Krankenkassen Mehr Arztbesuche – trotz Praxisgebühr
Im Schnitt suchen Kassenpatienten 18 Mal pro Jahr einen Mediziner auf. Die Prävention geht an vielen vorbei.
Die Kritik von Krankenkassen und Politik an der Praxisgebühr wird lauter. Der Kasse Barmer-GEK zufolge taugt das Instrument nicht, um die Zahl der Arztbesuche zu begrenzen. „Die Wirkung der Praxisgebühr ist fraglich“, sagte Barmer-Vizechef Rolf-Ulrich Schlenker am Dienstag in Berlin. Er verwies auf eine Statistik, der zufolge Patienten in Deutschland doppelt so häufig behandelt werden wie in vergleichbaren Industrieländern. Die Regierung plant, die Praxisgebühr zu überarbeiten, will sie aber nicht abschaffen.
Suchte jeder kassenversicherte Deutsche 2004 noch 16,4 Mal pro Jahr einen niedergelassenen Arzt auf, waren es vier Jahre später 18,1 Besuche in der Praxis – aktuellere Zahlen gibt es nicht. Im Bundesländervergleich schauen nur die Bayern häufiger als Berliner Bürger beim Arzt vorbei, und nur sieben Prozent der Versicherten gingen 2008 gar nicht zum Arzt. Das geht aus dem neuen Arztreport der Barmer-GEK hervor, der 1,7 Millionen Behandlungsdaten der größten Krankenkasse des Landes auswertet.
Seit 2004, als die Gebühr im Rahmen der Agenda-Gesetze von Rot-Grün eingeführt wurde, müssen Versicherte zehn Euro pro Arztbesuch und Quartal bezahlen – der Sozialkasse bringt das bis zu zwei Milliarden Euro im Jahr. Abschaffen will die Barmer-GEK die Gebühr trotz ihrer offensichtlich geringen Wirkung aber nicht. „Wer für einen Verzicht plädiert, muss beantworten können, woher das Geld kommen soll“, heißt es bei der Kasse.
Auch die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) fordert eine Überarbeitung der Praxisgebühr. Laut KBV-Chef Andreas Köhler sind bis zu 48 Prozent der Patienten von der Zuzahlung befreit, weil entweder ihr Einkommen zu niedrig ist oder sie an einem Behandlungsprogramm der Hausärzte oder für chronisch Kranke teilnehmen. Der Verband plädiert dafür, statt eines festen Betrags einen Prozentsatz der Behandlungskosten zu erheben – mit einer Obergrenze für sozial Schwache. Dieses Geld solle dann von den Kassen eingezogen werden, statt wie bislang von den Ärzten in bar von den Patienten.
Die Praxisgebühr überarbeiten will auch die Regierung. Man werde sie „in ein unbürokratisches Erhebungsverfahren überführen", heißt es dazu im Koalitionsvertrag. Über Details und einen Zeitplan dazu wollte eine Sprecherin von Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler (FDP) auf Anfrage nichts sagen.
Neben der Praxisgebühr gilt Prävention als ein Mittel, das die Zahl der Arztbesuche eindämmt – weil die Menschen gesünder sind, wenn sie im Betrieb an Rückenkursen teilnehmen oder etwas über ausgewogene Ernährung lernen. Für solche Maßnahmen, die nicht medizinisch im engeren Sinn sind, gaben die Krankenkassen 2008 rund 340 Millionen Euro aus, 40 Millionen mehr als ein Jahr zuvor. Wie aus dem Präventionsbericht der gesetzlichen Krankenkassen hervorgeht, der am Dienstag in Berlin vorgelegt wurde, nahm jeder achte Versicherte an einer Vorsorgemaßnahme teil. Allerdings gehen die Bemühungen an vielen Bevölkerungsgruppen weitgehend vorbei: Den größten Anteil an den Präventionsausgaben haben Gesundheitskurse zu Ernährung und Bewegung, 285 Millionen Euro flossen in diesen Bereich. Vor allem Frauen über 40 nutzten dieses Angebot. Die Ausgaben dafür waren rund fünfeinhalbmal so hoch wie für die betriebliche Gesundheitsvorsorge und Projekte in Kindergärten und Schulen zusammen.
