Icesave-Referendum Island fühlt sich ausgeplündert

Die Isländer stimmen über ein Abkommen ab, das Milliardenzahlungen ans Ausland vorsieht. Sie werden ablehnen - und ihr Land wird doch zahlen.

Schlange vor einem Wahllokal in Reykjavik: Im vergangenen April waren die Isländer zu den Urnen gerufen, um eine neue Regierung zu wählen. Jetzt stimmen sie über die Entschädigung ausländischer Sparer ab

Schlange vor einem Wahllokal in Reykjavik: Im vergangenen April waren die Isländer zu den Urnen gerufen, um eine neue Regierung zu wählen. Jetzt stimmen sie über die Entschädigung ausländischer Sparer ab

In Reykjavík tropft es von den Hausdächern, der Schneematsch auf den Bürgersteigen schmilzt dahin. Doch die Stimmung unter den Einwohnern ist frostig, kurz vor der Volksabstimmung am Samstag. Rund 230.000 Stimmberechtigte sind dann aufgerufen, zu entscheiden, ob Island einem Abkommen mit Großbritannien und den Niederlanden zustimmt, das die Rückzahlung von 3,8 Milliarden Euro an die beiden Nachbarländer vorsieht. Die Ablehnung des Papiers gilt als sicher.

Es geht um die Entschädigung britischer und niederländischer Sparer, die ihr Geld auf isländischen Hochzinskonten mit dem Namen Icesave angelegt hatten. Wegen des Bankenkollapses hatten die isländischen Finanzinstitute Probleme, die Anleger auszuzahlen. Der isländische Bankensicherungsfonds aber – dessen Zuständigkeit in dem Fall umstritten ist – war schon für Entschädigungen auf der Insel selbst geleert worden. Deshalb sprangen die Regierungen von Großbritannien und den Niederlanden ein. Jetzt meinen sie, dass Island ihnen die Auslagen ersetzen müsse.

Anzeige

Ein Großteil der Bevölkerung ist darüber empört. Ohnehin stehen die meisten Isländer der Europäischen Union kritisch gegenüber. Sie sind nicht bereit, in den Verhandlungen allzu viele Kompromisse einzugehen. Die Isländer fühlen sich ausgeplündert: Der umstrittene Vertrag sieht eine Zinsbelastung von 5,5 Prozent über 15 Jahre hinweg vor, die Summe der Schulden macht etwa zwei Drittel des jährlichen Staatshaushalts aus. Rein rechnerisch muss jeder Isländer mehr als 12.000 Euro zurückzahlen.

"Das ist eine Prinzipienfrage, wir müssen zeigen, dass es das Volk ist, bei dem die Macht liegt. Ich werde mit Nein stimmen." Tryggvi Lindahl steht in einem Hauseingang im Stadtzentrum von Reykjavík und schüttelt energisch seinen Regenschirm, als er diese Worte sagt. Der ältere Herr in grauem Mantel leidet unter der Krise weniger als viele seiner Landsleute. Er hat Ersparnisse und auch seine Arbeit im Sozialsektor behalten. Dennoch ist er der Meinung, dass Island sich nicht erpressen lassen dürfe.

Einer Umfrage von Capacent Gallup zufolge wollen 74 Prozent der Stimmberechtigten wie Lindahl am Samstag mit Nein stimmen. Doch obwohl die Leute aufgebracht sind, ist auf den Straßen von Reykjavík nichts von der anstehenden Abstimmung zu sehen: keine Plakate, die zum Urnengang aufrufen, keine Werbestände mit Rednern, die sich für oder gegen das Abkommen aussprechen. Lediglich in den Medien tauchen vereinzelt entsprechende Anzeigen auf. "Am Samstag bekommen die Isländer die einmalige Möglichkeit, die Nationalisierung privater Schulden zu stoppen. Stimmt Nein", heißt es in einer ganzseitigen Annonce.

Inhaltlich ist das nicht ganz richtig: Schließlich hat die isländische Regierung die Rückzahlung der Schulden schon zugesagt. Zwar legte der Präsident sein Veto ein, dennoch geht es jetzt nur noch um die Frage, zu welchen Bedingungen Island die Milliarden zurückzahlen muss.

