Bundesregierung Wirtschaft drängt Koalition zu konstruktiver Arbeit

Zu viele Kindereien, zu wenig Verlässlichkeit: Kurz vor einem Treffen mit der Kanzlerin machen Wirtschaftsverbände Druck auf die Koalition.

In der Wirtschaft mehrt sich die Kritik an Auftreten und Zustand der schwarz-gelben Koalition. Dort herrscht Streit unter anderem darüber, ob und in welcher Höhe angesichts der angespannten Haushaltslage Steuersenkungen möglich sind. Umweltminister Norbert Röttgen hatte kürzlich für weitere Auseinandersetzungen gesorgt, indem er empfahl, die Laufzeiten für Atomkraftwerke nicht wie vor der Wahl angekündigt zu verlängern. Im Zentrum von Diskussionen steht auch die von der FDP favorisierte Kopfpauschale im Gesundheitssystem, gegen die es besonders aus der CSU Widerstand gibt. In den vergangenen Wochen gab es zudem heftige Auseinandersetzungen über die von Vizekanzler Guido Westerwelle begonnene Diskussion über die Verantwortung des Sozialstaats.

Spitzenvertreter der Wirtschaft fordern die Regenten nun zu konstruktivem Handeln auf: "Die Koalition sollte sich endlich an die Arbeit machen, statt sich mit weiteren Kindereien aufzuhalten", sagte Außenhandelspräsident Anton Börner der Zeitung Die Welt. Die Regierung solle ihre Streitigkeiten beilegen und mit den im Koalitionsvertrag angekündigten Reformen ernst machen, forderte der Chef des Bundesverbands Großhandel, Außenhandel, Dienstleistungen.

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Auch der Präsident der Familienunternehmer (ASU), Patrick Adenauer, kritisierte den Streit in der Koalition. "Kaum entwickelt ein Regierungsmitglied einen eigenen Gedanken, wird das in der Koalition niedergemacht. So kann man weder der Bevölkerung noch in der Wirtschaft Verlässlichkeit vermitteln", bemängelte er.

Damit schlossen sie sich der Kritik des Bundesverbands der Deutschen Industrie an. Dessen Präsident Hans-Peter Keitel hatte der Regierung Orientierungslosigkeit vorgeworfen und als Beispiel die Debatte über Hilfen für Langzeitarbeitslose genannt, die fahrlässig aus wahltaktischen Motiven losgetreten worden sei. Die Regierung wisse selbst, "dass sie an verschiedenen Stellen nicht optimal agiert, und zwar fahrlässig, denn bei ausreichender Ernsthaftigkeit könnte es besser laufen". Die Wirtschaftsverbände treffen am Freitag in München Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) zu einem Spitzengespräch. Einen "Mangel an Ernsthaftigkeit" machte Keitel auch in der Steuer-, Klima- und Gesundheitspolitik aus.

in der Union haben die Angriffe der Wirtschhaftsgrößen Unwillen ausgelöst. Unionsfraktionsvize Michael Fuchs (CDU) sagte der Welt: "Die Kritik aus der Wirtschaft ärgert mich gewaltig." Zwar sei sie in Teilen berechtigt. So sei es dringend nötig, dass die Koalition strittige Fragen künftig ruhig berate, statt ständig aufeinander einzuprügeln. Doch der Wirtschaftspolitiker äußerte auch Unverständnis: Einerseits würden die Verbände nach Reformen und Sparmaßnahmen rufen. "Andererseits waren die Unternehmen noch nie so eifrig wie heute dabei, Subventionen zu fordern." Als Beispiel nannte er die Forderung der Wirtschaft, die Kurzarbeitergeld-Regelung weiter zu verlängern. Auch aus der CSU kam Protest. "Er sollte sich überlegen, ob ein solcher Generalangriff sinnvoll ist", rügte Mittelstandspolitiker Hans Michelbach BDI-Chef Keitel in der Passauer Neuen Presse.

