Wirtschaftswachstum Wider die GlobalisierungSeite 2/2

Regierungen müssen Rechenschaft ablegen, wie relevante wissenschaftliche Erkenntnisse – beispielsweise zum Klimawandel, der Verfügbarkeit von Ressourcen oder der Armutsvermehrung – in Entscheidungen berücksichtigt werden. Die Wissenschaftlichen Beiräte der Regierung müssten deutlich unabhängiger sein als es derzeitig der Fall ist; definitiv sollten sie nicht von den Regierenden selbst berufen werden.

Unabhängig davon, ob es global- oder bundespolitisch gelingt, das Ruder herumzureißen, ist eine Doppel-Strategie, ähnlich dem Vermeidungs- und Anpassungskonzept im Klimaschutz, sinnvoll. Denn selbst eine freiwillige Reise in eine Welt ohne Wachstum würde alles andere als sanft verlaufen. All jene, die bei Nachhaltigkeit von kultureller Erneuerung träumen, vom Ausruhen auf dem akkumulierten Wohlstand und von freier Zeit für die Entwicklung geistiger Werte, geben sich einer Illusion hin.

Anpassung im Sinne einer nachhaltigen Entwicklung heißt: Ersetzung von Globalisierung und Fremdversorgung durch individuelle, lokale und regionale Initiativen. Regionalwährungen, geschaffen um sich dem Trend der Globalisierung zu widersetzen und die eigene Region wieder stärker zum wirtschaftlichen Mittelpunkt zu machen, sind ein Anfang. Weitere Schritte sind die Steigerung der Selbstversorgung oder Versorgung mit Gütern und regenerativer Energie aus der Region, gegen Regionalgeld, Dienstleistungen oder Tauschhandel. Wir müssten unabhängigere kommunale Strukturen schaffen, die auch ohne Wachstum ein gewisses Maß an gesellschaftlicher Stabilität, Sicherheit und politischer Steuerung zu garantieren in der Lage sind. Solche Gemeinden oder Netzwerke von Gemeinden wären im Falle einer Weltwirtschaftskrise weniger verletzbar.

Aber wie steht es mit der medizinischen Versorgung, mit Sicherheit und politischen Rechten? Und was passiert mit unangenehmen Überbleibseln unserer Industriegesellschaft wie etwa atomaren Zwischen- und Endlagern oder militärischem Gerät? Wenn die Komplexität menschlicher Gesellschaften proportional mit ihrem Energie- und Ressourcenumsatz zunimmt, müsste eine nachhaltige Post-Wachstumsgesellschaft wesentlich einfacher aussehen. Möglicherweise ist der Nationalstaat als gesellschaftliche Organisationsform ein Hindernis auf dem Weg zu einer nachhaltigen Entwicklung. Ein tragisches Dilemma, da doch auf der anderen Seite die Nationalstaaten die Akteure einer Weltumweltpolitik sein müssten.

Prof. Dr. Pierre Ibisch arbeitet am Fachbereich für Wald und Umwelt in der Fachhochschule Eberswalde. Lars Schmidt ist freier Berater und war bis 2009 Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Deutschen Institut für Entwicklungspolitik (DIE). Der Beitrag stellt die persönliche Meinung der Autoren dar und muss sich daher nicht mit den Ansichten des Deutschen Instituts für Entwicklungspolitik (DIE) decken.

Das Deutsche Institut für Entwicklungspolitik (DIE) zählt weltweit zu den führenden Forschungsinstituten und Thinktanks zu Fragen globaler Entwicklung und internationaler Entwicklungspolitik. Das DIE berät auf der Grundlage unabhängiger Forschung öffentliche Institutionen in Deutschland und weltweit zu aktuellen Fragen der Zusammenarbeit zwischen Industrie- und Entwicklungsländern.

 
Leser-Kommentare
    • phima
    • 09.02.2010 um 17:26 Uhr

    Wie vermeidet man im beschriebenen Szenario einen kollektiven geistigen Rückschritt in Richtung Stammesgesellschaft?

    • Crest
    • 09.02.2010 um 17:41 Uhr

    schon nicht passt, korrigiere: wenn man das ganze geschilderte Szenario für hoffnungslos dilletantisch hält, dann fällte es naturgemäß schwer, konstruktive Kritik zu üben.

    Ich picke mir deshalb nur mal eine These heraus:

    Wenn die Komplexität menschlicher Gesellschaften proportional mit ihrem Energie- und Ressourcenumsatz zunimmt, müsste eine nachhaltige Post-Wachstumsgesellschaft wesentlich einfacher aussehen.

    Das ist Unfug. Dazu genügt schon ein Blick auf die (Steuer-)Gesetzgebung.

    Herzlichst Crest

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    ...das wäre doch mal ein Ansatz im Rahmen der Steuergesetzgebung.
    Um Steuer-Milliarden zu verzocken braucht es keine Banken, http://pressaktuell.de/no... - die Landesverwaltung braucht nur leichtfertig Aufträge an einen nachlässigen Lieferanten vergeben.

