John Paulson ist US-amerikanischer Hedge-Fonds Manager © Reuters

Als die Welt in den Abgrund blickte, stieg ein Mann auf in den Olymp der Wall Street. Gestatten, John Paulson , einer der größten Gewinner der Finanzkrise. Bejubelt wurde er für seine Weitsicht, gelobt für seine analytische Brillanz. Wie nur wenige hat der Fondsmanager den Zusammenbruch des US-Häusermarkts vorhergesagt. Und nicht nur das, Paulson hat sogar darauf gewettet – und spektakulär gewonnen.

Wie kein anderer hat sein Hedgefonds in der Krise verdient. Als in den heißen Wochen des Herbstes 2007 von der Großbank bis zum Kleinsparer fast alle Geld verloren, da hat er Kasse gemacht. Und wie. Rund 15 Milliarden Dollar soll "Paulson & Co" im Krisenjahr gescheffelt haben – 3,7 Milliarden davon strich der Chef persönlich ein, so viel wie kein anderer. Seitdem wird der Spekulant von vielen in einem Atemzug mit Warren Buffett und George Soros , den Superstars der Finanzwelt, genannt.  

Doch kaum errichtet, wackelt das Denkmal. Seit Freitagabend steht Paulson im Zentrum des Sturms, der die berühmt-berüchtigte Investmentbank Goldman Sachs erfasst hat. Kurz vor Börsenschluss in Europa ließen die US-Ermittler eine Bombe platzen, die die Finanzwelt rund um den Globus erschüttert: Die Aufsichtsbehörde SEC erhebt offiziell Anklage gegen Goldman Sachs.

Der Vorwurf wiegt schwer: Anlegerbetrug in großem Stil mit einem von Anfang an zum Scheitern verurteilten Finanzmarktprodukt. Unter den mutmaßlichen Opfern ist auch die deutsche Mittelstandsbank IKB, die 2007 kurz vor dem Bankrott stand. Die Kreditanstalt für Wiederaufbau, also der Steuerzahler, sprang schließlich ein und übernahm die Bank. Kostenpunkt: mehr als acht Milliarden Euro.

Jetzt könnte also das juristische Nachspiel folgen, auf das viele Bürger rund um den Globus gewartet haben. Erstmals muss sich eine Bank für ihr Verhalten vor dem Ausbruch der  Finanzkrise juristisch rechtfertigen. "Das Produkt, um das es geht, war neu und komplex", sagt SEC-Chefermittler Robert Khuzami, "aber der Betrug ist alt und simpel." Für jenes Finanzmarktprodukt mit dem kryptischen Namen Abacus 2007-AC1 warb Goldman Sachs bei seinen Kunden. Abacus fasste verschiedene auf US-Hypotheken basierende Wertpapiere zusammen.

Wer wie die IKB von einem anhaltenden Boom des US-Immobilienmarkts überzeugt war, investierte in Abacus. Denn die von Abacus zusammengefassten Papiere würden in dem Fall an Wert gewinnen. Dass es anders kam, ist bekannt: Nur neun Monate, nachdem Abacus im April 2007 gestartet war, hatten 99 Prozent der zugrunde liegenden Hypotheken an Wert verloren. Die Ratingagenturen schauten in dieser Zeit nach, wer eigentlich die vielen Kredite zum Kauf eines Hauses bekommen hat und stellten dabei fest, dass viele Schuldner ihre Darlehen wohl kaum komplett zurückzahlen können. Die Blase am Häusermarkt war geplatzt, es war das Ende der immer weiter steigenden Immobilienpreise.

Bis hierhin ist nichts kriminell. Niemand zwang die IKB und die anderen Anleger in diese spekulativen Papiere zu investieren. Doch laut SEC hat Goldman Sachs den Investoren die alles entscheidende Information vorenthalten. Denn nicht die Goldmänner selbst haben die Hypothekenpapiere, auf denen Abacus basierte, ausgesucht. Das hat jemand anderes erledigt: John Paulson. Jener Mann also, der von Anfang auf einen Zusammenbruch des Häusermarkts setzte – also das Gegenteil von dem, was die Abacus-Anleger taten.

Man hat den Investoren versichert, dass diese Kreditprodukte von einer unabhängigen dritten Partei ausgewählt worden sind.
SEC-Ermittler Robert Khuzami

Der Logik der SEC-Anklage folgend hat Paulson das ganze Paket so zusammengeschnürt, dass es von Anfang besonders viele faule Hypotheken enthielt. Schließlich wettete er auf einen Wertverlust. Das ist ungefähr so, als würde bei der Nationalmannschaft der Trainer der gegnerischen Mannschaft die Aufstellung festlegen. Paulson hat Goldman Sachs 15 Millionen Dollar dafür gezahlt, dass sein Hedgefonds dieses Produkt konstruieren durfte.

Paulsons Wetten gegen Abacus funktionierte so: Paulson kaufte eine Art Ausfallversicherung für Kredite, die für den Kauf von Häusern aufgenommen waren. Platzte ein Kredit, kassierte Paulson die Prämie, ohne etwas mit dem eigentlichen Kredit zu tun zu haben. Ähnlich jemandem, der eine Brandschutzversicherung für das Haus seines Nachbarn aufnimmt – brennt es, kassiert er. Der IKB dagegen ging leer aus, als die Papiere an Wert verloren.

Die deutsche Bank hatte der SEC zufolge 150 Millionen Dollar in Abacus angelegt und verlor fast alles davon. Hätte die Bank von Paulsons Rolle gewusst, hätte sie gar nicht erst investiert, meint die US-Börsenaufsicht. "Man hat den Investoren versichert, dass diese Kreditprodukte von einer unabhängigen dritten Partei ausgewählt worden sind", sagt SEC-Ermittler Khuzami.