Vorerst sieht es nicht nach einem schnellen Ende der koalitionsinternen Uneinigkeit aus. Der Streit zwischen der CSU-geführten bayerischen Landesregierung und der CSU-Landesgruppe im Bundestag geht unvermindert weiter. Der CSU-Bundestagsabgeordnete Max Straubinger verwahrte sich gegen die Angriffe von Bayerns Gesundheitsminister Markus Söder auf die schwarz-gelbe Koalition in Berlin. Das Erscheinungsbild der Koalition leide durch "die ständigen Einlassungen des Gesundheitsministers aus Bayern", sagte er der Passauer Neuen Presse. Man könne nicht ständig Streit mit der FDP führen. "Wir werden im Wahlkreis immer wieder gefragt: Wollt Ihr diese Koalition eigentlich noch?"

Söder hatte am Wochenende für Unmut gesorgt, als er im Streit um die Gesundheitsprämie den Koalitionsvertrag infrage stellte. Er hatte die von der FDP geforderte Kopfpauschale mit gleichem Beitragssatz für alle Versicherten unabhängig vom Einkommen für nicht finanzierbar erklärt und die Liberalen aufgefordert, das Vorhaben zu den Akten zu legen. Sein Parteifreund Straubinger kritisierte jetzt: "Söder sagt immer, was nicht geht, aber er sagt nie, was geht."

Auch FDP-Chef Guido Westerwelle steht wegen seiner Äußerungen über die Bezieher von Hartz-IV-Leistungen parteiintern in der Kritik. Der frühere Parteivorsitzende Wolfgang Gerhardt sagte der Rheinischen Post: "Der Schlagabtausch muss beendet werden. Jetzt geht es um das Konzept." Zu der besonders kritisierten Wortwahl Westerwelles sagte Gerhardt: "Jeder hat seine Wortwahl. Ich wähle die Worte, die ich wähle."

 
Leser-Kommentare
  1. Die Wirtschaft macht Druck auf die Kanzlerin, die eben noch soviel Lob für ihren moderierenden Führungsstil erhielt, endlich tätig zu werden und das Heft des Handelns wieder in die Hand zu nehmen.

    Zwei Randbemerkungen hierzu:

    Erstaunlich ist, wie sich die Wirkung dieser Kanzlerin in der Wahrnehmung von außen zwischenzeitlich änderte, ohne daß die Kanzlerin an ihrem Handeln und Tun offensichtlich etwas geändert hat. Wurde sie noch in der großen Koalition für ihre eher präsidiale Art nahezu gerühmt, über dem Parteigezänk schwebend, lenkend eingreifend, sich nicht auf tagespolitische Widrigkeiten einlassend, ist es gerade genau dieses Verhalten jetzt, was an ihr kritisiert wird. Geändert hat sich weder an den Umständen, noch am Führungsstil etwas. Man muß sich vielmehr grundsätzlich die Frage stellen, ob diese Kanzlerin führen kann und über den notwendigen Mut hierzu verfügt.

    Zum zweiten ist es schon bemerkenswert, daß diese Kritik so massiv aus der Wirtschaft vorgetragen wird. Dies zeigt nämlich die Verschiebung des Gefüges und der Machtverteilung:
    Nicht der Souverän selbst, das Volk, ist es, der die offensichtliche Lähmung seiner Regierung kritisiert, die Untätigkeit, Reformangst und kleinliche Zankerei anprangert, sondern die mächtigste Interessengruppe. Hier wird deutlich, daß wir weniger in einer Demokratie als vielmehr einer Oligarchie leben, deren Köpfe weniger auf das Wort des verfassungsmäßigen Auftraggeber als vielmehr der finanzkräftigste Klientel lauschen.

  2. Schwarzgelb hat leider kein Konzept,aber die Wirtschaft wird
    schon eins liegen haben in der Schublade.Die Regierung geht
    sicher drauf ein,mit der Drohung Arbeitsplatzabbau stellt
    man jeden Politiker ruhig.Bevor der Sozialstaat umgebaut
    werden kann nach Konzepten der Wirtschaft muss noch schnell
    Griechenland gerettet werden,aber erst nach der NRW-Wahl oder bei akuter Gefahr für die deutschen Banken und Wirt-
    schaft wieder mal als Alternativlos hinstellen.Denn nur mit
    China alleine kann man nicht Vizeweltmeister im Export blei-
    ben und dazu kommt noch der Verlust bei den Banken durch die
    Kreditausfälle in der Griechenlandkrise.