Klaus-Dieter Voß, Vorstand beim Spitzenverband der Krankenkassen, sagte, die Kassen wollten ihr Angebot in diesem Bereich ausbauen. Prävention sei aber nicht nur Aufgabe von Ärzten und Kassen, sondern müsse als Element von Sozial-, Arbeits-, Wirtschafts-, Familien- und Bildungspolitik verstanden werden. Alleine könnten die Kassen dies nicht finanzieren, dies sei eine Aufgabe für die gesamte Gesellschaft. Wie aus dem Präventionsbericht hervorgeht, geben die Versicherten mehr Geld für Vorsorge aus als Arbeitgeber – ihr Aufwand hat sich zudem zwischen 1992 und 2007 verdreifacht.
(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel)
- Datum 20.01.2010 - 19:11 Uhr
- Quelle ZEIT ONLINE, Tagesspiegel
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Warum gehen Deutsche so häufig zum Arzt? Nicht weil sie öfters krank sind, sondern weil sie beim Arzt innerhalb Minuten abgefertigt werden, da dieser fürs Reden und Zuhören keine Zeit hat, und nichts dafür bekommt. Schnell Pillen verschreiben, dass der Patient beruhigt ist, (daher die hohen Medikamentenausgaben, und dann auf Wiedersehen. Die Beschwerden sind natürlich noch vorhanden, ab zum nächsten Arzt, und so geht das weiter. Mit mehr Zeit und Gesprächen wären vielen Patienten mehr geholfen als mit Alibimedikamentenverschreibungen.
Dafür gibt es verschiedene Gründe:
Es gibt in der Wahrnehmung der Bevölkerung keine "Bagatellerkrankungen" mehr, die mit ein wenig "Selbsthilfe" von allein verschwinden würde - es wird alles "abklärungspflichtig" - eine kleine Muskelzerrung landet im MRT, der einmalige Bauchschmerz bei der Koloskopie.
Auch die vielgeliebte Prävention macht doch Alle zu potentiellen Schwerstkranken und vermittelt immer nur, dass man seinem Körper nur mit Hilfe eines Arztes vertrauen kann.
Da wird dann gesucht und natürlich auch gefunden. Frei nach Hr.Lütz: "Gesund ist, wer nicht gründlich genug untersucht wurde".
Wenn das nicht reicht, senkt die WHO mal die Grenzwerte für Cholesterin oder Schilddrüsenwerte - woraus folgt: regelmässige Laborkontrollen, Medikamente und Arztbesuche...
Wir schließen teuere Intensivbetten, streichen innovative Chemotherapeutika aus der Bezahlleistung der Kassen und verzichten auf umffassende Bakteriologie bei Pneumonieverdacht - aber wir zahlen Rückenkurse, Trainingsbälle und andere "Präventionsmaßnahmen". Sich für diese Fehlallokation von Mitteln auch noch über den grünen Klee zu loben ist ekelhaft!
Niemand fragt, wie viel ein anständiges Gesundheitssystem kosten darf. Es darf zeimlcih viel kosten, wir sind nicht im Jahr 1901, wo man Leute mit heißem Wasser und Seife behandelt hat. Wo man wirklich sparen kann sind überteuerte Standardmedikamente. Meine Augensalbe kostet 4 Euro in der Aptheke und 4 Euro in der Online-Apotheke - nur das bei der Online-Apotheke die doppelte Menge in der gleichen Packung steckt. Ich schätze den Gesamtwert dieser Salbe auf 20 Cent, da ist kein teurer Wirkstoff drin. Ach ja, ich kann gerne mehr Geld für das Gesundheitssystem ausgeben, sobald und nur sobald die unverschämte Bevorzugung der Privatpatienten beendet wird.
