Diese Notaufnahme hat viel gesehen: Die Überlebenden der Titanic. Die Opfer der Aids-Welle in den Achtzigern. Die Verletzten vom 11. September 2001. Das St. Vincent’s ist eine New Yorker Institution. Der klobige Krankenhausklotz sticht heraus aus all den kleinen Sandsteinhäusern, für die das Greenwich Village berühmt ist. Seit 161 Jahren kümmern sich die Ärzte und Schwestern ganz im Sinne des Bischofs von Brooklyn und den Sisters of Charity, die die Klinik einst gründeten, auch um die Armen unter den Kranken.

Der Mythos aber nützt wenig. 700 Millionen Dollar Schulden hat die Klinik angehäuft – eigentlich ist sie längst pleite. Nur ein Notkredit des ebenfalls klammen Bundesstaats und drastische Lohnkürzungen bei den Krankenschwestern halten den Betrieb am Laufen. Seit Monaten wird mit potenziellen Rettern verhandelt, doch bislang scheiterten alle Gespräche. Ein Krankenhauskette wollte die Klinik übernehmen, halb schließen, die Notaufnahme verkleinern und eine Art Gesundheitszentrum aus dem St. Vincent’s machen – mit Aussicht auf Rendite. Der Vorschlag wurde abgelehnt, steht aber weiter im Raum. Erst seit Sonntag gibt es wieder Hoffnung, das Krankenhaus in seiner aktuellen Form zu erhalten.



Denn seit Sonntag wirkt die Klinik im Gesundheitssystem der Vereinigten Staaten nicht mehr wie von einem anderen Stern. Als 219 Parlamentarier im Kapitol in Washington ihre Hand für die Gesundheitsreform von Barack Obama hoben, schafften sie für Krankenhäuser dieser Art eine neue Perspektive. Schon in drei Monaten wird die Klinik Behandlungskosten, auf die sie bislang sitzen blieb, vom Staat oder einer Versicherung erstattet bekommen. Das ist in fast allen anderen Industriestaaten so üblich, hier aber im Land der unbegrenzten Möglichkeiten ist es eine kleine Revolution.

Sie beten viel im St. Vincent’s in diesen Tagen. Der Gottesdienst am Mittag in der Kapelle ist stets gut besucht. Nonnen mit Pieper in der Hand tuscheln über die neuesten Ereignisse in Washington. "Mein Orden hat das Krankenhaus gegründet, seit 40 Jahren arbeite ich hier", erzählt eine ältere Ordensschwester. "St. Vincent's darf nicht sterben." 60.000 Menschen behandeln die Ärzte in der Notaufnahme des St. Vincent’s im Jahr, 1800 Kinder bringen die Hebammen auf die Welt. 

Auch die Bewohner des Stadtviertels kämpfen. Mit Postern und Plakaten ziehen sie durch die belebten Straßen im Greenwich Village, reden mit Nachbarn und Ladenbesitzern. Kaum ein Café, ein Sushi-Laden oder ein Friseur, wo die gelben Aufkleber nicht im Schaufenstern kleben: "Save St. Vincent’s", rettet das Krankenhaus, steht darauf. Bei Facebook gibt es Unterstützergruppen.