Islands Krise
Auch das Ausland muss sich an den isländischen Schulden beteiligen, fordert Clemens Bomsdorf im Kommentar. Im Bild: die isländische Hauptstadt Reykjavik

Auch das Ausland muss sich an den isländischen Schulden beteiligen, fordert Clemens Bomsdorf im Kommentar. Im Bild: die isländische Hauptstadt Reykjavik

"Vermutlich sind wir juristisch verpflichtet, das Geld zu zahlen, aber die Niederlande und Großbritannien haben uns wohl drangsaliert. Wir sollten ein besseres Abkommen aushandeln", sagt Johann Bergthorsson. Der 22-Jährige hat im Zuge der Krise seinen Job bei der Landsbanki verloren. Mittlerweile hat er zwar mit Freunden ein IT-Unternehmen gegründet und erzählt im schlichten Konferenzraum des Büros, gleich um die Ecke vom Parlament, stolz von 18.000 iPhone-Applikationen, die schon verkauft worden seien. Doch sein alter Arbeitgeber holt ihn wieder ein, in Form von Schulden, die Bergthorsson gemeinsam mit allen Isländern abtragen soll.

"Wir müssen wie die anderen europäischen Staaten auch einen Teil der Last übernehmen, aber diese muss fairer verteilt werden", sagt der Unternehmer Frosti Sigurjonsson. Der Miteigentümer des Internetunternehmens dohop.com gehört zu jenen, die im Internet 60.000 Unterschriften gesammelt haben und so den Staatspräsidenten Ólafur Ragnar Grimsson dazu brachten, das Kreditgesetz nicht zu unterschreiben. Deshalb soll die Bevölkerung jetzt im Referendum entscheiden, ob es doch in Kraft treten soll.

Das Kuriose: Egal, wie die Volksabstimmung ausgeht, das in den kommenden Wochen folgende Prozedere bleibt das Gleiche. Zwischen Island, Großbritannien und den Niederlanden wird auf jeden Fall weiterverhandelt – so lange, bis eine Lösung gefunden ist, der auch der Staatspräsident zustimmt.

Leser-Kommentare
  1. Ach ja klar, CDU/CSU/FDP/Grüne haben Angst vor den Bürger/innen.

    Könnte ja sein, deutsche Bürger/innen wollen auch ein Wörtchen mitreden, wenn HRE/IKB usw. gerettet werden, damit die Deutsche Bank ihre Kredite nicht abschreiben muss.

    Könnte ja sein, deutsche Bürger/innen wollen auch ein Wörtchen mitreden, wenn Griechenland gerettet wird, damit die Deutsche Bank, die Allianz etc. ihre Kredite nicht abschreiben muss.

    Könnte ja sein, deutsche Bürger/innen wollen auch ein Wörtchen mitreden, wenn es um ARD/ZDF, wenn es um Subventionen, wenn es um Pöstchen, Spenden, Lobbyismus geht.

    Könnte ja sein, die Politiker/innen würden vom Thron geschubst.

    Und das wollen sie nicht.

    Klar.

    Eine Leser-Empfehlung
  2. die auf diese Konten gezahlt wurden? Hat die Bevölkerung oder Wirtschaft Islands davon profitiert oder nur Banken?

    Im ersten Fall sollte vielleicht die Hälfte der Verluste erstattet werden. Die andere Hälfte liefe unter Anlagerisiko und als Verlust für die betroffenen Sparer. Soll ja auch ein Lerneffekt bei rumkommen.
    In letzterem Fall ist es nicht zu verantworten, die Bevölkerung haften zu lassen. Hier sind die Banken und deren Banker (auch mit Privatvermögen) in Haftung zu nehmen. Just simple.

    MfG
    AoM

  3. Bravo, wenn es so kommt, dass die einfachen Fischer auf der Insel sich weigern, für korrupte Spekulanten sichin ewige Knechtschaft schicken zu lassen. Die isländischen Politiker sollten sich schämen, darüber überhaupt nachzudenken.

    Auch in Deutschland und den anderen Ländern sollte zum Generalstreik aufgerufen werden und die Menschen sich weigern, "Steuern" zu bezahlen, die dann den Nichtsnutzigen Bankern die Löcher stopfen, die diese in Ihrer Gier nach eigenem Reichtum hinterlassen haben.

