Thielemann karikiert das Denken, das Marktwirtschaft als freiheitsfördernd ansieht. Gegen diesen Pappkameraden schießt er dann seine rhetorischen Pfeile. Im Kern aber, so meine ich, bleibt die These richtig: nur die wettbewerbliche Marktwirtschaft schafft persönliche Freiheit. Der Wettbewerb ist Zwang, wie Thielemann, Max Weber zitierend, richtig bemerkt.

Zugleich ist er aber genau dadurch Voraussetzung für Freiheit. Dies wird von Thielemann offenbar nicht verstanden. Der Wettbewerb ist das Zwangssystem, das den Produzenten befiehlt, diejenigen Güter zu produzieren, die die Konsumenten im Rahmen ihres Budgets und bei kostendeckenden Preisen zu verbrauchen wünschen. Die Wahlfreiheit des Konsumenten gäbe es nicht, wenn es den Wettbewerb unter den Produzenten nicht gäbe. 

Und es ist der Zwang des Wettbewerbs, der die Unternehmer veranlasst, Innovationen auf den Markt zu bringen, um so diesen Zwang für sich abzumildern. Die Freiheit zur Innovation würde viel weniger genutzt, wenn die Unternehmen sich auf ihrem Monopol-Ruhekissen ausruhen könnten und ihre Kunden sich als Bittsteller wie unfreie Untertanen an sie wenden müssten.

Freiheit ist ungleich verteilt. Wer mehr Geld hat, hat mehr Freiheit. Es ist das Konzept der Sozialen Marktwirtschaft, dafür zu sorgen, dass im Rahmen des marktwirtschaftlichen Systems die Ungleichheit in Grenzen bleibt. Diesem Konzept entspricht, dass in Deutschland ein Drittel des Sozialprodukts im Rahmen der Sozialpolitik umverteilt wird.

Wenn heute wachsende Ungleichheit beklagt wird, so muss aber vorausgeschickt werden, dass sich im Verlauf der letzten 120 Jahre der Lebensstandard in Europa und Nordamerika verzehnfacht hat, die Freiheit des Bürgers als Konsument also enorm zugenommen hat. Die Konsummöglichkeiten eines Empfängers von Sozialhilfe sind heute weitaus größer als die Konsummöglichkeiten eines Gymnasiallehrers vor sechzig Jahren. 

Dem ist gefolgt eine Freiheit des Lebensstils, wie sie vor 120 Jahren aus rein materiellen Gründen undenkbar war: Damals, als unverheiratete Pärchen nicht zusammen leben durften, als Kinder aus Geldmangel bei den Eltern wohnen bleiben mussten, als Scheidungen aus finanziellen Gründen meist unmöglich waren, als Homosexualität kriminalisiert war, als das Armutsproblem im Wesentlichen dadurch gelöst wurde, dass viele Menschen, die sich den Arzt nicht leisten konnten, einfach wegstarben.