    ...das wäre doch mal ein Ansatz im Rahmen der Steuergesetzgebung.
    Um Steuer-Milliarden zu verzocken braucht es keine Banken, http://pressaktuell.de/no... - die Landesverwaltung braucht nur leichtfertig Aufträge an einen nachlässigen Lieferanten vergeben.

  1. Thema. Ich bin froh hier etwas darüber zu lesen.

  2. Es gibt ein paar globale Effekte, die kommen bei diesen Kassandra rufenden Menschen wie den Autoren eigentlich nicht vor.

    1. Die Weltbevölkerung wird nicht ewig wachsen. In jedem Land, das Wachstum und Wohlstand für sich erschaffen hat, sinkt die Kinderzahl und steigt der Wohlstand. Weltweit hungern regelmäßig 1 Mrd. Menschen. Und zwar seit vielen Jahrzehnten. Aber die Bevölkerung hat sich vervielfacht. D.h. im Klartext. Wir haben prozentual weniger Hungernde. Derzeit wohl 10 bis 15%. In den 70ern hatten wir das Maximum mit bald 30%. Hunger kann man nur durch Wachstum besiegen. Aktuell in der Krise hat die Anzahl an Hungernden wieder zugenommen.

    2. Rechnet man den Josephs-Pfennig einmal auf die Jahrtausende um, so hat es in Gesellschaften durchschnittlich ein Wachstum von 0,5% pro Jahr gegeben. Doch woran lag das? Es lag daran, dass wir eine Agrarbevölkerung waren. 0,5% in unserer Gesellschaft (jeder 200te) konnte sich leisten, nicht in der Landwirtschaft zu arbeiten. Heute kommen auf einen Bauern mehr als 100 Bürger, die für Wachstum sorgen können. Damit ist klar, dass die Wachstumsrate in unserer Globalen Gesellschaft zunimmt. Je mehr Menschen sich vom Joch der Landwirtschaft befreien, um so mehr Wachstum wird es geben.

    3. Es stellt sich nicht die Frage, ob wir Wachstum oder Stagnation oder Rückschritt haben wollen. Es stellt sich nur die Frage, in welche Richtung wir Wachstum lenken wollen.

    Kommen Sie raus aus Ihrem Elfenbeinturm!

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    Das Studium in Eberswalde muss ja sehr deprimierend sein.
    Selbst wenn die Vöker mit Vollgas in die Wand rasten und alle Wissensschaftlerei nur unbrauchare blickwinkel-beschreibungen darstellten - so sollte man doch trotzdem alles tun um auf diesem lezten Weg Strecke das mögliche zu mobilisiern was mobilisierbar ist. Dazu gehört auch mehr als Jahre zu studieren und zu begreifen, dass "das" ZU kompliziert ist.

    Ich schließe mich Ihrer Meinung und ihrem Appell (an jeden und Herrn Ibisch) eins zu eins an:

    " 3. Es stellt sich nicht die Frage, ob wir Wachstum oder Stagnation oder Rückschritt haben wollen. Es stellt sich nur die Frage, in welche Richtung wir Wachstum lenken wollen.

    Kommen Sie raus aus Ihrem Elfenbeinturm!"

    Das Studium in Eberswalde muss ja sehr deprimierend sein.
    Selbst wenn die Vöker mit Vollgas in die Wand rasten und alle Wissensschaftlerei nur unbrauchare blickwinkel-beschreibungen darstellten - so sollte man doch trotzdem alles tun um auf diesem lezten Weg Strecke das mögliche zu mobilisiern was mobilisierbar ist. Dazu gehört auch mehr als Jahre zu studieren und zu begreifen, dass "das" ZU kompliziert ist.

    Ich schließe mich Ihrer Meinung und ihrem Appell (an jeden und Herrn Ibisch) eins zu eins an:

    " 3. Es stellt sich nicht die Frage, ob wir Wachstum oder Stagnation oder Rückschritt haben wollen. Es stellt sich nur die Frage, in welche Richtung wir Wachstum lenken wollen.

    Kommen Sie raus aus Ihrem Elfenbeinturm!"

  3. Um es ganz klar zu sagen: Das Nachhaltigkeitsproblem des Menschen ist der Mensch selbst, nämlich seine schiere Masse und das exponentielle Wachstum derselben. Solange dieses Wachstum nicht gestoppt werden kann, brauchen wir

    1. quantitatives Wachstum, also mehr Güter und Dienstleistungen, allein um die Grundbedürfnisse von Milliarden zusätzlicher Menschen auf diesem Planeten befriedigen zu können. Alles andere führt zu einem Hauen und Stechen.

