Markt und Freiheit Freiheit fördert Zufriedenheit

Die Menschen brauchen die Möglichkeit, ihr wirtschaftliches Schicksal selbst zu beeinflussen. Eine Antwort auf Carl Christian von Weizsäcker und Ulrich Thielemann von Uwe Jean Heuser

Die moderne Marktwirtschaft entspricht dem Menschen nicht, man muss sie in ihrer Dynamik hemmen. Das ist im Wesentlichen die These von Prof. Thielemann, zu der Carl Christian von Weizsäcker das Notwendige geschrieben hat.

Der freiheitsstiftende Aspekt von Wettbewerb darf nicht untergehen, nicht im Diskurs, nicht in der Gesellschaft. Selbst der Bankenwahnsinn zeigt gerade nicht, dass uns die soziale Marktwirtschaft in den Abgrund zieht – sondern das Gegenteil. Auch der Finanzsektor braucht einen Ordnungsrahmen auf der Höhe der Zeit, wie die Wirtschaft insgesamt.

Anzeige
Uwe Jean Heuser
Uwe Jean Heuser

Der Journalist Uwe Jean Heuser studierte in Bonn, Berkeley, Köln und Harvard. Seit 1992 arbeitet Heuser für DIE ZEIT, wo er seit 2000 das Wirtschafsressort leitet. Der promovierte Volkswirt ist Autor einiger Sachbücher zu Wirtschaft, Politik und Gesellschaft. Sein Buch, Humanomics (Campus 2008) wurde als Wirtschaftsbuch des Jahres 2008 ausgezeichnet. Sein jüngstes Buch Was aus Deutschland werden soll erschien im Oktober 2009.

Natürlich entwickelt sich nicht nur die Ökonomie weiter; samt der Märkte, denen tatsächlich eine Tendenz zum Überdrehen innewohnt. Auch die Ökonomen denken weiter. Nicht zuletzt haben sie einen neuen Ansatz entwickelt, der auf dem tatsächlich zu beobachtenden – keineswegs immer rationalen und egoistischen – Verhalten der Konsumenten, Sparer oder Unternehmer fußt. Aus dieser Forschung und diesen Überlegungen ergeben sich spannende Folgen für die Bewertung und Weiterentwicklung der sozialen Marktwirtschaft. Lassen Sie mich das beispielhaft an der Forschung darüber darstellen, was Menschen dauerhaft zufrieden macht.

Wer hätte gedacht, dass die Ökonomen überhaupt zu einem ihrer Ursprünge aus dem 19. Jahrhundert zurückkehren würden, zur Erforschung dessen, was uns glücklich macht? So schön hatte ihre Disziplin diese Frage verschwinden lassen unter einem radikal subjektiven Nutzenkonzept. Was immer wir wählen, so sagt diese Theorie, zeigt, was besonders stark zu unserem Glück beiträgt.

Markt und Freiheit

Wie frei soll eine Marktwirtschaft sein, ab welchem Punkt ist staatliche Intervention Zwang und damit Unfreiheit? Über das Spannungsverhältnis von Freiheit, Markt und staatlicher Intervention schreiben in Gastbeiträgen für ZEIT ONLINE der Wirtschaftsethiker Ulrich Thielemann von der Universität St. Gallen, der Wettbewerbstheoretiker Carl Christian von Weizsäcker und Uwe Jean Heuser, Leiter der Wirtschaftsredaktion der ZEIT. Hier können Sie an der Debatte teilnehmen.

Man könnte diese Theorie als Ausdruck absoluten Vertrauens in die Menschen beschreiben, oder angesichts ihrer offensichtlichen Defizite auch als wirklichkeitsfern. Jedenfalls zeigen Verhaltensökonomen nunmehr seit Jahrzehnten mit empirischen, experimentellen und neurowissenschaftlichen Mitteln, dass Menschen keineswegs immer das wählen, was im Sinne ihres erlebten Nutzens oder auch des vorgestellten Nutzens optimal wäre.

