Nach der Pleite von Kopenhagen beschäftigt viele Menschen der westlichen Hemisphäre, wie sie dem Klimawandel begegnen können. Zu den einfachen Wegen scheint dabei zu gehören, soweit wie möglich regionale Lebensmittel einzukaufen. Hat nicht sogar der vom Klimagipfel enttäuschte Bundesumweltminister Röttgen in einem Spiegel-Interview zu bedenken gegeben, es sei doch "kein Verzicht, (…) regionale Lebensmittel zu kaufen statt solche mit langen Transportwegen"? Wäre das aber die Lösung? Zwar spricht nichts dagegen, dass jedermann mehr als bisher zur Minderung von Treibhausgasemissionen beiträgt. Aber wir alle müssen schon aufpassen, dass wir dabei das Richtige tun und nicht, in bester Absicht, das Klima noch mehr schädigen – und die Entwicklungsländer obendrein.

Inzwischen liegen umfangreiche wissenschaftliche Studien vor, die den Klimaeffekt von Lebensmitteln genau analysieren und dabei auch regionale Produkte mit Importen aus Übersee vergleichen. Diese Studien gehen von der Erkenntnis aus, dass es verkürzt wäre, den Klimaeffekt allein an der Länge der Transportwege vom Produzenten zum Verbraucher abzulesen. Gemessen an diesem Kriterium wären natürlich Produkte aus der Umgebung in jedem Fall vorzuziehen. Tatsächlich müssen aber die Klimaeffekte sämtlicher Inputs berücksichtigt werden und nicht nur die des Transports.

Bei einer konsequenten Lebenszyklusbetrachtung (carbon life cycle assesssment) würde auch der Klimaeffekt chemischen Düngers, des fossilen Treibstoffs der Traktoren, der Aufzucht in beheizten Gewächshäusern, der energieintensiven Weiterverarbeitung, der Lagerung und Kühlung und schließlich der Beschaffung durch die Konsumenten (im Supermarkt nebenan oder – spritintensiv – mit dem Auto bei den Bauern in der Umgebung) berücksichtigt. Dann wird das Bild höchst differenziert. Mit dem Schiff aus Neuseeland nach Deutschland transportierte Äpfel oder Lammkoteletts können durchaus weniger klimabelastend sein als die gleichen Produkte vom Bauern in der Region. Der Transport, vor allem per Containerschiff, trägt nämlich nur einen geringen Teil zum gesamten Treibhauseffekt eines Nahrungsmittels bei. Eine viel größere Rolle spielt der Energieeinsatz für die Herstellung sämtlicher Inputs und für die verschiedenen Produktions- und Verarbeitungsstufen der Wertschöpfungskette.

Die generelle Aussage, regionale Produkte seien klimafreundlicher als importierte, ist also wissenschaftlich nicht begründet. Es kommt vielmehr auf den Einzelfall an und sogar auf die Jahreszeit. Der im Herbst in Europa gepflückte Apfel ist klimafreundlicher als der aus Argentinien oder Neuseeland importierte Apfel. Aber im Sommer, bevor in Europa die Äpfel geerntet werden, kann der monatelang im Kühlhaus gelagerte europäische Apfel dem kurz vorher auf der Südhalbkugel gepflückten und mit dem Schiff nach Europa geschafften Apfel klimapolitisch unterlegen sein.

Nun kann aber vom gestressten Stadtmenschen nicht erwartet werden, dass er bei jedem Einkauf die höchst differenzierten Erkenntnisse der Lebenszyklusanalysen aller möglichen Produkte im Kopf hat. Auch Umweltengel und die anderen Ökosiegel helfen da nicht weiter. Sie berücksichtigen bisher nicht die Klimarelevanz der Produkte – und ein Aufdruck der zurückgelegten Meilen würde ja nur in die Irre führen. Der Wunschtraum umweltbewusster und klimabesorgter Ökonomen wäre nun, dass jeder schnell und unkompliziert an den Preisen ablesen kann, wie klimafreundlich oder -schädlich der begehrte Apfel oder das Lammkotelett ist.

Natürlich kennt niemand die ökologisch richtigen Preise aller Güter und Dienstleistungen. Aber nach den Erkenntnissen der Klimaforscher besteht kein Zweifel daran, dass die Preise fossiler Energieträger erheblich höher sein müssten als die heutigen Weltmarktpreise – nämlich so hoch, dass genau so viel weniger Energie verbraucht und verschwendet wird, wie für die Abbremsung des Klimawandels erforderlich ist. Erst recht dürfen fossile Energien nicht subventioniert, ihre Übernutzung nicht noch künstlich gefördert werden. Dies ist vor allem in den Entwicklungsländern ein Problem, wo die Energiepreise weitaus höher subventioniert werden als in den Industrieländern. Vielmehr müssten die Energiepreise durch Steuern Schritt für Schritt erhöht werden, möglichst im Gleichschritt aller Länder, um Wettbewerbsverzerrungen und Umgehungseinfuhren zu vermeiden.

Über die höheren Preise fossiler Energieträger (und weitere Preiserhöhungen knapper werdender Umweltgüter) würden sich dann alle Produkte entsprechend dem Treibhauseffekt der in der Produktion verbrauchten Inputs sowie des Energieeinsatzes auf allen Verarbeitungsstufen und im Transport bis hin zum Endverbraucher verteuern. Wenn so die Preise die ökologische Wahrheit sagen, würden die Konsumenten von ihrem Portemonnaie zu klimagerechtem Einkaufen angehalten. Es gibt keinen wirkungsvolleren Mechanismus demokratischer Klimapolitik. Gleichzeitig würden auch die Produzenten und die Transport- und Logistikunternehmen noch stärker motiviert, durch Kosteneinsparung einen Beitrag zur Minderung von Treibhausgasemissionen zu leisten.