Streit um BilliglöhneSchlecker gibt nach

Die Drogeriekette kündigt die umstrittene Zusammenarbeit mit der Zeitarbeitsfirma Meniar. Arbeitsministerin von der Leyen will Schleckers Personalpolitik dennoch prüfen. von Moritz Honert

Kunden verlassen einen Schlecker-Laden in Berlin

Kunden verlassen einen Schlecker-Laden in Berlin. Nach harscher Kritik will der Discounter über die Zeitarbeitsfirma Meniar kein neues Personal mehr einstellen  |  © Sean Gallup/Getty Images

Schlecker lenkt ein. "Die öffentliche Diskussion um die Beschäftigung von Leiharbeitnehmern der Firma Meniar durch die Firma Schlecker haben wir bisher nicht nachvollziehen können", sagte ein Sprecher der Drogeriekette. Um diese jedoch zu beenden, habe das Unternehmen beschlossen, ab sofort keine neuen Mitarbeiter von Meniar mehr einzustellen.

Der Erklärung vorausgegangen war ein monatelanger Streit mit der Gewerkschaft ver.di, in den sich zuletzt auch die Politik eingemischt hatte. So kündigte Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) an, die Vorgänge bei Schlecker zu prüfen. "Wenn sich herausstellt, dass es Schlupflöcher und Lücken im Gesetz gibt, die Zustände in der Leiharbeit ermöglichen, die dem Zweck des Gesetzes nicht entsprechen, dann muss das Gesetz ergänzt werden", teilte die Ministerin mit. Trotz des Einlenkens von Schlecker werde man die bisherige Praxis überprüfen, sagte ein Sprecher von der Leyens. 

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Vorgeworfen wird dem Unternehmen, kleine Filialen geschlossen, Personal entlassen und dann in neu entstandenen Großraummärkten Zeitarbeiter zu Dumpinglöhnen beschäftigt zu haben. Vermittelt wurden die Zeitarbeiter durch die Firma Meniar, die von einem ehemaligen Schlecker-Personalmanager geführt wird. Der Stundenlohn in den neuen Großmärkten betrage lediglich 6,78 Euro, klagt ver.di. Laut Gewerkschaft habe Meniar bis dato rund 43.000 Leiharbeiter an Schlecker vermittelt. Schlecker habe im Gegenzug 2009 rund 1000 kleine Filialen geschlossen und knapp 300 XL-Märkte eröffnet. Im laufenden Jahre sollen weitere 700 hinzukommen. Berlin ist davon kaum betroffen. In der Hauptstadt gibt es laut ver.di bislang nur zwei XL-Märkte.

Schlecker hatte die Vorwürfe stets zurückgewiesen. Von Lohndumping könne keine Rede sein, sagte ein Sprecher. Die gezahlten Stundenlöhne betrügen vielfach 13 Euro und mehr. Zur Einmischung der Politik sagte er: "Es muss befremdlich erscheinen, dass nun Politiker, deren Parteien seit langem stehts die Flexibilisierung der Arbeitsverhältnisse gefordert und gesetzlich gefördert haben, nun hier – offenkundig aus populistischen Motiven – mit einzustimmen scheinen!"

Ob ihre Einmischung überhaupt notwendig ist, wird auch von Experten bezweifelt. Laut ver.di kann die von Schlecker angewandte Methode als sogenannter Betriebsübergang angesehen werden. In einem solchen Fall sei eine Kündigung nicht wirksam, erklärt Anja Mengel, Fachanwältin für Arbeitsrecht bei der Kanzlei Wilmer-Hale. Schlecker-Mitarbeitern, denen gekündigt wird, weil ihre Filiale geschlossen wird, sollten auf Wiedereinstellung klagen.

Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 12. Januar 2010

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Leserkommentare
  1. UNGLAUBLICH, aber wahr?