    So geht es einfach nicht. Ich danke den Isländern und auch den Griechen, die auf die Strasse gehen. Die Deutschen sind mal wieder nicht in der Lage, dies zu tun. Sie müssen erst richtig am Ende sein, damit étwas passiert.

    Eine Leser-Empfehlung
  4. ist eigentlich die Prokopfneuverschuldung der Deutschen durch Banken- und Autobranche, wenn man alle "Sondervermögen" einrechnet?

    Sondervermögen - wunderschöner Neusprech.

    Eine Leser-Empfehlung
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    ..die Rettung der...

    • keox
    • 06.03.2010 um 17:35 Uhr

    wäre wirklich eine kleine Anfrage im BT wert.

    ..die Rettung der...

    • keox
    • 06.03.2010 um 17:35 Uhr

    wäre wirklich eine kleine Anfrage im BT wert.

  5. Das was mit dem Neuen Markt ( 100 Milliarden Verlust )und jetzt in der Bankenkriese passiert ist war kein Versehen.
    Unter der Regierung Kohl wurde ein Steuergesetz erlassen, das Veräuserungsgewinne Steuerfrei stellt !!!!!
    Das hat den Heuschrecken ermöglicht rentabel gutgehende Betriebe auszuplündern und zu zerschlagen.
    Die Agenda 2010 der Regierung Schröder brachte weitere Lohnsenkungen mit. Dadurch konnte dem Volk vorgegaukelt werden es müsse privat vorgesorgt werden fürs Alter !!!!
    Wenn ein 30 Jähriger einen Riestervertrag abschließt und die Jährliche Inflationsrate auch nur 2 % betragen würde sieht er sein Geld was die Kaufkraft angeht nie wieder !!!!!
    All diese Dinge passieren nicht aus Versehen, die sind geplant.
    Inteligente Menschen spielen auch nicht Lotto, die Erfolgsaussichten sind gleich Null !!!
    Dass jetzt der Steuerzahler die Zeche bezahlen muss war geplant, sonst wäre es ja kein Geschäft geworden wenn die die das Geld verschoben haben dafür jetzt gerade stehen müssten.
    Ein deutscher Staatsbürger.

    Eine Leser-Empfehlung
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • keox
    • 06.03.2010 um 17:39 Uhr

    Nein, diesmal nicht die Schweizer.

    Lesen Sie einmal das Lambsdorff-Papier. Ja genau, das Papier des einschlägig vorbestraften Ehrenvorsitzenden der FDP, auch Möwenpickpartei oder Kopfgeldbande genannt.

    • keox
    • 06.03.2010 um 17:39 Uhr

    Nein, diesmal nicht die Schweizer.

    Lesen Sie einmal das Lambsdorff-Papier. Ja genau, das Papier des einschlägig vorbestraften Ehrenvorsitzenden der FDP, auch Möwenpickpartei oder Kopfgeldbande genannt.

  6. ..die Rettung der...

    Antwort auf "Wie hoch"
  7. 7. Geduld

    Den Isländern kann nur etwas Geduld empfohlen werden. Die Größenwahnsinnigen der EU haben den Weg für die Beitrittsverhandlungen mit Island schon frei gemacht.

    Etwas Geduld und dann zahlt "Mutti", und damit wir, für Island die Schulden. Europäische Solidarität muss ja sein.

    • Lutz1
    • 06.03.2010 um 13:13 Uhr

    Volksabstimmungen die Isländer zeigen uns Demokratie von unten.In Deutschland wird das Volk rausgehalten. Die da oben Wissen schon warum.
    Ein unglaublicher Vorgang wie unsere Regierung das Volk verkauft hat die meisten erkennen noch nicht was diese 500 Milliarden sozialistische Hilfe für die Zocker bedeuten.
    Das Geldmarktstabilisierungsgesetz ist geheim ebenso die Verteilung des Geldes durch eine geheime Kommission.Diese ist nicht mal dem Parlament auskunftsplichtig.Das ist ein eindeutiger Bruch demokratischer Grungregeln.
    Was brauchen wir noch bis wir auf die Sraße gehen und unsere sich auflösende Demokratie retten bevor es zu spät ist.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service