das Geschäft könnte um 50 Prozent einbrechen", sagt eine Fremdenführerin. Dabei ist der Tourismus die wichtigste Stütze der griechischen Wirtschaft. Die Demonstranten kümmert das nicht. "Wir beobachten genau, was die neue Regierung anstellt", sagt Bill Gnafakis.

Es klingt wie eine Drohung, die man besser versteht, wenn man sich mit Rüdiger Bolz unterhält. Seit über zwei Jahrzehnten leitet er das Goethe-Institut in Athen und ist mit einer Griechin verheiratet. In ihrer Heimat hat Bolz eine erstaunliche Erfahrung gemacht: "Die Menschen halten den Staat für ein amorphes Wesen, das es auszutricksen gilt." Wer dennoch in die Politik geht, der gelte als dumm, "wenn er das Amt nicht für die Familienversorgung ausnützt."