    So soll sich für die bisher erpressten AN ja nix ändern, wie ich so gehört habe.
    Der Rest der Belegschaft wird entweder Kündigungsänderungen bekommen oder "betriebsbedingt" frei gesetzt werden.
    Dann wird sich SCHLECKER aus dem Pool der Hartz IV - Empfänger neues "Frischfleisch" holen.
    Dazu wird mit Sicherheit auch die Masse der "Pauschalkräfte" auf 400,- Euro - Basis zunehmen.
    ...und wer hat's erfunden:
    Nicht SCHLECKER alleine, sondern der gesamte deutsche Einzelhandel.
    Wer hat dafür Tür und Tor geöffnet:
    Unsere großen "Volksparteien" - allesamt - und DIE GRÜNEN noch dazu.
    Und wer unterstützt das Ganze weiter?
    Wir, das Volk:
    Billig will ich - und da ist es dem Kunden "scheiß egal" was die Verkaufskraft hinter dem Tresen oder an der Kasse verdient.
    Hauptsache jede Woche kann man "gut und günstig" einkaufen - hat man doch selbst kaum noch Geld in der Tasche:
    Ob nun als AN oder Hartz IV - Empfänger!
    Wir, das Volk, nehmen es eben hin.
    Vor über 20 Jahren ist ein (Ost-) Deutsches Volk auf die Straße gegangen - nicht nur wegen der Stasi, sondern auch deshalb, weil es damals für sein gut verdientes Geld keine gute Ware kaufen konnte.
    Heute ist das anders:
    Heute gibt es den BND, den Staatsschutz und die Firmen, die das Volk bespitzeln und es gibt sehr viel materiellen und geistigen "Schund" für lau, sowie ein Vielzahl von Konsumgütern, die es früher für das (Ost) - Volk nicht zu kaufen gab.
    Nur:
    Wo ist eigentlich heute das Volk geblieben?
    Ich sehe niemand!

  2. heißt den Arbeitsmarkt für Tausende von Bürgern zu zerschlagen. Zwang zur Einkommenshalbierung, beim Arbeitergeber aber das Doppelte gegenüber früher bezahlen - das heißt die Konsumgüter sind gar 3-mal so teuer für diese Einkommen! Das klingt wie eine massenhafte Bestrafung wegen Nichtkonsums. Ab sofort musst du schwer arbeiten für deine Toilettenartikel und dein Müsli! http://viereggtext.blogspot.com

    • fanta4
    • 12. Januar 2010 11:02 Uhr

    So Titelt das Manager Magazin in einem alten Artikel über Schlecker!

    http://www.manager-magazin.de/koepfe/unternehmerarchiv/0,2828,276910,00....

    Da kann man lesen, dass Christa und Anton Schlecker schon mitte der 90iger wegen Betrugs an ihren Mitarbeitern rechtskräftig verurteilt wurden. Und zwar zu je 10 Monaten auf Bewährung und 1 Million Geldstrafe.

    Deshalb haben sie erstmal ein wenig die Füße still gehalten, nicht weil sie auf einmal ihr Herz für ihre Beschäftigten entdeckt haben.

    Um dann die nächste Gelegenheit zu nutzen, ihre Mitarbeiter wieder kräftig über den Tisch ziehen: Zeitarbeit.

    So Ticken diese Leute, so wird man zum Milliardär!

    Und dieses Verhalten unterstützen unsere Politiker seit Jahren.

    Es ist also nicht ganz so harmlos, wie der Tagesspiegel glauben machen möchte.

    • Fokko
    • 12. Januar 2010 11:15 Uhr

    Die böse Zensursula als Retter der Enterbten... Na so was! Ich hätte eigentlich nicht gedacht, dass die Regierung tatsächlich einmal Arbeitnehmern hilft.

    Oder schlachtet man da lediglich den Watschenmann (Hit me, i'm not nice!) Anton Schlecker um den angeschlagen Ruf der Dame wieder zu kitten und sich gleichzeitig den Anschein zu geben, man würde etwas gegen Lohndumping und Ausbeutung tun?