    2. Permanente Innovation und neue Technologien, um
    (2.1) effizienter, also ressourcensparender produzieren zu können. Vor allem aber, um
    (2.2) uns endlich von bestehenden Knappheiten lösen zu können.
    Beispiel A: Sonnenenergie statt fossiler Energie.
    Beispiel B: Bewirtschaftung der Ozeane: Aquakultur statt Fischfang (Auch die Jagd zu Lande wurde einst durch die Agrikultur abglöst. Was die Nutzung der Meere angeht, sind wir noch in der Steinzeit).

    3. Eine hoch dynamische globale Wirtschaft, in der ein Maximum an schöpferischer Energie und Kapital zur nachhaltigen, innovativen, sozialverträglichen und damit intelligenten Bewältigung von Knappheiten mobilisiert werden. Denn genau das ist der Sinn von Wirtschaft, und zwar ihr einziger.

    Je besser das gelingt und je mehr Wohlstand weltweit geschaffen werden kann, desto mehr wird sich das Bevölkerungswachstum verlangsamen.

  4. Wieso fangen diese Berater nicht bei sich selbst an und redzuzieren Ihren persönlichen Konsum? Habe noch nie gelesen, dass die Initianten solcher Vorschläge bei sich selbst anfangen.

  5. Für weitere umfangreiche Infromtaionen und Ideen zu diesem Thema empfehle ich folgende Links:

    1. http://www.neweconomics.o...
    Auf der Seite dieses think-and-do tanks in Sachen Nachhaltigkeit kann man u.a. die Publikation "The Great Transition" kostenlos runterladen. Dieser Text befasst sich ausführlich mit der Notwendigkeit, der Umsetzung und den Folgen eines wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Umbaus in Richtung Null- bis Negativwachstum (die Folgen werden trotz erheblicher Reduzierung von Konsum als sehr postitiv für die gesellschaft beschrieben).

    2. http://transitiontowns.or...
    Hier findet sich ein weltweites Netzwerk von Städten und Kommunen, die bereits die im Artikel ansatzweise genannten Massnahmen (z.B. regionale Energie- und Lebensmittelversorgung, Tauschhandel..) umgesetzt haben und probieren den Weg für weitere Initiativen zu ebnen.

  6. haben sich die Autoren mit ihrer Forderung nach einer schrumpfenden Wirtschaft da diese, aus den selbst genannten Gründen, noch viel schwerer zu realisieren ist als qualitatives Wachstum. Und vor allem deshalb unmöglich ist, weil Menschen danach streben sich zu verbessern. Bis zu einem recht hohem Niveau lässt sich diese Streben nur materiell verwirklichen. Das ist ein in allen modernen Gesellschaften zu beobachtende Dynamik.

    Auch ist die Prämisse, dass "die Ressourcen" beschränkt sind so nicht haltbar. Die primäre wirtschaftliche Ressource, Energie, ist, in menschlichen Dimensionen, grenzenlos verfügbar. Ihre nachhaltige Gewinnung über Solar-, Wind-, Wasser-, Bio-Kraftwerke sind der vordringlichste Schritt der ein rein qualitatives Wachstum ermöglicht.

    Ein qualitatives Wachstum erfordert auch eine dramatische Steigerung der Effizienz durch Innovation. Global erheblich verbesserte Bildung, massiver Wissenstransfer und der Abbau von Handelsschranken statt regionaler Kleinbürgerei und Protektionismus sind jetzt gefragt.

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    Lassen Sie uns aufhören, einen Gegensatz zwischen quantitativem und qualitativem Wachstum zu konstruieren. Wirtschaftliches Wachstum heißt die Produktion von mehr Gütern und Dienstleistungen. Dabei müssen wir besser werden, also mit knappen Ressourcen sparsamer umgehen, vor allem aber uns durch einen wirtschaftlichen Umbau von bestehenden Knappheiten lösen. Doch machen wir uns nichts vor: Ein Wachsen der Weltbevölkerung (manche sprechen in diesem Zusammenhang von Explosion) erfordert schlicht und ergreifend die Produktion von z.B. MEHR Nahrung und Energie. Und das müssen wir zukünftig BESSER (siehe oben) können und tun als heute.

    Lassen Sie uns aufhören, einen Gegensatz zwischen quantitativem und qualitativem Wachstum zu konstruieren. Wirtschaftliches Wachstum heißt die Produktion von mehr Gütern und Dienstleistungen. Dabei müssen wir besser werden, also mit knappen Ressourcen sparsamer umgehen, vor allem aber uns durch einen wirtschaftlichen Umbau von bestehenden Knappheiten lösen. Doch machen wir uns nichts vor: Ein Wachsen der Weltbevölkerung (manche sprechen in diesem Zusammenhang von Explosion) erfordert schlicht und ergreifend die Produktion von z.B. MEHR Nahrung und Energie. Und das müssen wir zukünftig BESSER (siehe oben) können und tun als heute.

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