ZEIT ONLINE: Die deutsche Wiedervereinigung ist teuer: Zwischen 1,3 und 2 Billionen Euro sind seit 1990 von West- nach Ostdeutschland geflossen, schätzen Ökonomen. Damit könnte man die komplette deutsche Staatsschuld ablösen. Jährlich kommen rund 100 Milliarden Euro an Transferzahlungen hinzu. Zugleich sind die öffentlichen Haushalte in Nöten; der Bundestag debattiert gerade über eine Rekord-Neuverschuldung in Höhe von 80 Milliarden Euro. Wie lange hängt der Osten noch am Tropf?

Thomas Lenk: Moment. Die tatsächliche Höhe der Transferzahlungen ist nicht so einfach zu beziffern. Vielleicht stimmt ja die Maximalschätzung, und es sind tatsächlich zwei Billionen Euro nach Ostdeutschland geflossen. Einen Teil davon hat aber der Osten selbst finanziert – die Höhe dieser Eigenleistung ist viel schwerer zu beziffern.

ZEIT ONLINE: Worin besteht die Eigenleistung denn?

Lenk: Zunächst einmal zahlen auch die ostdeutschen Bürger und Unternehmen Steuern, die an den Bund und dann als Transfers wieder zurück in den Osten fließen. Oder nehmen Sie die zusätzliche Nachfrage nach Produkten aus den alten Bundesländern, die im Osten nach der Wiedervereinigung entstand. Durch sie machten die westdeutschen Unternehmen höhere Gewinne, die Steuereinnahmen waren höher, damit stiegen auch die finanziellen Transfers in Richtung Osten. Nicht vergessen werden dürfen auch die Effekte der Binnenwanderung von Ost nach West. Viele junge, hoch qualifizierte Menschen aus Ostdeutschland zahlen nach ihrer Abwanderung im Westen Steuern und Sozialabgaben, auch das könnte man noch der Eigenleistung zurechnen. Eine aktuelle Studie beziffert den Gesamteffekt unter bestimmten Voraussetzungen auf bis zu 75 Prozent der einheitsbedingten Lasten!

ZEIT ONLINE: Viel wichtiger ist doch die Frage, was die Gelder im Osten bewirken. Manche Ökonomen sagen, das Geld aus dem Westen behindert die wirtschaftliche Entwicklung Ostdeutschlands eher, statt sie zu fördern, etwa weil ein Großteil aus Sozialtransfers besteht, die nicht investiert werden, sondern über Konsumausgaben zurück in den Westen oder ins Ausland fließen.

Lenk: In Ostdeutschland ist in den letzten 20 Jahren sehr viel investiert worden. Der Wirtschaftsstandort hat dadurch deutlich an Attraktivität gewonnen, wenngleich sich die Wirtschaftsstrukturen in vielen Bereichen nicht selbst tragen. Die Transferzahlungen dienen aber auch dazu, die im Grundgesetz festgelegte Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse herzustellen. Dies gilt übrigens genauso gut für den Ausgleich des Nord-Süd-Gefälles in Deutschland. Gäbe es keine Ausgleichssysteme, die die massiven wirtschaftlichen Unterschiede zwischen Ost und West ausglichen, wäre das für die politische Stabilität des Landes nicht unkritisch. Ein dauerhaftes Auseinanderdriften der Bundesländer kann sich niemand wünschen. Ein demokratisches Gemeinwesen lebt auch immer von Chancengleichheit.

ZEIT ONLINE: Regionen, denen es schlecht geht, gibt es auch im Westen.