Markt und FreiheitBegrenzen wir den Wettbewerb!

Die freie Marktwirtschaft werde grandios missverstanden, meint der Wirtschaftsethiker Thielemann. Denn der Wettbewerb zwinge jedem ein marktkonformes Leben auf. von Ulrich Thielemann

Inbegriff des freien Marktes: die New Yorker Wertpapierbörse

Inbegriff des freien Marktes: die New Yorker Wertpapierbörse  |  © Michael Nagle/Getty Images

Der Markt trägt ein Freiheitsversprechen in sich. Es ist die Freiheit zum Kaufen und Verkaufen – von was auch immer: Autos, Häuser, Kühlschränke, Unternehmen, die eigene Arbeitskraft oder diejenige anderer. Mehr Markt heiße mehr Freiheit. Und staatliche Regulierung sei immer Zwang, jedenfalls sobald der Staat mehr tut, als Eigentum zu schützen und die Vertragsfreiheit zu garantieren. Dies ist die populistische Botschaft der Libertären. Selbst Peter Sloterdijk, ein Philosoph, der sich als "Meisterdenker" feiern lässt, sieht in Steuern nichts als Zwang und will sie folglich durch Spenden ersetzt wissen. Offenbar hat er den modernen, liberalen Rechtsstaat nicht verstanden.

"Freiheit" ist ein normativer, ethischer Begriff: Sie soll herrschen. Doch ist der Begriff zweideutig. Ist die Freiheit der "Täter" oder die der "Opfer" gemeint? Die der Handelnden oder der Behandelten? Die der Mächtigen und Machthungrigen oder die Freiheit aller? Unzweideutig herrscht im "freien" Markt die Freiheit der Täter, die Freiheit der Marktmächtigen, der Zahlungskräftigen und Produktiven. Wer nicht in ausreichendem Maße zahlungskräftig ist, der kommt nicht in den Genuss der angebotenen Produkte, auch wenn sein Magen knurrt. Und wer nicht ausreichend produktiv ist, wird entlassen. 

Anzeige
Ulrich Thielemann
Ulrich Thielemann

Ulrich Thielemann, 1961 in Remscheid geboren, ist stellvertretender Direktor des Instituts für Wirtschaftsethik der Universität St. Gallen (Schweiz). Ende 2008 schloss er sein Habilitationsmanuskript "Wettbewerb als Gerechtigkeitskonzept" ab. 2009 erschien sein Buch "System Error: Warum der freie Markt zur Unfreiheit führt".

Libertäre, die Freiheit bloß negativ und ethisch krude als Abwesenheit der physischen Einwirkung auf andere verstehen, sehen darin gar kein Problem. Niemand zwinge ja – gemeint ist: physisch – den Anderen zum Kaufen oder Verkaufen. Wer seinen Job nicht mag, weil die 4,75 Euro Stundenlohn kaum zum Leben reichen, das Arbeitsklima unerträglich, die Arbeit hektisch und der Druck hoch ist, der müsse die Stelle ja nicht behalten, argumentieren sie. Niemand werde in einer "freien" Marktwirtschaft davon abgehalten, sich einen besseren Job zu suchen. Er müsse nur die sich bietenden Chancen ergreifen, sich weiterbilden, in sein "Humankapital" investieren und sich die gerade gefragten Fähigkeiten aneignen.

Moment: Man "muss" Chancen ergreifen? Gibt es da vielleicht doch einen Zwang? Erstaunlicherweise reden ja gerade diejenigen, die den Markt als Inbegriff der Freiheit feiern, ständig vom Zwang und vom Müssen. Wer etwa meine, so der deutsche Sachzwang-Papst Hans-Werner Sinn, dass jeder von seiner Hände Arbeit leben können solle – womit anständig leben gemeint sein müsste, – der verwechsle Wunsch und Wirklichkeit. "Die Entrüstung über die Gesetze des Kapitalismus ist müßig. Auch wenn diese Entrüstung die Fallgesetze beträfe, hätte Gott dafür nur ein müdes Lächeln übrig", sagt Sinn. 

Markt und Freiheit

Wie frei soll eine Marktwirtschaft sein, ab welchem Punkt ist staatliche Intervention Zwang und damit Unfreiheit? Über das Spannungsverhältnis von Freiheit, Markt und staatlicher Intervention schreiben in Gastbeiträgen für ZEIT ONLINE der Wirtschaftsethiker Ulrich Thielemann von der Universität St. Gallen, der Wettbewerbstheoretiker Carl Christian von Weizsäcker und Uwe Jean Heuser, Leiter der Wirtschaftsredaktion der ZEIT. Hier können Sie an der Debatte teilnehmen.

Vermutlich hat aber weniger der liebe Gott für jede Abweichung von den "Marktgesetzen... nur ein müdes Lächeln" übrig, als vielmehr das Kapital und seine Zudiener. Sie werden mit üppigen Boni belohnt, wenn sie den Druck auf Belegschaften, Zulieferer oder ganze Staaten noch etwas erhöhen, um so die Gewinne noch weiter zu steigern. 


Die Rede von der "freien Marktwirtschaft" war offenbar ein grandioses Missverständnis. Das hängt systematisch damit zusammen, dass die Freiheit zum Kaufen und Verkaufen ohne Wettbewerb nicht zu haben ist. Die Ausübung der Marktfreiheit erhöht zugleich den Wettbewerbsdruck. Wettbewerb ist Zwang, und zwar letztlich der Zwang, ein marktkonformes Leben führen zu müssen. Er greift ins Allerpersönlichste ein: etwa in die Bildung, die ja angeblich immer wichtiger wird. Wichtig wofür? Natürlich für die Wettbewerbsfähigkeit jedes Einzelnen im zum Standort degradierten Gemeinwesen. Natürlich ist Bildung aus dieser Perspektive konsequent als Humankapitalbildung zu betreiben. Je früher man damit beginnt, desto besser. Schulen und Kindergärten, die Universitäten ohnehin, werden so zu Arenen des Wettbewerbskampfes und des vorauseilenden Marktgehorsams. Früh übt sich, was ein Lebensunternehmer werden will – und werden muss.

  • Artikel Auf einer Seite lesen
  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Hans-Werner Sinn | Adam Smith | Arbeitsklima | Peter Sloterdijk
Service