Bye, bye, homo oeconomicus, winken diese Forscher. Und mit ihnen ist der Weg zur Glücksforschung nicht mehr weit.

Die wirkt auf den ersten Blick merkwürdig widersprüchlich. Einerseits erklärt sie, die Menschen sollten sich mitunter vom Materiellen entfernen. Andererseits zeigt sie, dass die Zufriedenheit vor allem in Ländern mit viel wirtschaftlichem Freiraum, viel Arbeit und Wohlstandswachstum zu Hause ist. Die Menschen brauchen anscheinend die Freiheit zum Wettbewerb und zur Leistung – aber worin die Wertschöpfung besteht, ist eben offen. Ein veränderter Kapitalismus wird vorstellbar, glücksaufgeklärt sozusagen. Er ist nicht weicher als der alte, auch nicht von staatlichen Regeln und Verboten durchzogen, aber doch besser darin, unter den heutigen wirtschaftlichen Bedingungen Zufriedenheit zu erzeugen.

Leser-Kommentare
  1. Bei all diesem Glück frage ich mich, wo das Glück der Exkludierten bleibt. Im Glück im desolaten Niedriglohnbereich zu arbeiten oder im Glück zu wissen, dass ein Lehrer vor 60 Jahren genau soviel konsumieren konnte wie ein Armer. Und da wir mittlerweile einen hochqualifizierten Niedriglohnsektor haben, ich will das jetzt nicht mit emotionalem Glück vermengen, so scheint das materielle Glück ja eher wenige zu treffen. Nehmen wir uns das zu Herzen, flexibilisieren wir und suchen Glück im Immateriellen. Weil, wenn unterm Strich Glückstumswachstum herrscht, können ja alle zufrieden sein.

  2. Die Grundthese von Herrn Heuser ist, dass Freiheit die Zufriedenheit fördert. Die Frage ist allerdings, ob die meisten Menschen in unserem Wirtschaftssystem so frei sind, wie sie glauben. Dazu trägt vor allem die missbräuchliche Anwendung des Flexibilitätsbegriffes bei. Flexibilität erhöht offensichtlich das potenzielle Glück des Individuums. Das gilt aber nur, wenn es eine selbst gewählte Flexibilität ist. Zumindest im Bereich des Konsums scheint uns diese Flexibilität gegeben. Aber damit hat es sich auch schon.

    Im Bereich des Arbeitsmarktes ist die Flexibilität fast ausschließlich eine passive, die uns abverlangt wird, statt eine aktive, über die wir gebieten. Der Arbeitnehmer hat „flexibel zu sein“, um dem Anpassungsdruck des Marktes zu genügen. Das führt am Ende zwar zu flexiblem Verhalten, das aber letztlich durch Fremdbestimmtheit oder Angst um den Arbeitsplatz oder Status genährt wird, statt durch den Wunsch nach Selbstverwirklichung. Insofern ist der letzte Satz des Artikels entlarvend: „Solche Gesellschaften verbreiten den Eindruck, das wirtschaftliche Schicksal selbst zu beeinflussen.“ Genau: Sie verbreiten den Eindruck, aber sie erreichen oft das Gegenteil.

    Der Grund, warum viele Menschen auf diesen Mechanismus hereinfallen, liegt darin begründet, dass man ihnen ständig erzählt, sie würden sich besser fühlen, wenn sie wirtschaftlich mehr erreichen als andere. Diese These teilt Herr Heuser: „Zufrieden ist der Mensch vor allem, wenn er mehr erreicht als andere.“

  3. Dabei wird übersehen, dass dieser Gedanke relativ jung ist; er datiert auf die Entstehungszeit des protestantischen Arbeitsideals im 16. Jahrhundert. Max Weber hat hierzu bereits 1904 die entscheidende Arbeit vorgelegt: „Die protestantische Ethik und der ‚Geist‘ des Kapitalismus“. Zwar hat es schon immer Menschen gegeben, die sich besser fühlen, wenn sie mehr haben als andere (Freud würde von narzisstischer Gratifikation sprechen). Aber erst mit dem Aufkommen des Protestantismus wurde dieses Denken zum nachahmenswerten Programm erhoben.