  3. Eigentlich müßte Mensch Frau Merkel für ihr Lavieren herzlich danken. Deutlicher als je steht klar im Raum, daß nicht genau dieser Mensch im Blickpunkt der Politik steht, wie es das Grundgesetz befiehlt, sondern die Macht des Geldes! - Hallöchen, Industrie und Schwerindustrie, geht's nicht auch anders? -

    • lepkeb
    • 03.03.2010 um 11:59 Uhr

    Schließlich hat man genug Geld in die einzelnen Politiker und Parteien investiert und möchte jetzt den Return dafür haben.
    Dies ist natürlich momentan etwas kurzsichtig, aber der Industriekomplex hat auch nicht die Wahlen in NRW auf dem Schirm.
    Aber die dt. Politikschauspieler wissen, dass der Holzhammer erst nach den Wahlen herausgeholtwerden kann, da sonst ein rot-rot-grüner "Albtraum" aufziehen wird.
    Dafür wird man sich, nach den Wahlen um so mehr bei seinen Herren bedanken.
    Manchmal ist es schon traurig, wo es mit dem Land der Dichter und Denker hingekommen ist.

  4. ein merkwürdiges Staatsverständnis unterstellt. Dass er so eines hat ist doch kein Wunder bei den Vorbildern in der Bundesregierung. Was A.M., G.W. und H.S. plus jewiligem Hofstaat treiben ist Parteipolitik und nicht Republikpolitik. Es sind Kleinkinder, die sich um Sandkasten und Förmchen streiten.

    Mutti gehört das GG, insbesondere Artikel 65 um die Ohren gehauen, bis sie ihrer Verpflichtung als Bundeskanzler nachkommt. Der Koalitionsvertrag ist hier zweitrangig.
    Und wenn sich 60 Millionen Bundesbürger gegenseitig abwechseln, dann kann man ziemlich lange um die Ohren hauen.
    Die Schreihälse Seehofer und Westerwelle gehören übers Knie gelegt und nach guter alter Tradition mit dem Gürtel der Allerwerteste malträtiert, bis sie wirklich einen Grund haben zu heulen und sich reumütig zeigen. Ihre Bettvorleger Lindner und Dobrindt gehören über die Wäscheleine gehängt und mit dem Teppichklopfer der Egomanenstaub rausgeklopft.

    Es wäre besser gewesen, sie hätten im Ring, mit Boxhandschuhen, den Koalitionsvertrag ausgehandelt.

    MfG
    AoM

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Hickey
    • 03.03.2010 um 12:39 Uhr

    Die Parteien sollten doch bitte gleich freiwillig zurücktreten.

    Politik in dieser Liga kann jeder Hauptschüler machen.

    Bitte tretet zurück ihr unfähiges Politiker-Volk.

    • Hickey
    • 03.03.2010 um 12:39 Uhr

    Die Parteien sollten doch bitte gleich freiwillig zurücktreten.

    Politik in dieser Liga kann jeder Hauptschüler machen.

    Bitte tretet zurück ihr unfähiges Politiker-Volk.

  5. Die CDU/CSU als beste SPD seit langen Zeiten passt einfach nicht zur FDP. Aber das "Trio infernale" wollte ja unbedingt an die Macht. Nun üben sie gemeinsames Regieren mit konträren Vorstellungen - Demokratie im Parteienland hat schon ihre Tücken.

    • Hickey
    • 03.03.2010 um 12:39 Uhr

    Die Parteien sollten doch bitte gleich freiwillig zurücktreten.

    Politik in dieser Liga kann jeder Hauptschüler machen.

    Bitte tretet zurück ihr unfähiges Politiker-Volk.

  6. ... nach der "guten alten Zeit" der großen Koalition zurück.
    Die haben zwar selten etwas gemacht mit dem ich zufrieden war, aber gemacht haben sie was.

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