USA gegen Obama "Entsichert eure Waffen!"

Die Krise beschert den USA eine neue Erfahrung: unversöhnliche politische Lager, militante Proteste auf beiden Seiten. Ist das Land noch regierbar?

Protest gegen die Regierung in Washington und Gesundheitsreform: Eine Angehörige der "Tea Party"-Bewegung, die auch von Sarah Palin unterstützt wird, in Nevada

Protest gegen die Regierung in Washington und Gesundheitsreform: Eine Angehörige der "Tea Party"-Bewegung, die auch von Sarah Palin unterstützt wird, in Nevada

Die Händler auf dem Parkett der New Yorker Börse haben eine neue Art, wie sich gegenseitig begrüßen. Sie schlagen sich jetzt auf die Schultern und sagen "Comrade" zueinander – Genosse. So wie man das früher in den siebziger Jahren unter den Trägern langer Bärte tat. Oder im heutigen Kuba.

Und natürlich meinen die Erzkapitalisten auf dem Börsenparkett die Sache ironisch. Sie finden, dass sie jetzt bald im Sozialismus wohnen oder gar im Kommunismus. Barack Obama und die Demokraten haben ihre Reform der Gesundheitsvorsorge durch den Kongress gepeitscht, die die staatlich erzwungene Versicherungspflicht ausbaut, und das geht vielen Amerikanern viel zu weit. Sie haben das auch nicht an allen Orten des Landes mit Humor genommen.

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Stimmen aus Amerika

Kommt Amerika wieder auf die Beine? Die ZEIT hat überall im Land nachgefragt. Entstanden ist ein großer, mehrteiliger Report zur Lage der Nation, der in der aktuellen Ausgabe (ab Mittwoch am Kiosk) zu lesen ist. Ergänzt wird er durch eine kleine Interview- und Porträt-Serie, in der vielfältige Stimmen aus den USA zu Wort kommen. Eine Auswahl findet sich in der gedruckten ZEIT, die komplette Serie wird in den kommenden Tagen nach und nach exklusiv auf ZEIT ONLINE veröffentlicht.

Eine Welle von Drohungen und sogar Gewalt schwappte von Arizona, Kansas bis New York. Er solle "bluten, Krebs kriegen und sterben", wünschte ein anonymer Protestierer seinem Volksvertretern in Washington – und das war noch eine vergleichsweise harmlose Variante. Einer anderen Abgeordneten flog ein Ziegel durch die Scheibe. Unbekannte versuchten einen Angriff auf das Heim eines weiteren Parlamentariers, beschädigten aufgrund einer Verwechslung allerdings nur den Gasgrill auf der Veranda seines Bruders.

Auch Oppositionspolitiker taten wenig, die Lage zu entschärfen: John Boehner, Parteiführer der Republikaner, nannte Obamas Neuregelung "Armageddon" und Sarah Palin, die Ex-Gouverneurin von Alaska und Gallionsfigur einer neuen Protestbewegung, forderte auf ihrer Internetseite ihre Anhänger auf: "Don´t retreat – reload!" Also nicht zurückweichen, sondern die Waffen nachladen, der Aufruf geschmackvoll illustriert mit Porträts ihrer politischen Gegner und einem Fadenkreuz. Außergewöhnlich selbst für die hysterische Debattenkultur der USA. Die New York Times verglich die Ereignisse gar mit der Kristallnacht.

Was ist bloß mit den Amerikanern los? Die extremen Reaktionen auf Obamas Gesetzesvorhaben drängen die Frage auf: Wie reformfähig ist dieses Land, das von so vielen sozialen und wirtschaftlichen Problemen geplagt ist? Obama trat vor einem Jahr mit einer ambitionierten Agenda an, und er ist im Gegenwind der Öffentlichkeit zurückgewichen. Obama steckt im Reformstau. Eigentlich wollte er um diese Zeit schon weit mehr bewegt haben. Eine neue Energiepolitik geschlossen, die Wall Street diszipliniert, die Immigrantenfrage angegangen. Stattdessen ist es ihm nur ganz knapp gelungen, diese mit vielerlei Kompromissen erkaufte Gesundheitsreform zu schaffen.

