Das atomfreundliche Lager in der Union hat sich offenbar gegen Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU) durchgesetzt. Wie die Süddeutsche Zeitung berichtet, haben sich Umwelt-, Wirtschaftsministerium und Kanzleramt darauf verständigt, Gutachter vier Szenarien für eine Laufzeitverlängerung der deutschen Atomkraftwerke errechnen zu lassen. Diese sollen eine Laufzeitverlängerung um vier, zwölf, 20 und 28 Jahre prüfen. Ursprünglich hatten die Koalitionäre Verlängerungen von fünf, zehn, 15 und 20 Jahren durchrechnen lassen wollen.

Die schwarz-gelbe Koalition hat eine AKW-Laufzeitverlängerung in Aussicht gestellt, um die Zeit zu überbrücken, bis genügend erneuerbare Energie zur Verfügung stehe. Sie arbeitet an einem energiepolitischen Gesamtkonzept, auf dessen Grundlage sie ab Herbst die Entscheidung über die AKW-Laufzeiten treffen will.

Der geltende, noch von Rot-Grün und den AKW-Betreibern ausgehandelte Atomkompromiss sieht Regellaufzeiten von 32 Jahren vor. Nach ihm würde der letzte Reaktor etwa 2022 abgeschaltet. Bei einer Verlängerung um 28 Jahre ergeben sich Gesamtlaufzeiten von 60 Jahren. Das würde bedeuten, dass das letzte Atomkraftwerk ungefähr im Jahr 2050 vom Netz ginge.

Bei den nun festgelegten Szenarien handele es sich "lediglich um vorläufige Berechnungen", sagte Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU) der SZ. "Damit ist noch keine Vorentscheidung getroffen."

Röttgen tritt für eine deutlich knapper bemessene Verlängerung ein. Laut einem Bericht des Handelsblatts erklärte er sich aber bei einem Gespräch mit Kanzleramtsminister Ronald Pofalla (CDU) und Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) bereit, Szenarien für vier, zwölf, 20 und 28 Jahre errechnen zu lassen. Die Unionsfraktion hatte sich zuvor dafür ausgesprochen, auch eine Verlängerung um bis zu 28 Jahre zu erwägen.

Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Jürgen Rüttgers (CDU) forderte im Handelsblatt in der Laufzeit-Frage ein Mitspracherecht der Bundesländer. "Natürlich ist zur Verlängerung der Laufzeiten ein Gesetz notwendig, und dafür ist auch eine Mehrheit im Bundesrat nötig. Die Länder müssen einer Laufzeitverlängerung also zustimmen", sagte er.

Der NRW-Regierungschef, dessen schwarz-gelbe Koalition in Düsseldorf zur Landtagswahl im Mai derzeit keine Mehrheit erwarten kann, stützte den in der CDU umstrittenen Atom-Kurs von Umweltminister Röttgen. Längere Laufzeiten seien nicht einfach nur eine Frage der Gegenleistung durch die Atomkraftwerksbetreiber, sagte er. "Kernenergie hat in Deutschland keine hohe Akzeptanz." Deshalb habe Röttgen Recht, wenn er sage, "dass sich die Entscheidung über die Laufzeitverlängerung aus der Frage der Sicherheit und der Frage des künftigen Energie-Mixes ableiten muss und nicht aus einer Gegenleistung".

SPD-Chef Sigmar Gabriel griff die Regierung im Deutschlandradio Kultur wegen ihrer Atomkraft-Pläne an. Die Koalition müsse "von allen guten Geistern verlassen" sein. Wie man eine Verlängerung auf 60 Jahre für "älteste Schrottmeiler" verantworten könne, sei ihm schleierhaft, sagte der frühere Bundesumweltminister. "Das ist brutaler Lobbyismus. Es geht allein darum, dass ein Betreiber mit einem alten Atomkraftwerk eine Million Euro am Tag verdient." Gabriel verwies auf die immer wieder auftretenden Probleme in Reaktoren wie Krümmel, Biblis und Brunsbüttel und die offene Endlagerfrage.