Da wird statstisch wieder mal festgestellt, daß die Deutschen immer noch zu häufig zum Arzt gehen, trotz der Praxisgebühr. Die Ärzte sind doch nicht doof. War es früher öfters so, daß der Patient noch einmal im Jahr bestellt wurde als es diese Patientenverarmungsmasche noch nicht gab, bestellt der Arzt den Patienten im nächsten Quartal (wieder 10,00 €) erneut ein, um sich von der Wirkung der Medikamente zu überzeugen. Er hatte ja nur eine kleine Packung verschrieben, obwohl es ein Dauerleiden ist. Die solche Schreckensmeldungen über den zu hohen Krankenstand in die Welt palavern, sollten sich mal mit der Basis, mit Patienten unterhalten, nicht nur mit Verbandsvertretern. Ist noch keinem die angebliche Weiterbildungswut unserer Hausärzte zu Quartalsende aufgefallen? Wenn das Budget zu Ende ist, wird die Praxis geschlossen und Herr oder Frau Doktor sind angeblich zur Weiterbildung. Macht hinterher bei den Patienten einen guten Eindruck. Ich kann es den Ärzten nicht verdenken. Wer arbeitet schon gern umsonst. Und weil die Patienten im Quartalsrhythmus immer wieder bestellt werden, ist auch keine Zeit für eine ordentliche Behandlung. Nur Husch, husch und vor allem viele. Nehmt den Ärzten den Gewinnbeschaffungsdruck. Richtet wieder Polikliniken ein, wo der Arzt sich voll und ganz auf den Patienten konzentriert und ein ordentliches Gehalt bezieht.
Als Arztbesuch wird auch die Erneuerung von Rezepten etc. gerechnet. Dies geschieht in 95% aller Fälle ohne den Arzt!
Meine persönliche "Bilanz" als 73jähriger für 2009: 1 x Routinescheck(alle 2 Jahre), 1x Grippeschutzimpfung und zusätzlich 2x neues Rezept ausstellen lassen, da pro Rezept nur max. 98 Betablocker gegen meinen langjährigen Bluthochdruck zu bekommen sind. Fazit: tatsächlich nur 2 Arztbesuche per Anno, der Rest reine Routine, die ich auch telefonisch erledigen könnte, wäre da nicht die 4x im Jahr anfallende Praxisgebühr a EUR10.-, die ich in bar zahlen muß.
Das gleiche Prozedere gilt auch für meine Frau(62), wir passen nicht in diese Statistik - Gott sei Dank!
Ich zahle als überalterter Langzeit-Ingenieurstudent derzeit 140 EURO KKV im Monat. Jetzt da ich Diplomarbeit schreibe, beträgt mein Einkommen aus einem 45h-Nebenjob monatlich knapp 380 EUR. Meine Eltern helfen mir mit Krediten, damit es zum Leben reicht. Die Krankenkasse berechnet Ihren Beitragssatz hingegen nach einem fiktiven "Mindesteinkommen" von 840 EUR ohne das ein Mensch ja nicht leben kann und was infolgedessen auch ich haben muss. Mein KKV-Beitragssatz beträgt also 36,8%. In den letzten 3 Jahren war ich 3x beim Arzt.
Ich stelle mir ein sinnvolles System so vor:
10 EUR Selbstbeteiligung für jeden "echten" Arztbesuch (nicht für ein neues Rezept, dafür braucht es keinen Arzt)
50% Selbstbeteiligung bei den ersten 500 EUR Arztkosten pro Jahr.
Angenommen ein durchschnittlicher Arztbesuch kostet 40 EUR. Bei 18 Arztbesuchen also 720 EUR. Die Selbstbeteiligung wäre 18*10 EUR 250 EUR = 430 EUR. Um diesen Betrag / 12 sollte der monatliche Beitragssatz gesenkt werden. Ich spare also 35 EUR pro Monat und muss eine Selbstbeteiligung von 10 20 EUR im Jahr aufbringen. Super!
Auch als Patient einer gesetzlichen Krankenversicherung hätte ich übrigends gerne eine (lesbare) Rechnung. Wie sonst sollten falsche Abrechnungen der Ärzte denn sonst aufgedeckt werden?
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