Handelskommissar De Gucht "Wir wollen nicht jeden iPod überwachen"
Seite 3/3:

"Das war kein fair play"

ZEIT ONLINE: In Kamerun ist mancher landwirtschaftliche Betrieb unter dem Preisdruck kollabiert.

De Gucht: Ich kenne die Situation in Kamerun nicht, aber noch mal: Unsere Exportsubventionen sind von der Welthandelsorganisation momentan genehmigt. Das größte Problem in Afrika ist allerdings ein funktionierender Markt innerhalb des Kontinents. Der fehlt dort wirklich. Die Süd-Süd-Dimension ist wichtiger als der Nord-Südkonflikt.

Anzeige

ZEIT ONLINE: Zuletzt hatte man eher das Gefühl, auch im Norden würde ein Konflikt entstehen. Ein Protektionismus-Wettlauf zwischen den Vereinigten Staaten und der EU zeichnete sich ab…

De Gucht: Vor protektionistischen Bestrebungen sollten Sie sich immer hüten. In dieser Wirtschaftskrise war der Protektionismus noch überschaubar, nur zwei bis drei Prozent der Handelsflüsse waren davon betroffen.

ZEIT ONLINE: Der Flugzeughersteller Airbus hat aber vergangenen Monat ein Angebot über einen 35-Milliarden-Dollar-Auftrag mit der Begründung verweigert, der Auftrag sei nur auf den US-Rivalen Boeing zugeschnitten gewesen. War das kein Protektionismus?

De Gucht: Das war kein Fair play. Es scheint, dass da die üblichen Regeln nicht beachtet wurden. Der Export an Verteidigungsgütern aus den Vereinigten Staaten nach Europa ist übrigens doppelt so groß wie umgekehrt.

ZEIT ONLINE: Wie werden Sie darauf antworten?

De Gucht: Ich habe schon gesagt, dass das ein sehr schlechtes Zeichen war. Wenn ein wesentlicher Wettbewerber nicht die Chance erhält, ein faires Angebot zu unterbreiten, dann ist das schon sehr bedauerlich.

ZEIT ONLINE: Wie wäre es denn mit einem Kauft-nur-Europäisch-Gesetz?

De Gucht: Protektionismus ist sehr gefährlich, damit können wir kurzfristig vielleicht ein paar Arbeitsplätze sichern, aber ein solches Verhalten sollten wir nicht kopieren.

Die Fragen stellte Claas Tatje.

 
Leser-Kommentare
    • angsti
    • 14.04.2010 um 11:04 Uhr

    Ist denn jmd. als Handelskommisar für die EU wirklich der geeignete Mann, wenn er nicht mal die Auswirkungen seines Handelns auf Entwicklungsländer (Bsp. Kamerun) kennt? Das lernen Kinder doch heutzutage schon in der Schule..

  1. In einem hat der Kommissar recht, Urheberrechtsverletzungen sind nicht hinnehmbar.
    Allerdings ist das auch nicht das Problem, vermutlich nicht mal der Grund, warum geheim verhandelt wird.
    Entscheidend ist, was alles unter das Urheberrecht fällt. Was heute alles "Rechte" beinhaltet, da wird einem schlecht (Orwell lässt Grüßen).
    Das Thema "Geistiges Eigentum" wird zum Problemfall, ebenso der Anspruch von Architekten auf "Werktreue", den man grundsätzlich ausschließen sollte.
    Als öffentlicher Auftraggeber sollte es mindestens eine gesetzliche Pflicht geben, das Architekten auf jegliche Rechte diesbezüglich zu verzichten haben, um die staatliche Handlungsfreiheit nicht von selbsternannten Künstlern abhängig zu machen.
    Weiterhin sollten keine Rechte an geistigen Eigentum vererbbar sein und nur einen beschränkten Zeitraum, vielleicht 5 - 50 Jahre gelten, je nach Art.

    Es würde mich aber überraschen, wenn die geheimen Verhandlungen diesbezüglich keine Fakten schaffen würden, auf die man sich bei einer anderen Diskussion hinsichtlich des Urheberrechts berufen würde.

    H.

  2. Als wenn es für diesen Vorwand nicht schon genug schlechte Beispiele in der Geschichte gäbe ...

    Welche Art von Vertrauen soll sich denn zu einer Institution wie der EU entwickeln, wenn Abkommen zum Urheberrecht, also mitnichten eines, welches nationale Sicherheiten angeht, im Geheimen verhandelt werden?
    Auch sind die Beweggründe sicherlich zahlreich, aber doch mit hoher Wahrscheinlichkeit fern von all dem, was man auf Nachfrage dann phrasenhaft vermittelt.
    In welchem Interesse handeln diese Volksvertreter also, wenn sie gerade in diesem Falle mit so viel Bedacht vorgehen müssen? In dem des gemeinen Bürgers sicherlich nicht, denn dann könnte man sich Transparenz ja leisten.