Als er sein Amt antrat, lag der Höhepunkt der Finanzklemme nur Wochen zurück und die "Große Rezession" hatte ihren noch nicht erreicht. Getragen von der Euphorie des Wahlsiegs glaubte die neue Regierung, der Zeitpunkt für umfassende Reformen sei gekommen, und zwar für alle auf einmal. Es wäre eine Schande, verkündete Obamas Chefberater im Weißen Haus, Rahm Emanuel, in Interviews, diese Krise ungenutzt zu lassen.

Doch sie unterschätzten, wie verunsichert diese Nation ist. Arbeitslosigkeit auf einem Rekordniveau, Ersparnisse vernichtet, Zigtausende Eigenheime zwangsversteigert. Derartig verwundbar und in ihrer Existenz angegriffen haben sich die sonst so optimistischen Amerikaner zuletzt Anfang der achtziger Jahre gefühlt.
 

 
Leser-Kommentare
  1. Nur weil ein Land die allgemeine Sozialversicherung durch den Staat ablehnt, ist da snoch lange kein Grund wieso es unregierbar sein sollte.
    Obama hat 2 Probleme, 1. er hat sich zuviel vorgenommen, war zu ambitioniert und kommt nun nicht weiter, weil er extremes Gegenfeuer erhält und 2. Hat er nicht mit der Mobilisierungsfähigkeit der Republikaner gerechnet aber es sind nicht nur die republikaner, die USA sind ein zutiefst kapitalistisches Land und ihr Selbstverständnis basiert auf dem amerikanischen Traum, jeder kann was aus sich machen und auch, das jeder für sich selbst verantwortlich ist.
    Wer nicht fleissig arbeitet hat eben keine Gesundheitsvorsorge und die meisten fragen sich nun, wie sie als hart arbeitende Leute dazu kommen mit steuern die anderen zu finanzieren, die selbst nichts verdienen.

    Viele Amerikaner sehen die Gesundheitsvorsorge nicht als hilfe zur Solidargemeinschaft (die in den Köpfen vieler ein zutiefst sozialistisches Konstrukt ist) sondern als Raubzug gegen die arbeitende Bevölkerung zugunsten von Faulenzern.

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    • th
    • 30.03.2010 um 17:18 Uhr

    Obama hat die Mehrheit der abgegebenen Stimmen bekommen, wer das nicht akzeptiert ist kein Demokrat. Und wer seinem schwerkranken Nachbarn nicht die notwendige Behandlung gönnt, der ist kein anständiger Christ - den angeblich so gläubigen stockkonservativen Heuchlern seis ins Stammburch geschrieben. Es ist immerhin beunruhigend, wie populistisch und demagogisch eine ganze politische Oppositionspartei geworden ist.

    Ansonsten: macht was Ihr wollt, solange Ihr friedlich bleibt!

    wenn der Kapitalismus zu Grabe getragen wird.Eingedenk der Tatsache dass die heutige weltweite Kapitalismuskrise die USA am härtesten getroffen hat und dass ausgerechnet das kommunistische China der heimliche Globalisierungsgewinner ist nichts Gutes.Letztendlich muss sich Amerika radikal umdefinieren.

    Zur ersten Antwort : Das mit dem "anständigen Christen" möchte ich hier nicht so stehen lassen, die Pilgrim fathers waren angehörige christlicher Sekten einige davon definierten Gottes wohlgefallen über finanzielles Vermögen und Erfolg. Wenn du reich bist liebt dich Gott wenn du arm bist hasst er dich.

    Zurzweiten Antwort: Meinen sie wirklich das China kommunistisch ist ? China ist eine ganz normale Diktatur die vor dem Volk die rote Fahne schwenkt, aber kommunistisch ist der Staat schon lange nicht mehr.

    • th
    • 30.03.2010 um 17:18 Uhr

    Obama hat die Mehrheit der abgegebenen Stimmen bekommen, wer das nicht akzeptiert ist kein Demokrat. Und wer seinem schwerkranken Nachbarn nicht die notwendige Behandlung gönnt, der ist kein anständiger Christ - den angeblich so gläubigen stockkonservativen Heuchlern seis ins Stammburch geschrieben. Es ist immerhin beunruhigend, wie populistisch und demagogisch eine ganze politische Oppositionspartei geworden ist.