    Die meisten Menschen fühlen sich schon dann glücklich, wenn sie NICHT WENIGER haben, als die Gruppe, mit der sie sich vergleichen. Der Zwang dazu, immer mehr haben zu wollen als der Nachbar, entspringt einer Ideologie und ist keineswegs naturgegeben. Andernfalls müsste man buddhistischen Mönchen jedes Glücksgefühl absprechen. Auf diesen Zwiespalt des Kapitalismus und seine einseitige Besetzung von Glück hat schon Erich Fromm 1976 in seinem Hauptwerk „Haben oder Sein“ hingewiesen.

  4. Weiterhin ist festzuhalten, dass auch Wahlmöglichkeiten per se nicht nutzenstiftend sind. Wer keine Wahl hat, ist ein armer Tropf. Aber wer jeden Tag zwischen zig Dingen wählen muss, gefangen in der Angst, die falsche Entscheidung zu treffen oder etwas zu verpassen, der ist ebenfalls schwerlich als glücklich zu bezeichnen. Auch für die Anzahl der Wahlmöglichkeiten gilt (wie für den materiellen Wohlstand) das unerbittliche Gesetz des abnehmenden Grenznutzens: Jede Einheit an „mehr“ entfaltet weniger Nutzen als die Einheiten zuvor.

    Insgesamt bleibt bei mir der Eindruck, dass Herr Heuser eine Marktwirtschaft beschreibt, wie er sie gerne hätte und wie sie sich die Utilitaristen – die Urväter des Kapitalismus – gewünscht haben. Aber die reale Umsetzung ist von dieser Vision ziemlich weit entfernt. Wir sind wie Kinder, die statt mit Freheit und menschlicher Zuneigung nur mit Kuchen abgefüttert werden. Davon wird man dick und depressiv, aber nicht glücklich.

  5. ... wo steht eigentlich geschrieben (ausser in den Klassikern der politischen Oekonomie), dass sich Gesellschaften am Besten an einem einzigen Kardinalprinzip orientiert ordnen sollten? Mir geht die 'entweder/oder' Geste, mit der wir uns hier zu entscheiden haetten zwischen der 'dynamischen' Gesellschaft wettbewerblichen Engagements einerseits, und der Stagnation veraenderlichungsfeindlichen Besitzwahrungsdenkens andererseits, salopp gesagt, saumaessig auf den Zeiger.
    Die im Artikel zitierten Anthropologen, Neurologen, usw. und auch die raus-editierten Sozialphilosophen und politischen Analytiker, die das Material gegen 'Homo Economicus' bereitstellen, stellen ja gleichzeitig auch fest, dass die Bereitschaft zu Kooperation grundsaetzlich sehr viel staerker ausgepraegt ist, und sehr viel weniger mit rein strategischen Motivationsmustern zu tun hat, als uns die Wirtschafts- und ihre Hilfswissenschaften, abgesehen von ihren heterodoxen Randgestalten nach wie vor vorgaukeln. Also, wieso dann nicht den Wettbewerb 'einfrieden', die Schumptersche Dynamik der kreativen Zerstoerung (die uns mittlerweile ja schon den ganzen Planeten versaut) in streng 'umhegte' virtuelle Stadien, Arenen und aehnliche Institutionen einschreiben, und den kooperativen Impulsen zumindest allmaehlich die Chance verschaffen, tragfaehige soziale Institutionen zu Entwickeln?

  6. ...hatte er jeglichen Reiz für mich verloren. Heute fahre ich einen Kleinwagen und habe zwei tolle Kinder. / Als das große Haus abbezahlt war wurde die Ehe geschieden. Heute lebe ich glücklich in einem kleinen Appartment. / Als ich entschieden hatte weniger Geld zu verdienen. Hatte ich mehr Zeit um auf dem Sonnenbalkon Kommentare in Zeitonline zu schreiben. Aber frei bin ich immer noch nicht.

Service