    Der Bürger aber ist darauf angewiesen, auf "geleakte" Dokumente zu hoffen, um zumindest im Vorfeld einer neuen Verbindlichkeit zu erfahren, was ihm da blüht.
    Diese Dokumente gibt es, doch fragt man sich auch, ob dieses Paradoxon aus Geheimhaltung (anderes Wort für "Vertraulichkeit" im politischen Sinne) und dann Hakertum nicht schon deutlich genug aufzeigt, wie grotesk das Ganze anmutet? "Schutz" (wessen Schutz) auf der einen und Informationsvorbehalt dazu auf der anderen Seite?

    Statt Bewusstsein zu schaffen und Produkte in Qualität und Preis näher an den Verbraucher zu bringen, bedient man sich mal wieder eines Strafenkataloges.
    Abmahnwellen sind jetzt schon lukratives Geschäftsfeld weniger, hier scheint kein Interesse zu bestehen, Klarheiten zu schaffen. Ein Schelm, wer ...

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Oder, wie es schon die Kinder zu sagen pflegen: "Wer flüstert, der lügt!".

    • Krisse
    • 14.04.2010 um 12:52 Uhr

    "In welchem Interesse handeln diese Volksvertreter also, wenn..."

    EU-Kommissare sind leider keine Volksvertreter. Ihre Aufgabe ist es sich um Interessen der EU zu emühen. Das Volk wird direkt durch das Parlament und indirekt durch die Staatschefs vertreten. Leider bedeutete dies praktisch allzuhäufig, dass die einzige Instanz, die tatsächlich im Interesse der EU-Bürger handelt, das Parlament ist, welches allerdings durch beschränkte Kompetenzen schön an der Kandare gehalten wird.

    "Ein Schelm, wer ..."

    genau so ist es.

    Oder, wie es schon die Kinder zu sagen pflegen: "Wer flüstert, der lügt!".

    • Krisse
    • 14.04.2010 um 12:52 Uhr

    "In welchem Interesse handeln diese Volksvertreter also, wenn..."

    EU-Kommissare sind leider keine Volksvertreter. Ihre Aufgabe ist es sich um Interessen der EU zu emühen. Das Volk wird direkt durch das Parlament und indirekt durch die Staatschefs vertreten. Leider bedeutete dies praktisch allzuhäufig, dass die einzige Instanz, die tatsächlich im Interesse der EU-Bürger handelt, das Parlament ist, welches allerdings durch beschränkte Kompetenzen schön an der Kandare gehalten wird.

    "Ein Schelm, wer ..."

    genau so ist es.

  3. Oder, wie es schon die Kinder zu sagen pflegen: "Wer flüstert, der lügt!".

  4. Wer in Zeiten des Zwischennetzes noch an Relikte wie das sogenannte Urheberrecht glaubt, dem ist auch nicht zu helfen. Erst gab es Leercassetten, dann CD-Brenner und nun können Daten schnell und bequem mit anderen geteilt werden. Anstatt über die entgangenen Gewinne zu jammern, sollte sich die Industrie lieber an die heutige Zeit anpassen und neue Wege gehen. Das Urheberrecht ist kein Naturgesetz.

  5. "Es geht nicht um die Frage, was Urheberrechte sind. Was das Parlament auch bedenken sollte, ist, dass der Schutz der Eigentumsrechte wichtig ist – für die Europäische Union, die gern Innovationsführer in der Welt wäre. Es gibt auch überhaupt keinen Grund, Urheberrechtsverletzungen im Internet weniger scharf zu bestrafen als bei anderen Produkten."

    Die Angst um Doha und die Probleme mit China und den Entwicklungsländern schwangen aber deutlich mit – besonders am Ende seiner zweiten Rede.

    Nach 4 Minuten in den Aufzeichnungen geht es mit ACTA los; nach ca. 20 Minuten spricht/liest de Gucht erstmals, eine zweite Antwort auf viele recht deutliche Parlamentarier erfolgt nach einer Stunde:

    EP ACTA de Gucht, deutsch, MP4, 244MB

    EP ACTA de Gucht, Englisch-sinnvoller, MP4, 244MB

    • Krisse
    • 14.04.2010 um 12:52 Uhr

    "In welchem Interesse handeln diese Volksvertreter also, wenn..."

    EU-Kommissare sind leider keine Volksvertreter. Ihre Aufgabe ist es sich um Interessen der EU zu emühen. Das Volk wird direkt durch das Parlament und indirekt durch die Staatschefs vertreten. Leider bedeutete dies praktisch allzuhäufig, dass die einzige Instanz, die tatsächlich im Interesse der EU-Bürger handelt, das Parlament ist, welches allerdings durch beschränkte Kompetenzen schön an der Kandare gehalten wird.

    "Ein Schelm, wer ..."

    genau so ist es.

  6. ...erinnert mich Urheberrecht an die klassischen Wegelagerer.

    Sie wissen schon! die haben Ihnen nämlich das "Recht" verkauft "Ihre" Strasse überqueren zu dürfen. Natürlich konnten Sie versuchen ohne zu bezahlen über die Strasse zu gehen aber dann mussten Sie mit dem berühmten "Three Strikes" Gesetz rechnen. Eine in Bauch, Eine auf die Schnauze und eine auf den Schädel.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service