Eine Mutter füttert ihren Sohn. Nach dem Erdbeben vom 12. Januar sind beide notdürftig in einem Zelt untergekommen, das mit anderen auf einer ehemaligen Landebahn steht. "Camp Route de Piste" wird die Siedlung genannt © Chip Somodevilla/Getty Images

"Es ist eine verborgene, aber durchdringende Krise, die schon alle Ecken des Landes berührt", sagt Dick Trenchard, Koordinator der Welternährungsorganisation (FAO) in Haiti. "Am stärksten betroffen sind ländliche Regionen, die die meisten Flüchtlinge aus Port-au-Prince und Umgebung aufgenommen haben – vor allem Artibonite im Westen und Grand'Anse im Süden."

Wie die FAO mitteilt, haben nach dem Beben rund 500.000 Menschen Zuflucht in Kleinstädten und auf dem Land gesucht. "Das Land ist in Haiti wie eine Lebensversicherung für die Stadtbevölkerung, und umgekehrt", sagt Welthungerhilfe-Sprecherin Marion Aberle. "Zuerst machen sich die Menschen auf in die Stadt und schicken Geld nach Hause. Geht es ihnen selbst schlecht, können sie zurückgehen. In der ersten Generation sind die Verbindungen noch besonders eng."

Doch jetzt scheinen die familiären Hilfsnetze überlastet. Der FAO zufolge verbrauchen die Familien, die Flüchtlinge aufgenommen haben, ihre mageren Ersparnisse und Lebensmittelvorräte, um die Neuankömmlinge zu versorgen. In vielen Fällen äßen die Menschen ihr Saatgut oder verkauften ihr Vieh.

"Wenn die Gastfamilien keine Mittel haben, um Saatgut zu kaufen und keine anderen Möglichkeiten, gute Samen zu bekommen, bedeutet das für sie eine Katastrophe", warnt Jean-Dominique Bodard, Care-Spezialist für Ernährungssicherheit. In weniger als zwei Wochen beginne in Haiti die Haupt-Saatsaison, die normalerweise mehr als 60 Prozent der jährlichen Produktion hervorbringe. Viele Bauern könnten aus Geldmangel für die Aussaat keine Tagelöhner anheuern.

Der FAO und Care zufolge sind die Lebensmittelpreise seit dem Erdbeben bereits um zehn Prozent gestiegen. Die Organisationen werten das für einen "Indikator für schlechtere Dinge, die noch kommen."

Schon vor dem Beben war Hunger in Haiti ein großes Problem. Die Welthungerhilfe zählt das Land zu den zehn am schlimmsten betroffenen Ländern der Welt. Durch Abholzung seien die Böden unfruchtbar, sagt Sprecherin Marion Aberle. Zudem sei es schwierig, die landwirtschaftliche Produktion im Land anzukurbeln, weil in der Vergangenheit Nahrungsmittel häufig sehr günstig aus dem Ausland importiert worden seien, wie etwa Reis aus den USA. "Das Beben hat die Situation noch verschärft."