    Ein Stück weit erinnert mich die Sache an damals, als man den Unsympathen Peter Graf wegen Steuerhinterziehung eingesperrt hat, wohl auch nur um die Volksseele zu beruhigen, die seinerzeit gegen die Steuersünder kochte.

    Geändert hat sich natürlich nichts und genau so wenig wird sich jetzt etwas ändern.

    Fokko vom Fantasy-Blog/Selbstversorger-Blog
    -------------------------------------------
    http://fokko.wordpress.com/
    http://selbstversorger-blog.over-blog.de/

    • leser72
    • 12. Januar 2010 11:17 Uhr

    "Meniar" - man tausche den letzten Buchstaben gegen ein "l" und erhält das englische Wort "menial" (Knecht, Gesinde). Ein Schelm wer Böses dabei denkt ;-)

  3. Für mich ist das ganz einfach. ICH KAUFE NICHT BEI SCLECKER!

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • leser72
    • 12. Januar 2010 18:50 Uhr

    ... läuft doch mit fleissiger Unterstützung unserer Politiker überall so. Und selbst wenn Sie noch irgendwo einen "Tante-Emma-Laden" auftun der die benötigten Artikel führt - der Inhaber beutet sich selbst aus, weil er sonst überhaupt keine Chance mehr hat gegen die Großen zu überleben. Das ist die die häßliche Fratze der sogenannten "sozialen" - in Wahrheit aber eben einfach nur freien - Marktwirtschaft.

    Last but not least - wenn wir nun alle "solche" Geschäfte boykottieren würden, werden innerhalb kurzer Zeit 10.000te arbeitslos ohne das es eine Alternative zur Erwerbsarbeit gibt. Und die Reichen werden ihr Geld halt noch weniger in die Realwirtschaft investieren - und trotzdem noch reicher werden.

    Wie gesagt - die häßliche Fratze der Marktwirtschaft. Leider ist auch mir bisher keine brauchbare Alternative eingefallen.

    mfG

    • Deftone
    • 12. Januar 2010 11:43 Uhr

    Kapitalismus ist wenn profite steigen und löhne sinken, wenn alles im finanzmarkt verschleudert wird, während jobs gestrichen werden.

    FDP konnte vortäuschen etwas über wirtschaft zu wissen. viele sind drauf reingefallen. Tatsächlich werden sie es auch schaffen, profite weiter zu erhöhen, doch Löhne werden noch niedriger, jobs weniger.

    der wachstumsgedanke bringt das was wir jetzt haben. Wir brauchen eine umdefinition des wachstumsbegriffs. Qualitativer wachstum vor quantitativen wachstum.

    Träumer ich.

  4. Es liegt in erster Linie an den Kunden. Wir haben hier in unserem Ortsteil mehrere grosse Discauter, Lidl, Ald, etc.
    Wir haben hier aber auch noch einen grossen Einzelhändler,
    der natürlich auch einer grossen Handelskette angehört. Hier kennt man den Chef (hat nach dem Krieg mit einem Milchladen angefangen) man kennt die Mitarbeiter - meist Leute aus der Nachbarschaft und die Mitarbeiter an der Kasse sind auch meist
    ältere, und die Kunden kennt man meist auch. Da ist es wohl etwas teuerer, aber wenn man weis, was man will, ist das auch nicht so schlimm. Sonderangebote haben die auch. Da bin ich Kunde und kaufe mit gutem Gewissen ein, da ich annehmen kann, dass der Inhaber seine Leute vernünftig behandelt, das Gegenteil ist mir jedenfalls nicht bekannt.

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  • Quelle ZEIT ONLINE, Tagesspiegel
  • Schlagworte CDU | Ver.di | Ursula von der Leyen | Arbeitsrecht | Leiharbeit | Schlecker
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