    Ansonsten: macht was Ihr wollt, solange Ihr friedlich bleibt!

    wenn der Kapitalismus zu Grabe getragen wird.Eingedenk der Tatsache dass die heutige weltweite Kapitalismuskrise die USA am härtesten getroffen hat und dass ausgerechnet das kommunistische China der heimliche Globalisierungsgewinner ist nichts Gutes.Letztendlich muss sich Amerika radikal umdefinieren.

    Zur ersten Antwort : Das mit dem "anständigen Christen" möchte ich hier nicht so stehen lassen, die Pilgrim fathers waren angehörige christlicher Sekten einige davon definierten Gottes wohlgefallen über finanzielles Vermögen und Erfolg. Wenn du reich bist liebt dich Gott wenn du arm bist hasst er dich.

    Zurzweiten Antwort: Meinen sie wirklich das China kommunistisch ist ? China ist eine ganz normale Diktatur die vor dem Volk die rote Fahne schwenkt, aber kommunistisch ist der Staat schon lange nicht mehr.

  2. Amerika, du hast es besser
    als unser Kontinent, der alte,
    hast keine verfallenen Schlösser
    und keine Basalte.
    Dich stört nicht im Innern
    zu lebendiger Zeit
    unnützes Erinnern
    und vergeblicher Streit.

    Ich finde, Goethe hat es damit sehr treffend auf den Punkt gebracht. Es hat nach wie vor Gültigkeit.

    In den USA schaut man in die Zukunft, energiegeladen, auch mit beißendem Spott, geht es auf ins Morgen.

    In Europa verharrt man da lieber im Gestern und diskutiert um Kaisers Bart.

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    Ich finde, Sie haben es, inspiriert durch Goethe, sehr treffend auf den Punkt gebracht. In letzter Konsequenz schließen Kapitalismus und Kultur einander aus.
    In den USA schaut man in die Zukunft, energiegeladen, auch mit beißender Frömmelei, ins noch elendere Morgen. Uns Europäern bleiben als Trost zumindest die kulturellen Zeugnisse einer großartigen Vergangenheit.

    Ich finde, Sie haben es, inspiriert durch Goethe, sehr treffend auf den Punkt gebracht. In letzter Konsequenz schließen Kapitalismus und Kultur einander aus.
    In den USA schaut man in die Zukunft, energiegeladen, auch mit beißender Frömmelei, ins noch elendere Morgen. Uns Europäern bleiben als Trost zumindest die kulturellen Zeugnisse einer großartigen Vergangenheit.

  3. ...dass Europa über sie lacht?

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    • rudi07
    • 30.03.2010 um 21:42 Uhr

    dass es den Amis völlig schnuppe ist, ob Europäer lachen, weinen oder dusselige Kommentare schreiben?

    Wissen Europäer überhaupt wie höflich und liebenswürdig sich US-Amerikaner über die Europäer ausdrücken? Ich glaube nein. Meine langjährige Erfahrung: Die Amerikaner haben sich dank unendlicher Höflichkeit und Umsicht zu einem der tolerantesten und damit stärksten und funktionsfähigsten Völker entwickelt. Hassreden wie die Europäer sie gegen sie führen, habe ich noch nie aus einem amerikanischen Mund vernommen. Vielleicht wäre es an der Zeit die "Amis" mit einem Bruchteil humanitärer (und etwas moralischer) Hilfe zu versorgen, den die US-Amerikaner in die Welt vergossen haben. Niemand hat soviele hungernde, arme und bedürftige Menschen unterstützt. Wär an der Zeit mal was zurückzugeben.

    • rudi07
    • 30.03.2010 um 21:42 Uhr

    dass es den Amis völlig schnuppe ist, ob Europäer lachen, weinen oder dusselige Kommentare schreiben?

    Wissen Europäer überhaupt wie höflich und liebenswürdig sich US-Amerikaner über die Europäer ausdrücken? Ich glaube nein. Meine langjährige Erfahrung: Die Amerikaner haben sich dank unendlicher Höflichkeit und Umsicht zu einem der tolerantesten und damit stärksten und funktionsfähigsten Völker entwickelt. Hassreden wie die Europäer sie gegen sie führen, habe ich noch nie aus einem amerikanischen Mund vernommen. Vielleicht wäre es an der Zeit die "Amis" mit einem Bruchteil humanitärer (und etwas moralischer) Hilfe zu versorgen, den die US-Amerikaner in die Welt vergossen haben. Niemand hat soviele hungernde, arme und bedürftige Menschen unterstützt. Wär an der Zeit mal was zurückzugeben.

    • th
    • 30.03.2010 um 17:18 Uhr

    Obama hat die Mehrheit der abgegebenen Stimmen bekommen, wer das nicht akzeptiert ist kein Demokrat. Und wer seinem schwerkranken Nachbarn nicht die notwendige Behandlung gönnt, der ist kein anständiger Christ - den angeblich so gläubigen stockkonservativen Heuchlern seis ins Stammburch geschrieben. Es ist immerhin beunruhigend, wie populistisch und demagogisch eine ganze politische Oppositionspartei geworden ist.

    Ansonsten: macht was Ihr wollt, solange Ihr friedlich bleibt!

    Antwort auf "Keine Sorge"
    • xpol
    • 30.03.2010 um 17:25 Uhr

    ... im europäischen Sinne sind die USA schon immer.

    Mit "Wir sind die Regierung und wissen, was für euch gut ist!" macht man sich dort verdächtig.

    Innenpolitik funktioniert dort von unten:
    Wenn hinreichend viele Wähler zu "ihrem" Wahlkreis-Kandidaten mit einem Anliegen gekommen sind, arbeitet sich das Thema nach oben durch - also erst der Konsens, dann das Gesetz.

    Obama macht das umgekehrt und das dürfte ihn die Wiederwahl kosten.

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    Sehr schön auf den Punkt gebracht! Danke.

    hatte Obama einen Wählerauftrag für "Change" mit einer überwältigenden Mehrheit bekommen.

    Nur weil die "Teabaggers" am lautesten und schrillsten krähen, haben sie noch lange nicht Recht, geschweige denn die Mehrheit- es sind einfach die Stimmen, die sofort auffallen.

    Sehr schön auf den Punkt gebracht! Danke.

    hatte Obama einen Wählerauftrag für "Change" mit einer überwältigenden Mehrheit bekommen.

    Nur weil die "Teabaggers" am lautesten und schrillsten krähen, haben sie noch lange nicht Recht, geschweige denn die Mehrheit- es sind einfach die Stimmen, die sofort auffallen.

  4. Sehr schön auf den Punkt gebracht! Danke.

    Antwort auf "Unregierbar ..."
  5. Dieses Land hat jahrzehntelang Ressourcen auf Kosten seiner und der Nachkommen der Bürger anderer Länder veschwendet.
    Es wird Zeit, dass auch den US-Amerikanern bewußt wird, dass dieses Raubtierverhalten unzivilisert ist.
    Der Reichtum dieses Landes ist u.a. auf den Genozid und den Landraub an bzw. von nahezu einer gesamten Rasse, der indianischen Ureinwohner, aufgebaut.
    Wenn die Repblikaner jetzt so einen Krawall machen, dann deshalb, weil sie merken, dass die Zeiten der Sklavenhalter zu Ende geht. In der ursprünglichen US-Verfassung war aufgeführt, dass jeder verpflichtet war, einen Sklaven dorthin zurückzubringen, wo er entlaufen war. Erst sehr viel später wurde dieser Verfassungsbestandteil aufgehoben. Die Sklavenhaltung wird mit anderen Mitteln fortgesetzt, nämlich durch niedrige Sozialstandards, durch illegale Beschäftigung, durch Sklavenhaltung in anderen Ländern, z.B. Mexiko (Hungerlöhne). DAS ist es, was sich die radikalen Repblikaner um die dummdreist agierende Ex-Gouverneurin Sarah Palin nicht nehmen lassen wollen.

  6. hatte Obama einen Wählerauftrag für "Change" mit einer überwältigenden Mehrheit bekommen.

    Nur weil die "Teabaggers" am lautesten und schrillsten krähen, haben sie noch lange nicht Recht, geschweige denn die Mehrheit- es sind einfach die Stimmen, die sofort auffallen.

    Antwort auf "Unregierbar ..."

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